Stadtpolitik Sozialreferat will Förderung für Dolmetscher-Service streichen

  • Wenn Menschen mit unzureichenden Deutschkenntnissen soziale oder gesundheitliche Beratungsstellen aufsuchen, helfen häufig speziell geschulte Dolmetscher.
  • Der sogenannte Gemeindedolmetscher-Service wurde bislang vom Sozialreferat bezuschusst.
  • Die Förderung soll eingestellt werden, da Dolmetscherleistungen künftig europaweit ausgeschrieben werden müssen.
Von Sven Loerzer

Über existenzielle Fragen wie Krankheit, erlittene Gewalt, Tod, Trauer und Sexualität zu reden, fällt vielen Menschen schon in ihrer Muttersprache schwer. Wenn Deutsch aber nicht die Muttersprache ist, mindert das die Chancen, Rat und Hilfe zu suchen bei sozialen und gesundheitlichen Problemen, obwohl die Stadt über ein gut ausgebautes System an Einrichtungen verfügt.

Sprachbarrieren zu überwinden und dabei auch kulturelle Sichtweisen nicht außer Acht zu lassen, das hat sich der vor mehr als 20 Jahren gegründete Gemeindedolmetscher-Service des Bayerischen Zentrums für Transkulturelle Medizin zum Ziel gesetzt. Doch nun sieht der gemeinnützige Verein seine erfolgreiche Arbeit bedroht, weil das Sozialreferat angekündigt hat, seine Förderung im Herbst einzustellen, da die Dolmetscherleistungen nun europaweit ausgeschrieben werden müssen.

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Mehr als 80 Sprachen hat der Dolmetscher-Service im Angebot, die Vermittlung funktioniert schnell und zuverlässig. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Menschen mit unzureichenden Deutschkenntnissen Rat und Hilfe bei psychosozialen und gesundheitlichen Fachstellen zu suchen. Leisteten die vermittelten Dolmetscher 1999 mehr als 3000 Einsatzstunden, so waren es 2016 bereits mehr als 45 000. Ein Fünftel dieser Zeit waren die Dolmetscher für die Bezirkssozialarbeit und die Vermittlungsstelle für Erziehungshilfen tätig, fast ebenso viel beim Amt für Wohnen und Migration im Asylbereich. Mit einem knappen Fünftel folgt das Dolmetschen für das Stadtjugendamt.

Der Dolmetscherservice ist auch in vielen Einrichtungen gefragt, in denen minderjährige Flüchtlinge betreut werden, in Frauenberatungsstellen, Jugendhilfeeinrichtungen und heilpädagogischen Tagesstätten. Anfragen kommen aber auch aus dem Gesundheitssektor, wie etwa aus den Kliniken und der Psychiatrie. Am häufigsten verlangt sind Arabisch sowie Dari/Farsi, die wichtigste Verkehrssprache Afghanistans.

Das Zentrum kümmert sich um die Auswahl und Qualifizierung sprachkompetenter Muttersprachler, die im Gespräch einem klar strukturierten Ablauf mit größtmöglicher Neutralität folgen sollen. Mehr als 300 freiberufliche Dolmetscher sind im Einsatz, doch weil viele, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, auf feste Stellen wechseln, startet der Verein immer wieder neue Trainingskurse, wie Vorsitzender Thomas Hegemann erklärt. "Unsere Qualität spricht für sich. Viele der Integrationsaufgaben sind nur leistbar, wenn der Dolmetscherservice zuverlässig funktioniert."

Viermal zwei Tage dauert diese Qualifizierung, dazu kommen Aufbauschulungen für spezielle Themen, etwa Trauma, Psychotherapie, Frauengesundheit oder Suizidalität. Spezielle Schulungen gibt es für den Einsatz bei Sexualaufklärung oder Palliativversorgung. Selbstverständlich gebe es Supervision und Qualitätsmanagement. Über die Vermittlungsstelle des Zentrums wird der Dolmetscher in der Regel drei bis vier Tage vor dem Einsatz bestellt. Im Notfall klappt es auch noch am gleichen Tag.

Vom Sozialreferat bekam das Zentrum bislang einen Zuschuss für diese Aufgaben, der wegen des stark gestiegenes Bedarfs für die Jahre 2017 bis 2019 von knapp 160 000 auf 420 000 Euro aufgestockt wurde. Außerdem erwarben das Sozial- und das Gesundheitsreferat als Großabnehmer Dolmetscherstundenkontingente für ihre Dienststellen und Dienstleister, die regelmäßig im Auftrag der Stadt tätig sind. Auch kleinere Einrichtungen konnten den Dienst kostengünstig nutzen, weil ja ein Teil der Kosten bereits über den städtischen Zuschuss für die Infrastruktur gedeckt war. So fiel neben dem einheitlichen Honorar und den Fahrtkosten für den Dolmetscher nur eine Verwaltungspauschale von 5,50 Euro pro Einsatz an. Ohne den städtischen Zuschuss "müssten wir den Betrag auf 20 bis 25 Euro anheben", sagt Hegemann. Für kleinere Einrichtungen, wie etwa Selbsthilfegruppen, "werden wir zu teuer", befürchtet Hegemann. Und zudem müsste das in Absprache mit der Stadt vor einem Jahr festangestellte Personal wieder entlassen werden.

Die Stadtratsfraktion der Grünen/Rosa Liste hat deshalb in einem Antrag gefordert, dass das Sozialreferat den Fortbestand des Gemeindedolmetscher-Services sichern soll. Nur so sei eine Gleichbehandlung von Menschen, die Deutsch nicht genug beherrschen, zu gewährleisten.

Das Sozialreferat sieht nicht die Gefahr, dass am Ende der Preis entscheide

Um den Fortbestand des Dolmetscher-Services sorgen sich auch die Schwangerschaftsberatungsstellen der freien Träger München. Die Dolmetscher seien für das kultursensible Übersetzen im Kontext von Sexualität, Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikt geschult, schreiben die Träger an die Rathausfraktionen. "Dass Ratsuchende sich in ihrer Muttersprache mit ihren Anliegen und Nöten Gehör verschaffen können, ist unserer Ansicht nach ein wesentlicher Bestandteil von interkultureller Öffnung und Integration." Der Schutz des ungeborenen Lebens sei eine zentrale Aufgabe: "Dies kann nur bei sprachlicher Verständigung gewährleistet werden." Bei einer Anhebung der Honorarsätze seien die Kosten für die Beratungsstellen jedoch nicht mehr tragbar.

Dennoch will Sozialreferentin Dorothee Schiwy dem Sozialausschuss des Stadtrats am Donnerstag vorschlagen, die Förderung zum 1. Oktober einzustellen. Die Stadt müsse den Rahmenvertrag für die Dolmetscher-Kontingente, der Ende des Jahres auslaufe, neu ausschreiben. Die Ausschreibung der benötigten rund 31 000 Dolmetscherstunden jährlich, die nun aufgrund des Umfangs europaweit erfolgen müsse, sei vergaberechtlich aber nicht möglich, wenn Zuschüsse fließen.

Um kleineren Trägern zu ermöglichen, weiterhin vergünstigt Dolmetscherleistung abzurufen, will Schiwy ihnen auf Antrag die Vermittlungsgebühr teilweise erstatten, wofür ein Budget von bis zu 90 000 Euro vorgesehen werden soll. Die Sorge des Vereins, dass bei der Ausschreibung nur der günstigste Preis entscheide und damit ein billiger Anbieter, der keine vergleichbare Qualität gewährleisten kann, den Zuschlag erhält, teilt Schiwy nicht. Denn die Qualität müssten die Bieter durch ein fundiertes Konzept zur Qualitätssicherung und zum Beschwerdemanagement nachweisen. Das Konzept gehe mit 70 Prozent Gewichtung in die Beurteilung ein, der Preis nur mit 30 Prozent.

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