Fußball Elf Freunde, eine Familie

Nach schwerer Verletzung beendet der ehemalige Drittliga-Profi Michael Kokocinski seine Karriere. Inzwischen berät der 33-Jährige mit seiner Firma Sportler in Versicherungsfragen.

Von Raphael Weiss

In der Partie gegen die SpVgg Landshut steigt Michael Kokocinski zum Kopfballduell. Eine Situation, wie er sie unzählige Male in seiner Karriere hatte - es sind die letzten Momente, die er als aktiver Fußballer erlebt. Der Ellbogen seines Gegners kracht gegen seinen Kiefer. Kokocinski hat Schmerzen, spielt weiter. "Ich glaube, da war der Kiefer schon durch", erinnert er sich. Wenig später trifft der Ellbogen des gleichen Spielers erneut Kokocinskis Kiefer und zerstört nicht nur Knochen, sondern auch die letzten Jahre einer Fußballerlaufbahn. Kokocinski wird operiert. Es gibt Komplikationen, die Wunde entzündet sich, sein Kopf schwillt an. "Ich dachte, das war's für mich", sagt er mit einigen Monaten Abstand. Eine zweite OP hätte ihm entweder die Karriere retten oder eine Gesichtshälfte für immer lähmen können. Ein hohes Risiko. "Das war es mir nicht wert", sagt er.

Michael Kokocinski, 33, kennt den Münchner Fußball wie kaum ein anderer. In seiner 14-jährigen Laufbahn spielte er für 1860 II, den FC Bayern II, Offenbach, Burghausen, Rosenheim und zuletzt den Landesligisten Türkgücü-Ataspor. Seine Laufbahn beginnt gleichzeitig mit der von Bastian Schweinsteiger. Zwei defensive Mittelfeldspieler in der Jugend von 1860 Rosenheim, beide träumen vom Profifußball - und beide wechseln deshalb nach München. Der eine zum FC Bayern, der andere zum TSV 1860. Sie spielen in Derbys gegeneinander. Mit 17 trainiert Kokocinski erstmals mit den Profis, ein Jahr später bereitet er sich mit ihnen auf die neue Saison vor. "Dem Michael Hofmann habe ich im Training mal zwei Pflaumen eingeschenkt, der ist ausgeflippt. Ich bin weggelaufen und habe mich hinter Agostino versteckt", erinnert er sich an seine ersten Einheiten.

Der SV Türkgücü wird Michael Kokocinskis letzte Station.

(Foto: Claus Schunk)

Für Kokocinski scheint sich alles zu fügen - dann entzündet sich sein Schambein. Sieben Monate Pause. Die Verletzung verhindert seine Teilnahme an der U20-WM 2005. Als er zurückkehrt, bieten ihm die Löwen nur einen Amateurvertrag an. "Das hat mich tief getroffen, ich hatte jahrelang alles für den Verein gegeben", sagt Kokocinski. Sein damaliger Berater rät ihm zum Wechsel zu Bayern II. Er spielt gemeinsam mit Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Linke. "Heute hätte ich wohl versucht, mich bei den Blauen durchzubeißen. Aber ohne die Bayern wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin", sagt Kokocinski. Von Hermann Gerland habe er gelernt, wie wichtig Disziplin und Ehrgeiz sind, von Linke, "dass ich bei jedem Kopfballduell das Knie hochziehen soll. Nach dem ersten Mal hat der Stürmer keinen Bock mehr." Für den Schritt zu den Profis reicht das nicht. Trotzdem darf er mit ihnen in zwei Freundschaftsspielen auflaufen: "Vor mir Ribéry, hinter mir Kahn, neben mir van Bommel. Das war ein besonderer Moment", schwelgt er.

"Heute hätte ich wohl versucht, mich bei den Blauen durchzubeißen. Aber ohne die Bayern wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin."

"Linksfuß, zweikampfstark, gute Mentalität", so erinnert sich sein Jugendtrainer Walter Schellenberg an ihn. Kokocinski war immer ein Teamplayer, stellte sich in den Dienst der Mannschaft. Er selbst beschreibt es so: "Ich wollte es meinen Mitspielern so einfach wie möglich machen. Wir hatten in Offenbach einen Zehner, Tufan Tosunoglu, für den bin ich jedes Spiel fünf Kilometer mehr gelaufen, weil der jederzeit ein Spiel entscheiden konnte."

Von den Bayern wechselt er nach Offenbach, 3. Liga, spielt anfangs fast jedes Spiel, plötzlich sitzt er nur noch auf der Bank. "Sportlich war das die schwierigste Phase meiner Karriere", erzählt Kokocinski. Dann erkrankt seine Mutter schwer. Um bei seiner Familie zu sein, wechselt er zum Ligarivalen Wacker Burghausen. Kokocinski ist mit 25 Stammspieler, doch am Ende der Saison möchte er kein Profifußballer mehr sein: "Ich habe mich damals entschieden: Ich breche alles ab und gehe dahin zurück, wo ich angefangen habe." Zu schlecht war die Perspektive auf den Durchbruch, zu düster der Blick auf die Zeit nach der Karriere. Schellenberg, mittlerweile Trainer bei 1860 Rosenheim, bietet ihm einen Vertrag und eine Ausbildung an. 2010 gewinnt die Mannschaft mit Kokocinski als Rückhalt die Bayernliga und den Toto-Pokal. "Das war meine schönste Saison. Wir haben uns als Mannschaft verewigt", sagt Kokocinski. Eigentlich sollte Rosenheim seine letzte Station werden. Doch 2014 ruft wieder Schellenberg an, er will Kokocinski als Leitwolf für die Amateure von 1860 München.

Also kehrt Kokocinski acht Jahre nach seinem Abschied zurück zu seinem "Herzensverein". Als spielender Co-Trainer soll er an der Seite von Daniel Bierofka den Nachwuchs auf die Karriere vorbereiten. Er stellt fest: Die Jugendspieler haben sich eine halbe Fußballergeneration später verändert, sie seien professioneller geworden, achteten auf ihre Körper. Dennoch fehlt ihm etwas: "Bei uns ging es damals um Fußball, Fußball, Fußball. Da hast du dich im Training fast geprügelt, da war mehr Charakter." Er selbst wollte bei den Löwen den Einstieg als Trainer schaffen, doch Bierofka brachte ihn davon ab: "Bierofka beschäftigt sich von früh bis spät mit Fußball. Ich will für meine Familie da sein. Das war schwer zu vereinbaren."

Also wechselt er noch einmal, zu Türkgücü, sechste Liga. Selbst hier stößt er mit der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und großen Ambitionen eines Vereins an Grenzen. Er trainiert unregelmäßig, spielt selten. Die Partie gegen Landshut ist erst seine siebte in der Saison - und die letzte seiner Karriere. "Ich bin niemandem böse, aber weder der Verein noch der Spieler haben sich bei mir entschuldigt", sagt er.

Sein Gesicht erzählt mittlerweile nichts mehr über die Verletzung. Er sitzt im Sportsakko in einem Münchner Café, auf dem Tablet die Webseite seiner neuen Firma, am Telefon Michael Pointvogel, ehemaliger Mitspieler aus Rosenheim, mit dem er zusammenarbeitet. "Das Netzwerk, das ich mir als Fußballer aufgebaut habe, nutzt mir jetzt. Ich weiß, wer gut ist, wem ich vertrauen kann." Kokocinski hat durch die Verletzung verstanden, dass besonders am Anfang der Karriere ein unglücklicher Zweikampf den Unterschied zwischen Profisport und finanziellem Ruin bedeuten kann: "Die jungen Spieler machen sich darüber keine Gedanken, ich war ja genau so. Einen Amateur kann so eine Verletzung die Existenz kosten. Ohne Absicherung hätte ich jetzt zwei Monate lang gar nichts verdient." Eine Zeit, in der er sich viele Gedanken gemacht hat und in der er beschloss, "care4sports" zu gründen. Eine Firma, um Sportler zu versichern, aufzuklären und bei der Rehabilitation zu unterstützen. "Ich gebe jetzt Vorträge und richte mich vor allen Dingen an die Jungen und deren Eltern." Dem großen Sprung zu den Profis, den er selbst verpasst hat, trauert er nicht nach. Er ist zufrieden mit dem, was er erreicht hat: "Ich habe drei wunderbare Kinder, bin seit zehn Jahren verheiratet und habe bisher ein super Leben gehabt. Der Fußball hat mir viel ermöglicht. Ich hätte nur gerne einmal in der Allianz Arena gespielt." Mit seiner Firma könnte er einem jungen Profi genau dabei helfen.