Der Antrag der SPD in Haidhausen klingt paradox: Die Sozialdemokraten wollen Radwege abbauen, um den Radlern was Gutes zu tun - und finden dafür auch eine Mehrheit.
Es mutet mittlerweile an wie ein Glaubenskrieg: Wer ist im Straßenverkehr der wahre Böse? Der rücksichtslose Autofahrer, der regelmäßig Radler übersieht? Der rasende Radler, der keine Verkehrsregeln kennt und ungebremst über Straße, Radlerweg und Bürgersteig gleichermaßen brettert? In Teilen der SPD hat man nun mal wieder den Zweiradfahrer als potentielle Gefahr für Alte, Kranke und Kinder entdeckt. In einem paradox wirkenden Antrag fordert die SPD-Fraktion im Bezirksausschuss Haidhausen, ein "Radwegerückbauprogramm" aufzustellen - "mit dem Ziel, den Fuß- und den Radverkehr zu fördern".
Bild vergrößern
Die SPD in Haidhausen will die Radfahrer zurück auf die Straße bringen. (© Catherina Hess)
Anzeige
Radwege abbauen, um den Radlern Gutes zu tun? Tatsächlich gibt es unter Verkehrsexperten seit Jahren die Diskussion, ob der Radverkehr wieder verstärkt zurück auf die Straße verlagert werden und nicht allein den motorisierten Verkehrsteilnehmern überlassen bleiben soll. Radspuren statt Radwege, lautet die Devise. Tatsächlich entstehen derzeit an mehreren Stellen in der Stadt die deutlich markierten Spuren, besonders auf größeren Ausfallstraßen - etwa der Rosenheimer Straße zwischen Gasteig und Rosenheimer Platz. Den Autofahrern wird eine Spur genommen, dafür sind die Radler vom Fußgängerbereich verbannt.
Nina Reitz, Fraktionssprecherin der Haidhauser SPD, hat mit ihrem Vorstoß im Bezirksausschuss jedoch auch Kopfschütteln ausgelöst. Reitz geht es nämlich vor allem um Aufklärung - weil kaum ein Radler wisse, dass es "benutzungspflichtige und nicht benutzungspflichtige Radwege" gibt. Die Pflichtradwege, so doziert Reitz in ihrem Antrag, sind die mit den blauen Verkehrsschildern und dem weißen Radl drauf, die anderen sind einfach nur da. "Wenn dies bekannt wäre, könnten sich langsame Radfahrer auf dem Radweg aufhalten, zügige Radfahrer auf der Straße", so die SPD. Damit würde sichergestellt, "dass Kinder, Hunde, wacklige oder unaufmerksame Fußgänger nicht in Konflikt mit rasenden Ralern geraten".
Der SPD schweben auch schon einige abbauwürdige Radwege vor: etwa in der Steinstraße zwischen Innerer Wiener Straße und Genoveva-Schauer-Platz, der Kirchenstraße und der Wörthstraße zwischen Metzstraße und Metzger- beziehungsweise Steinstraße. Der Plan hätte zur Folge, dass die Radler alle paar hundert Meter vom bisherigen Radweg auf die Straße ausweichen müssen - und das in einem Bereich, wo die Trambahngleise nahe an den Fahrbahnrand reichen.
Warum soll man diese Schutzstreifen für langsamere Verkehrsteilnehmer vernichten?", fragt sich Werner Walter, stellvertretender Ausschussvorsitzender. "Mehr Rücksicht würde auch genügen." Der Grüne im Bezirksausschuss plädiert dafür, "nicht alles zu reglementieren". Damit befindet er sich im Gremium aber in der Minderheit. Nun soll also ein Radwegerückbauprogramm den Weg in Richtung Radlhauptstadt weisen - wenn es nach dem Willen des Ausschusses ginge.
- Thema
- Stadt aktuell RSS
(SZ vom 25.10.2011/bica)
Bundespräsident Gauck in Israel
Die neueste Antwort
Die rechtliche Situation mit den noch vorhandenen, aber nicht benutzungspflichtigen Radstreifen ist leider praktisch niemandem klar. Autofahrer schimpfen (und nicht nur das), wenn Radfahrer auf der Straßen fahren, während ein nicht benutzungspflichtiger Streifen auf dem Bürgersteig existiert. Radfahrer sind unsicher, ob sie das, was wie ein Radstreifen aussieht, benutzen dürfen, obwohl kein Radwegzeichen existiert. Fußgänger übersehen sowohl benutzungspflichtige Radwege als auch Radstreifen und auf Kinder müssen Begleitpersonen besonders aufpassen bei Radstreifen auf dem Bürgersteig, damit die Kinder nicht spontan vors Rad laufen.
Wissen Sie, wer was darf? Woran man einen Radweg erkennt? Woran einen nicht benutzungspflichtigen Radweg, den man aber benutzen darf?
Diese Verunsicherung kann man durch verstärkte Information beheben und durch intuitiv erfassbare bauliche Gestaltung. Die Stadt München hat hier bisher leider kein Konzept.
alles woran ein Autofahrer dabei denkt ist ja wohl der letzte Zoobesuch!
Radlhauptstadt wie größenwahnsinnig kann man sein???
Das ist und bleibt ne Autostadt
noch mehr Unfähige auf der Straße. Als ob es nicht schon reicht das die meisten nicht in der Lage sind ein Auto zu fahren. Ne jetzt kommen auch noch die 2 Rad Gurken hinzu.
Radler sind keine homogene Gruppe, von Geschwindigkeiten zwischen 5 und 40 km/h ist alles dabei. Bei Autos ist es leicht, die fahren alle mit 120 bis 140 Prozent der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und stehen sich allein wegen ihrer überragenden Anzahl und Masse gegenseitig im Weg.
Und diese Maßnahme braucht Ihr auch gar nicht ins Lächerliche zu ziehen. Macht Euch mal schlau, etwa auf den Seiten von Bernd Sluka, anstatt ewig die gleichen Stereotypen abzulassen. Es ist vielmehr paradox, Geradeausverkehr rechts von Rechtsabbiegern zu führen. Es ist paradox, schnelle Radler mit Fußgängern zu mischen.
Und hört mir bloß auf mit "Rücksicht". Die muß man sowieso walten lassen, aber sie kann keine klaren Regeln ersetzen. Genauso wenig wie die "Toleranz" klare Werte ersetzen kann.
@Gartenschnittlauch: Sie überschätzen die Autofahrer! Gehupt und geschnitten wird immer, ob blaues, weißes oder gar kein Schild, sowie irgendein Wegelchen neben der Fahrbahn existiert, das über Schwebebalkenbreite hinausgeht.
Und bitte - es mag spitzfindig klingen: Sie schreiben Straße und meinen Fahrbahn. Die Fahrbahn ist das, wo Fahrzeuge, also auch unmotorisierte Zweiräder hingehören! Die Straße ist das ganze Konstrukt aus Fahrbahn, Gehweg, evtl Parkbuchten, Sonder(Rad)wegen.
Wobei auch Radspuren eine trügerische Sicherheit bieten. Laßt doch die Leute wieder radfahren lernen! Im normalen Verkehr mit allen Rechten und Pflichten, wie vor der großen Motorisierung. Heute lernen die Kinder, sich von Gehweg zu Gehweg, von Bordstein zu Bordstein zu hangeln, möglichst zu verschwinden, um dann doch völlig unvermittelt über den Zebrastreifen zu zischen. Hauptsache, sie haben Helmchen und Warnwesten an, die helfen dann auch nix.
Rückbau kostet Geld, das ist eine Binsenweisheit!
Der "Radweg" in der Steinstrasse ist in der aktuellen Breite sowieso nicht legal, und damit nicht Benützungspflichtig.
Der neue Radweg in der Rosenheimerstr. stadtauswärts am Motorama entlang ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings was passiert mit dem Lieferverkehr? Die Gebotsschilder am alten Streifen sind abgebaut(ging selten schnell), damit sind die verbliebenen, blinden, Radler illegal unterwegs die den ex-Radweg immer noch benützen.
Eine Verbesserung für die Fußgänger die die Fußgängerampel an der Aus-/Einfahrt der Gasteigtiefgarage benutzen wäre wünschenwert, nämlich eine Ampel die es den Fußgängern ermöglicht gefahrlos den Radweg zu überqueren. Eine (generell mißachtete) Radfahrerampel gibt es nur direkt an der Ausfahrt.
Engagierte Radfahrer bringen es rosenheimerbergabwärts auf beeindruckende Geschwindigkeiten!
Ein Toter, egal ob Radler oder Fußgänger, ist nur eine Frage der Zeit.
Mein Co-Kommentator meinte das die alten, z. T. nichtgenehigungsfähigen bzw. aufgelösten Radwege zusammen mit den anliegenden Fußgängerwegen von Radlern und Fußgängern gemeinsam benutzt werden sollen. Das ist jedoch für die Radler jedoch ein zweischneidiges Schwert, bei einem Unfall mit einem Fußgänger greift die Gefährdungshaftung. D. h. der Radler ist immer, verschuldensunabhängig, mit einer mind. 30 % Schuld dabei.
Übrigens nicht alle ausgeschilderten Radwege sind für den Radverkehr geeignet, damit illegal und die Schilder müssen entfernt werden. Ein Blick ins Straßenverkehrsgesetz bringt Klarheit.
Paging