Oktoberfest Siegfried Able wird neuer Wiesnwirt

Siegfried Able, hier mit Frau Sabine, folgt Sepp Krätz als Wiesnwirt nach.

(Foto: oh)

Siegfried Able übernimmt den Platz von Sepp Krätz auf der Wiesn. Bereits seit 1994 verdient er auf dem Oktoberfest mit. Besonders beliebt ist er bei den Kollegen aber nicht. Wer der neue Wiesnwirt ist - und was er plant.

Von Thierry Backes, Anna Fischhaber, Stephan Handel und Silke Lode

Wer Wiesnwirt ist, muss sich mit Bier beschäftigen, er muss Reservierungen organisieren und sein Personal, er muss für Stimmung in seinem Zelt sorgen und für Sicherheit. Einen erfolgreichen Wiesnwirt macht aber mehr aus: Er kennt sich mit Markenrecht aus, er hat einen guten Draht in die Stadtverwaltung und er ist auch ein Stück weit rücksichtslos gegenüber seinen Konkurrenten. Geht es danach, dann wird Siegfried Able ein ziemlich guter Wiesnwirt.

Der Münchner Stadtrat hat am Montag nach zweistündiger Debatte hinter verschlossenen Türen beschlossen, den freien Platz auf dem Oktoberfest an den 50-jährigen Able zu vergeben. Er und seine Frau Sabine sind bereits seit 1982 in der Münchner Gastronomie tätig, sie mischten auf dem Weihnachtsmarkt am Marienplatz mit, verkaufen Pizza am Hauptbahnhof und richteten für die Berufsfeuerwehr und das Landeskriminalamt Feste aus. Vor allem aber betreiben sie den Biergarten am Lerchenauer See und im Winter den Eiszauber auf dem Stachus.

Auf dem Oktoberfest ist die Familie seit 1994 vertreten und verkauft dort Mandeln, Eis oder Spanferkel. 2008 stach Able die Wurstbraterei Sieber aus, die davor knapp 80 Jahre lang auf der Wiesn vertreten war. Seitdem ist er Wirt auf dem Oktoberfest - allerdings bislang nur für ein kleines Zelt: Die "Kalbskuchl" ist eine Zirbenholzstube für 300 Besucher. Nun wird Able Nachfolger von Sepp Krätz, der nach seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung das Hippodrom verliert.

Harter Kampf ums Hippodrom

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Unter den Bewerbern für die fünf brauereifreien Zelte landete Able noch vor den Betreibern der Fischer-Vroni, dem Schottenhamel oder Kufflers Weinzelt auf Platz zwei hinter Käfers Wies'n-Schänke. Sein größter Konkurrent Lorenz Stiftl wurde nur Siebter. "Der hat die Musterlösung abgegeben", hatte ein Stadtrat über Ables Bewerbung gesagt. Kritiker, darunter auch viele Wiesnwirte, haben einen Verdacht: Able hat Hilfe aus der Stadtverwaltung erfahren, zumal die Bewerber anhand von 13 wenig transparenten Kriterien geprüft werden.

Dieter Reiter, der kommenden Freitag als Oberbürgermeister vereidigt wird und derzeit noch als Wirtschaftsreferent zuständig für die Platzvergabe auf der Wiesn ist, sagte nach der Stadtratssitzung am Montag, die Verwaltung habe alle Fragen zum Vergabeverfahren beantworten können: "Es wurde dargestellt, dass es keine Beeinflussung gab und dass das Vergabesystem korrekt angewendet wurde." Es sei Sache des Stadtrats, ob in Zukunft andere Vergabekriterien an Wiesnwirte angelegt werden. Er erklärte, mehr Transparenz bei der Vergabe sei vor allem aus Sicht der Bewerber problematisch. "Wenn mehr Transparenz möglich ist, ohne die Bewerber zu beschädigen, dann bin ich sofort dabei", sagte Reiter.

Warum die Wirte misstrauisch sind

Die Wirtefamilie wird den Neuen nun nicht mit offenen Armen empfangen, im Gegenteil. Wirtesprecher Toni Roiderer sagte am Montag, er sei "überrascht", dass Wirte, die zum Teil seit Jahrzehnten auf der Wiesn arbeiten, in der Bewertung plötzlich weniger Punkte erhalten "als so ein Kioskbetreiber". Able sei "nicht unser Wunschpartner" gewesen". Nun würden sich die Wiesnwirte bald treffen, um zu besprechen, ob sie den neuen überhaupt in ihre Runde aufnehmen wollen.

Die Gruppe der Wiesnwirte tritt gegenüber der Stadt und anderen Institutionen als ihr Vertreter auf, ist aber keine offizielle Organisation. Deshalb besteht auch keine Verpflichtung, neue Wirte dort aufzunehmen. Über Able sagte Roiderer weiter: "So einer sucht den Schutz der Gruppe, aber für ihn selbst sollen unsere Regeln nicht gelten. Dann kann er ja vielleicht auch alleine gehen." Siegfried Able war nach der Entscheidung des Wirtschaftsausschusses für die SZ nicht zu erreichen - wie schon in den vergangenen Wochen.

Dass Able nicht gerade viele Freunde hat, dafür gibt es viele Gründe, etwa den hier: Wie der Münchner Merkur berichtet, gehören Able schon seit Jahren die Markenrechte an der sogenannten Ochsensemmel - obwohl die eine Erfindung von Hermann Haberl ist, dem verstorbenen Wirt der "Ochsenbraterei". In anderen Worten: Ohne die Zustimmung von Able darf, zumindest in der Theorie, niemand auf dem Oktoberfest Ochsensemmeln verkaufen.

Unbeliebt hat Able sich bei den neuen Kollegen auch im vergangenen Dezember gemacht. Er warb ihnen wohl wichtige Mitarbeiter ab, unter anderem den Betriebsleiter der Ochsenbraterei. Dabei war vor dem Krätz-Prozess nicht einmal klar, ob Able überhaupt eine Chance haben würde, Wiesnwirt zu werden. Anscheinend hat er mit der Zeltplanung lange vor dem Prozess angefangen.

Das Hippodrom ist Geschichte

Able scheint sich seiner Sache schon damals ziemlich sicher gewesen zu sein. Er hatte sich nicht mehr um die "Kalbskuchl" beworben. Stattdessen wurde er im Januar beim Patenamt vorstellig und ließ sich noch weit vor dem Krätz-Prozess, den Namen "Marstall" schützen. Nicht nur für "Dienstleistungen zur Verpflegung und Beherberung von Gästen", sondern auch für Bier, T-Shirts, Wimpel und Fahnen, Ohrringe, Kaffee, Pralinen und selbst für Tapioka, eine geschmacksneutrale Speisestärke, die aus getrockneter Maniokwurzel hergestellt wird. Das wirft natürlich Fragen auf.

Mit Able gibt es 2014 auf dem Oktoberfest aber nicht nur einen neuen Wirt, sondern auch ein neues Zelt, das "Marstall" heißen soll. Das Hippodrom, bereits seit 1902 auf dem Oktoberfest, ist Geschichte. Über das "Marstall"-Zelt ist bislang kaum etwas bekannt. Doch was auch immer Able daraus macht, fest steht: Das Wiesnzelt bedeutet nicht nur viel Arbeit und Ehre, sondern vor allem viel Geld: Etwa 1,5 Millionen Euro netto soll Krätz 2013 mit dem Hippodrom verdient haben.