Öffentlicher Nahverkehr Warum noch mehr Münchner auf Bus und Bahn umsteigen müssten

Die Münchner lieben ihre Trambahn - aber nicht genug.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die MVG berichtet jedes Jahr von neuen Rekorden im öffentlichen Nahverkehr.
  • Kritiker allerdings bemängeln zu wenig Innovation, um noch mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Tram, Bus und Bahn zu bewegen.
  • Nach ihren Worten ist der Anstieg nur so hoch wie das Wachstum der Bevölkerung in der Landeshauptstadt.
Von Marco Völklein

Jahr für Jahr fährt der Münchner Nahverkehr Rekorde ein. So waren 2015 mit 566 Millionen Fahrgästen so viele Menschen wie noch nie zuvor in den U- und Trambahnen sowie Bussen unterwegs. Der neuerliche Rekord zeig, "dass der München-Boom weiter auf den öffentlichen Nahverkehr durchschlägt", sagt Herbert König, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Doch Kritiker warnen: Das prozentuale Wachstum bei den Fahrgästen habe oft nur in dem Maß zugenommen, wie die Bevölkerung wuchs.

2015 zum Beispiel stieg das Fahrgastaufkommen der MVG um zwei Prozent auf die besagten 566 Millionen. Die Zahl der Einwohner stieg um 2,1 Prozent auf etwas mehr als 1,5 Millionen. "Das heißt", sagt Berthold Maier vom Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr (AAN), "dass die MVG ihren Anteil am Verkehrsmarkt gerade halten konnte". Eine nennenswerte Verschiebung vom Auto auf Busse und Bahnen finde nicht statt, vermutet auch Dominik Lypp vom Bund Naturschutz (BN).

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Es gibt keine aktuellen Zahlen

Genau belegen können die beiden Verbände, die im MVV-Fahrgastbeirat mit festen Sitzen vertreten sind, diese Aussage nicht. Denn die Zahlen zeigen nicht, wie sich die Anteile des Rad- und des Fußgängerverkehrs verändert haben. Die letzte Studie, die dies darstellt, stammt aus dem Jahr 2008: Laut der Studie "Mobilität in Deutschland" lag der Anteil des Autoverkehrs damals bei 37 Prozent (Alleinfahrer plus Mitfahrer), der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs bei 21 Prozent, der des Radverkehrs bei 14 Prozent. 28 Prozent aller Wege erledigten die Münchner damals zu Fuß. Eine neue Studie, die die Aufteilung nach Verkehrsarten zeigt, soll erst in diesem oder im nächsten Jahr rauskommen.

Solange allerdings wollten Maier und seine Mitstreiter vom AAN nicht warten - und haben deshalb selbst mal nachgerechnet. Demnach wuchs die Zahl der Einwohner von 2010 bis 2015 um zehn Prozent - von 1,38 Millionen auf mittlerweile 1,52 Millionen; die Zahl der MVG-Nutzer im gleichen Zeitraum um 10,5 Prozent (von 512 auf 566 Millionen). Aus Sicht von BN-Mann Lypp ist das zu wenig: "Die im Hinblick auf das Wachstum Münchens dringend erforderliche Verlagerung vom Auto auf Bus und Bahn fand nicht statt." Die Schuld dafür sieht AAN-Vertreter Maier im Rathaus: "Wenn kein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs erfolgt, warum soll dann der Anteil von Bussen und Bahnen am Gesamtmarkt nennenswert steigen?"

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Beide Verbände fordern daher dringend, in der Verkehrspolitik umzusteuern: So müssten Stadt und Umland besser kooperieren und etwa das 2003 beerdigte Projekt einer Stadt-Umland-Bahn wieder aufgreifen, sagt Maier. Zusätzliche Tramstrecken im Norden (durch den Englischen Garten) sowie im Westen (in der Fürstenrieder Straße) seien nötig, ebenso mehr Busspuren, um "tangentiale Expresslinien" zu ermöglichen, ergänzt BN-Mann Lypp. Allein die von CSU und SPD beschlossene Verbannung des 52er-Busses vom Marienplatz zeige die "Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen des öffentlichen Nahverkehrs".

Neue Quartierbusse sollen kommen

Im Rathaus weist man die Kritik scharf zurück. So habe die Stadt auf Antrag der CSU 2015 vier neue Quartiersbusse (in Moosach, Allach, Obermenzing und Solln) eingeführt, erklärt Bürgermeister Josef Schmid (CSU). "An der Einsetzung weiterer Quartiersbusse wird gearbeitet." Zudem habe der Stadtrat mit großer Mehrheit die Verlängerung der U 5 nach Pasing beschlossen, er selbst werbe für die geplante Verlängerung der U 5 nach Freiham, sagt Schmid.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erklärt auf SZ-Anfrage, er wolle die Tram-Westtangente bauen. "Daran führt für mich kein Weg vorbei." Lange sei darüber diskutiert worden, "jetzt gilt es, endlich zu entscheiden", sagt Reiter. Bislang aber verweigert die CSU ihre Zustimmung; die Tram durch den Englischen Garten blockiert die CSU-Staatsregierung. Aber auch die sei "als wichtiger Lückenschluss" notwendig, findet Reiter. Ganz besonders dringlich ist aus seiner Sicht aber der Bau der U-9-Spange von Sendling nach Schwabing zur Entlastung der bestehenden Innenstadtlinien. "Was weitere U-Bahn-Linien betrifft", ergänzt CSU-Mann Schmid, "wird von der Verwaltung mit Hochdruck an einer Prioritätenliste gearbeitet."

Verbesserungen im Nahverkehr müssen schnell kommen

Aus Sicht der beiden Verbändevertreter Maier und Lypp dienen solche Projekte "vor allem als Ausrede fürs Nichtstun". Bis die Pläne umgesetzt würden, vergingen Jahre oder Jahrzehnte, wie der zweite S-Bahn-Tunnel zeige. Verbesserungen im Nahverkehr müssten aber angesichts des starken Zuzugs neuer Bürger rasch kommen; kleinere Projekte, wie zusätzliche Busspuren seien daher dringend nötig.

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Zumindest in diesem Punkt gibt die MVG den Verbänden recht: "Richtig ist, dass zusätzliche Busspuren sinnvoll wären", sagt ein Sprecher. Die anderen Kritikpunkte aber weist er zurück, den Zuwachs als quasi selbstverständlich abzutun, sei nicht nachvollziehbar. Vielmehr belegten interne Marktforschungen, dass die MVG ihren Marktanteil von 27 Prozent im Jahr 2005 auf mittlerweile 30 Prozent gesteigert habe, der Anteil des Autoverkehrs sei in etwa im gleichen Maße gesunken. Und die geplante U 9 sei als "Entlastung der U-Bahn im Kernbereich" dringend notwendig, um das Netz "auch im nächsten Jahrzehnt funktionsfähig zu halten", ergänzt der Sprecher. Von den Verbänden "haben wir zu diesem drängenden Problem noch keinen Vorschlag gehört."