Mobbing in Starnberg Muslimische Schüler am Pranger

  • Seit den Terroranschlägen in Paris werden muslimische Schüler an einer Starnberger Mittelschule beschimpft und unterschwellig bedroht.
  • Die Schulleitung betont, dass das ernst genommen wird. Es soll Projekttage zum Thema Religion und Verfolgung geben.
  • Einige Schulleiter im Landkreis betonen, dass die Religion bei den Schülern wieder eine größere Rolle spielt.
  • Islamischen Religionsunterricht gibt es in den Starnberger Schulen nicht. Ein Modellversuch dazu wurde in Bayern an anderen Schulen erprobt.
Von Blanche Mamer, Starnberg

Nach dem Unterricht wenden sich ein paar Schüler an ihre Klasslehrerin. Sie fühlen sich ausgegrenzt, werden von Mitschülern als Terroristen beschimpft, werden unterschwellig bedroht. Dass sie Muslime sind, war bisher kein Thema, doch seit den Terroranschlägen in Frankreich ist alles anders. "Wir sind keine Terroristen und auch keine Islamisten", versucht eine Achtklässlerin sich zu wehren. Sie ist eine von 31 Jugendlichen muslimischen Glaubens an der Mittelschule Starnberg. Bei 222 Schülern sind das 14 Prozent oder ein Siebtel.

"In den vergangenen Tagen sind mehrere Schüler zu mir gekommen und haben von Ausgrenzung berichtet", sagt Achtklasslehrerin Katharina Baur. "Wir nehmen das ernst", meint dazu Schulleiter Heinz Preßl. "Unsere Schule ist bunt." In der Lehrerkonferenz ist nun beschlossen worden, noch vor den Faschingsferien zwei Projekttage zum Thema Religion und Verfolgung zu organisieren. Und noch in dieser Woche wird der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer in die Schule kommen, von seinem Leben berichten und Fragen beantworten.

Wie viele Schüler islamischen Glaubens sind, ist nicht bekannt

Islamischen Religionsunterricht gibt es in den Starnberger Schulen nicht. Weder an den Grund- und Mittelschulen, noch an den weiterführenden Schulen. Die Schüler gehen in den Ethikunterricht, einige auch in katholische oder evangelische Religion. Der Modellversuch "islamische Unterweisung in deutscher Sprache" ist an etwa 200 bayerischen Schulen erprobt worden, keine Schule im Fünfseenland war dabei. Hier ist noch nicht einmal bekannt, wie viele Schüler überhaupt islamischen Glaubens sind, wer in eine Koranschule geht und wie viele den Glauben praktizieren.

"Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit"

Ab kommendem Schuljahr startet im Saarland ein Modellversuch mit islamischem Religionsunterricht. Bildungsminister Ulrich Commerçon erklärt, was er sich von dem Schritt erhofft und warum das Angebot nichts mit Integration zu tun hat. Interview von Matthias Kohlmaier mehr ... Interview

Das will Schulrätin Elisabeth Hirschnagl-Pröllmann jetzt ändern. "Bei der nächsten Schulleiter-Dienstbesprechung werde ich anregen, dass die Kollegen die Zahlen für mich zusammenstellen. Wir haben bis jetzt nur eine Erhebung über die Schüler mit Migrationshintergrund", sagt sie. Das sind - ohne die Schüler der Munich International School - rund zehn Prozent. Da auch das bayrische Kultusministerium beginne, offensiver mit der Frage Islamunterricht umzugehen, sei es notwendig, den Bedarf zu kennen. Bis jetzt sei jedenfalls keine entsprechende Forderung von Seiten der Eltern gekommen. Probleme wegen des Tragens von Kopftuch im Unterricht gebe es ebenfalls nicht.

Die Religion spielt bei den Schülern wieder eine größere Rolle

Die Starnberger Lehrerin Katharina Baur, die auch Kreisvorsitzende des BLLV ist, unterstützt die Petition des Lehrerverbandes und spricht sich dafür aus, Islamunterricht einzuführen. Doch es gebe nicht genügend Lehrer und schon gar keine Planstellen, bedauert sie. Und solange diese nicht geschaffen werden, glaubt sie nicht an den Willen des Ministeriums, etwas zu ändern. Selbst wenn sich die Eltern bisher nicht explizit für Islamunterricht ausgesprochen hätten, heiße das nicht, dass kein Interesse bestehe. "Die Jugendlichen leben ihre Religion. Sie fühlen sich unverstanden, wenn Witze über den Propheten kursieren." Grundsätzlich geht die Schulleitung auf besondere Bedürfnisse ein, nimmt Rücksicht auf islamische Festtage und den Ramadan. Diese Einstellung gilt für die meisten Schulen in Starnberg.

15,2 Prozent der Schüler der Mittelschule Gauting sind islamischen Glaubens, berichtet Schulleiter Udo Wiese. "Es gab eine große Betroffenheit nach den Anschlägen in Paris. Von einer Frontenbildung habe ich allerdings nichts mitbekommen", sagt er. Sicher ist, einige der Jugendlichen besuchen die Koranschule in der Pasinger Moschee. Von einer "überschaubaren Zahl an muslimischen Schülern" berichtet Sylke Wischnevsky, Direktorin am Otto-von-Taube-Gymnasium Gauting. Sie weist darauf hin, dass immer wieder Projekte, Vorträge und Diskussionsrunden organisiert werden, die sich mit Glauben und Toleranz befassten. Erst in der vergangenen Woche habe die Oberstufe einen Islam-Experten eingeladen. Die Religion spiele wieder eine größere Rolle bei den Schülern, hat Alexander Schröder, stellvertretender Direktor am Christoph-Probst-Gymnasium Gilching beobachtet. Dort kommen viele verschiedene Konfessionen und Bekenntnisse zusammen, allerdings gibt es nur wenige Muslime, "wobei nicht alle Schüler die Religionszugehörigkeit angeben", sagt er. Auch ohne Islam-Unterricht werde in Ethik und Sozialkunde ein interkulturelles Bewusstsein und Toleranz vermittelt.