TSV 1860 München Fast geschenkt

Schon wieder Grund zu feiern: Aufstiegstrainer Daniel Bierofka (Mitte, neben Philipp Steinhart, rechts) kann nun in seine Wunschspieler Stefan Lex (Ingolstadt) und Quirin Moll (Braunschweig) investieren.

(Foto: Harry Langer/imago/Eibner)

Investor Ismaik stellt den Löwen zwei Millionen zur Verfügung - und erfüllt Trainer Bierofkas Wunsch nach Verstärkung.

Von Philipp Schneider

Wer sich zurücklehnt und das große Ganze beim TSV 1860 München betrachtet, dem kann es manchmal so vorkommen, als sei dieser Klub schlicht ein perfektes Biotop, um die herrlichsten Sprüche hervorzubringen. Die Protagonisten dieses zwischenzeitlich in die Regionalliga versunkenen und bald wieder in der dritten Liga startenden Vereins haben eine ganze Reihe von erinnerungswürdigen Sprüchen zusammengetragen. Und zwar Funktionsträger auf allen Hierarchieebenen und unabhängig davon, in welcher Liga die Löwen gerade spielten. So erinnert man sich, allein schon wegen ihres komödiantischen Gehalts, sehr gerne an Sprüche wie "Der Fisch stinkt vom Kopf her" (Geschäftsführer Stefan Ziffzer über Präsident Albrecht von Linde), "Marius ist ein super Fußballer, aber ein fauler Drecksack" (Trainer Ricardo Moniz über Marius Wolf) und, das ist noch gar nicht so lange her, an einen Satz des noch immer amtierenden Vize-Präsidenten Hans Sitzberger über Investor Hasan Ismaik: "Wenn er will, kann er uns ja Geld schenken."

Sitzberger sagte dies nach Sechzigs tiefem Fall aus der zweiten in die vierte Liga, nachdem er gemeinsam mit seinen Präsidiumskollegen Robert Reisinger und Heinz Schmidt beschlossen hatte, keine weiteren Darlehen des jordanischen Geschäftsmanns mehr zu akzeptieren.

Vieles deutet darauf hin, dass eine Finanzierung mit Genussscheinen einmalig bleiben wird bei 1860

Ein Jahr ist seither vergangen. Und nicht einmal Sitzberger hätte wohl erwartet, dass sich die Realität bei 1860 seiner pointierten Forderung einmal so sehr annähern würde wie an diesem Donnerstag.

Am Donnerstag verschickte der Klub eine gemeinschaftliche Erklärung beider Gesellschafter. Darin verkündeten sie, es sei beschlossen worden, sämtliche Altverbindlichkeiten ohne Bedingungen zu stunden. Und noch mehr: "Hasan Ismaik stellt in Form von Genussrechten zwei Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln zur Verfügung, um insbesondere den Spielerkader zu verstärken und die Verträge des Trainer- und Funktionsteams zu verlängern." Das war erstaunlich. Geld, das in Form von Genussrechten fließt, zeichnet sich vor allem durch zwei Eigenschaften aus: Es wird in der Bilanz nicht als Schulden angerechnet. Und eine Rückzahlung wird erst dann fällig, wenn der Schuldner Gewinn erwirtschaftet (was im Falle von 1860 in den kommenden Jahren nicht zu erwarten ist). Genussrechte sind mithin keine Schenkung. Aber sie kommen (zumindest bei 1860) einer Schenkung maximal nahe.

Schon in der Vergangenheit hatte Ismaik Darlehen in Genussrechte gewandelt. Allerdings immer nur, wenn es bilanziell notwendig war, um die Lizenzierung bei der DFL nicht zu gefährden. Und stets hat er diese Umwandlung an Forderungen geknüpft, die die Vereinsvertreter umzusetzen hatten. Insofern ist wahrlich Unerhörtes geschehen am Verhandlungstisch, an dem in den vergangenen Wochen vor allem Karl-Christian Bay, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und Vertreter des Vereins, Ismaik-Sprecher Saki Stimoniaris und Geschäftsführer Michael Scharold gesessen hatten.

Und doch deutet vieles daraufhin, dass dieser Finanzierungskompromiss nicht als Blaupause für die Zukunft taugt, sondern einmalig bleiben wird, weil er einer Vielzahl von besonderen Umständen zu verdanken ist.

Dem Vernehmen nach hat Trainer Daniel Bierofka, der das Geld nun in seine Wunschspieler Stefan Lex (Ingolstadt) und Quirin Moll (Braunschweig) investieren kann, in den vergangenen Wochen zarten bis harten Druck auf beide Gesellschafter ausgeübt, sein sportliches Budget möge bitteschön erhöht werden, ansonsten sei für ihn eine Vertragsverlängerung bei 1860 nicht das einzige denkbare Zukunftsszenario. Bierofkas Wunsch konnte sich angesichts der Popularität des Trainers keine Seite mit Vehemenz erwehren.

Hinzu kam die spezielle Gemengelage, dass beide Seiten Versprechen abgegeben hatten, die sie halten mussten, um ihr Gesicht zu wahren. Die Vereinsvertreter mussten irgendwie vermeiden, die Fußballfirma mit neuen Schulden zu belasten. Und Ismaiks Sprecher Stimoniaris musste versuchen, nach seiner vollmundigen und vorschnellen Ankündigung, Bierofkas Wünsche würden "zu 100 Prozent erfüllt", zumindest noch die zwei Vorderhufe einer Kuh vom Eis zu bekommen, die er selbst dorthin geschoben hatte. Deshalb also dieser ungewöhnliche Kompromiss.

Und da nun alle Beteiligten ihr Gesicht gewahrt zu haben scheinen, fällt nicht so stark auf, welche Forderungen Investoren- und Vereinsvertreter jeweils nicht durchbringen konnten. Ismaik hatte eigentlich ein in der Zukunft möglicherweise notwendiges Darlehen des Hauptsponsors "Die Bayerische" über zwei Millionen Euro vorab ablösen wollen. Dazu kam es nun nicht. Nach SZ-Informationen hat die Zusage der Versicherung weiter Bestand, wenn auch zu angepassten Zins-Konditionen. Die Vereinsvertreter wiederum hatten weitere Zahlungen Ismaiks lediglich in Form eines Sponsorings akzeptieren wollen. Das gibt es nun ebenfalls nicht. Es gibt lediglich reichlich Genussscheine. Auch wenn diese im Falle von 1860 in der Gegenwart nicht viel wert sein mögen, so könnten sie doch eines fernen Tages mal etwas wert sein. Sie sind Ismaiks Wette auf die Zukunft.