Fußball Altherrendämmerung

Von den großen Plänen des einst hoch ambitionierten Bayernligisten SC Fürstenfeldbruck ist wenig übrig. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter gerät zwischen die Fronten eines gespaltenen Klubs.

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Der Fußball birgt bisweilen die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen. Zu hoch hinaus zu wollen. Zu viel Geld auszugeben. Der SC Fürstenfeldbruck, der einst zu Bayerns besten Amateurklubs gehörte, wollte hoch hinaus, die Regionalliga hatten sie dort mal ins Auge gefasst und sich zwischenzeitlich als erster Amateurverein gefeiert, dessen Stadion nach einem Sponsor benannt wurde. Mittlerweile kickt der Verein aus der Großen Kreisstadt im Westen von München in der siebtklassigen Bezirksliga. Sein Verbleib dort ist weder sportlich noch rechtlich sicher, das Team steht in der hinteren Tabellenhälfte und der Verein finanziell am Abgrund. Vor einem halben Jahr meldete er Insolvenz an. Dass das Verfahren eröffnet wird, konnte er vor drei Wochen im letzten Moment noch verhindern.

Damit der Verein weiter bestehen kann, müssen allerdings die Vergleichsverhandlungen mit den Gläubigern erfolgreich verlaufen. Nach einer Betriebsprüfung durch das Finanzamt Fürstenfeldbruck verlor der SCF für die Jahre 2010 bis 2013 die Gemeinnützigkeit - ein Super-GAU für einen eingetragenen Verein, weil er damit steuerliche Vorteile verliert. 220 000 Euro Steuern sollte er fortan nachzahlen - das war nicht möglich. Beanstandet hatten die Betriebsprüfer, dass in den untersuchten Jahren nicht alle Einnahmen erfasst oder vollständig belegt sind. Ins Blickfeld gerieten unter anderem ein Gastspiel des FC Bayern München und ein Public Viewing, beides im Jahr 2012.

Einige wollen ihn loswerden: Jakob Ettner.

(Foto: Günther Reger)

Das Public Viewing zur damaligen Fußball-Europameisterschaft wurde dem SCF als Veranstalter zugerechnet, weil die Genehmigungen der Stadt auf ihn ausgestellt waren. Dabei behauptet der damalige Vizepräsident Eckart Lutzeier, dass seine Firma den Event auf dem SCF-Gelände durchgeführt und dabei ein fünfstelliges Minus gemacht habe. Auch über die Zuschauerzahlen beim Gastspiel des FC Bayern im Herbst 2012 gibt es unterschiedliche Angaben. Weil genaue Nachweise fehlten, nahm das Finanzamt Schätzungen vor. Schadenswiedergutmachung wollte die ehemalige Vereinsführung nicht leisten, obwohl sie der vorläufige Insolvenzverwalter Oliver Schartl dazu aufgefordert hatte: Einen Teil jener 100 000 Euro sollte sie übernehmen, die der Verein für die Vergleichsverhandlungen sammeln musste. Dafür sagte die Stadt Fürstenfeldbruck zu, 30 000 Euro als Darlehen aus jener Summe vorzustrecken, die der Verein jährlich für Pflege und Unterhalt des städtischen Sportzentrums, seiner Heimstatt, erhält.

Doch mit der kurzfristig verhinderten Insolvenzeröffnung ist noch längst nicht alles gut beim Sportclub. Zu allem Überfluss wuchsen sich mitten im Überlebenskampf die ohnehin vorhandenen Streitigkeiten innerhalb des Vereins zu einem veritablen Machtkampf um die Führung aus. Erst recht, als der vorläufige Insolvenzverwalter bekannt machte, dass die zweckgebunden gesammelten Spendengelder nur dann zur Verfügung stehen werden, wenn die für die Einleitung der Sanierung verantwortliche Vereinsführung unter dem amtierenden Präsidenten Jakob Ettner im Amt bestätigt wird.

Oliver Schartl, vorläufiger Insolvenzverwalter

"Es ist deutlich geworden, dass für den einen oder anderen selbst ernannten Retter des Vereins gerade nicht dessen Wohl, sondern vermutlich eigene Interessen im Vordergrund stehen."

Dabei wäre einer Opposition im Verein, angeschoben vom Ehrenpräsidenten Albrecht Huber und dem ehemaligen Ehrenpräsidenten Hans Hahn, nichts lieber, als wenn Ettner endlich das Feld räumen würde. Die beiden Altvorderen hatten sich ebenfalls an der Akquise der für die Rettung notwendigen Spendengelder versucht, so dass die kuriose Situation entstand, dass zwei Lager dasselbe Ziel verfolgten, aber partout nicht zusammenarbeiten wollten. Im Gegenteil. Huber organisierte einen Spendenabend, der finanziell wenig einbrachte, aber - so stellte sich hinterher heraus - auch dazu dienen sollte, Ettner los zu werden. Es klappte nicht.

Parallel dazu beantragte Huber beim Registergericht am Amtsgericht München die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit Neuwahlen, weil die turnusmäßige Versammlung, die laut Satzung im ersten Quartal hätte stattfinden müssen, Ende März noch nicht terminiert war. Mittlerweile steht fest, dass sie am 17. Mai abgehalten wird.

Unter tatkräftiger Mithilfe von Huber und Hahn bildete sich im Umfeld der Altherrenfußballabteilung, die sich Alte Liga nennt, ein Kandidatenteam, das Ettner bei den Wahlen stürzen will. Zu Wochenbeginn dann die nächste Volte im Verein: Die Abteilung Alte Liga wurde per Vorstandsbeschluss aufgelöst. Deren langjähriger Leiter Gerhard Knöchel, der seit mehr als 40 Jahren zum Establishment des Vereins zählt, hatte sich selbstherrlich über Vorgaben hinweg gesetzt und über Vereinsgelder auf dem für die Alte Liga eingerichteten Konto verfügt - ohne Rücksprache mit dem Vereinschef und ohne die in dieser Phase notwendige Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters. Dieser monierte das in einem Schreiben an Knöchel ausdrücklich. Knöchel selbst ist sich keiner Schuld bewusst. Zur SZ sagte er dazu vor vier Wochen: Die Alte Liga habe, weil bereits das Abteilungskonto gepfändet worden war, beschlossen, Geld abzuheben, "um handlungsfähig zu bleiben".

Es sind Handlungsmuster wie diese, die Ettner, seit 2014 im Amt, aufstoßen: "Es gibt hier eine Abteilung, die losgelöst von vereinsrechtlicher Thematik für sich alleine regiert. So ist es nicht möglich, den Verein in Verhandlungen für die Zukunft zu führen." Insolvenzfachmann Schartl schrieb Ende März an die Mitglieder: "Es ist deutlich geworden, dass für den einen oder anderen selbst ernannten Retter des Vereins gerade nicht dessen Wohl, sondern vermutlich eigene Interessen im Vordergrund stehen." Im Falle einer neuen Führung kann das Sanierungskonzept laut Schartl schon aus Zeitgründen nicht mehr umgesetzt werden, denn das vorläufige Insolvenzverfahren kann nicht über den 31. Mai hinaus verlängert werden. Dann müsste die Insolvenz doch eingeleitet werden. Dann würde das Bezirksligateam automatisch als erster Absteiger feststehen und der SCF seinen Status als DFB-Stützpunkt verlieren.