Neuhausen Warum der Konzertsaal in die Paketpost muss

So könnte der Konzertsaal in der Paketposthalle an der Friedenheimer Brücke aussehen. Simulation: Campo Projektentwicklungsgesellschaft

Mut statt Kleinmut: Die Halle an der Friedenheimer Brücke wäre eine großartige Heimstatt für Kultur aller Sparten und Facetten.

Kommentar von Karl Forster

Darf man versuchen, eine sich über Jahre hinziehende Diskussion mit einem einzigen Argumentationsstrang zu einem guten Ende zu bringen? Darf man sich einzig und alleine auf die Ästhetik verlassen im Streit um die beste Lösung für das leidige Münchner Konzertsaal-Problem? Ja, denn angesichts der aktuellen Lage, in der sich nun zwei Projekte als überlegenswürdig erweisen, darf nur die Ästhetik den letzten Ausschlag geben.

Bloß nicht "münchnerisch" denken

"Wir haben die Wunder der Schönheit vergessen. Wir haben sie vergessen in der Trostlosigkeit unseres Städtebaus. Wir haben sie vergessen in der Reduzierung unserer Wertvorstellung auf Zahlen." Das schrieb der Münchner LMU-Kunstpädagogik-Professor Hans Daucher in seinem fundamentalen Werk "Laster Reinheit - Die Zerstörung der Weltkulturen durch den Rationalismus". Daucher kämpfte Zeit seines Lebens für die Vorherrschaft des Schönen, egal ob in der Kunst, in der Musik oder in der Architektur. Sein Satz diene jetzt und immer als Bekenntnis für das Paketpostamt als Standort eines Konzertsaals.

Es gibt zwei Positionspapiere: das der Paketpost-Befürworter und die Studie von Albert Speer & Partner, in deren Matrix die Werksviertellösung vorn liegt. Doch vorausgesetzt, man denkt nicht "münchnerisch", sondern lässt sich von der Kühnheit der Gedanken und Visionen tragen, kann nur die großartige Konstruktion der Paketposthalle als Heimstatt für Kultur aller Sparten und Facetten mit dem Konzertsaal als Zentrum infrage kommen. Was mit "münchnerisch" gemeint ist, sieht, wer vom Hauptbahnhof hinausfährt zu diesem Paketpostamt: Betonklotz an Betonklotz, das ist die Münchner Architektur des neuen Jahrtausends. Diese Posthalle wurde 1969 eröffnet, in einer Zeit, in der auch Günther Behnischs olympisches Zeltdach entstand. Da hatte Architektur noch einen Stellenwert.

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Die Posthalle war damals die weltweit weitest gespannte Fertigteil-Halle. Findige Tüftler errechneten, dass der Dachbau aus 1582 Betonfertigteilen dünner sei als die Schale eines Hühnereis, im Verhältnis natürlich. Wer heute dort herumstreicht, die Pläne im Kopf, mit denen die Lobbygruppe ihr "Resonanz"-Projekt präsentiert, sieht einen Komplex entstehen voller Kraft und Ausstrahlung, die Überwölbung eines kühnen Kulturgartens mit großem und kleinem Konzertsaal, mit Multifunktionsräumen, Musikhochschulheimstatt, Café und Wohlfühloasen. Es gäbe wohl Übungsräume für Musikstudenten von der Trompete bis zur Pauke, es gäbe welche für Bands, es gäbe Platz für Ateliers und Ausstellungen, es entstünde - unter dem grandiosen Überbau - eine Kulturstadt für alle, welch ein Traum!

Das Konzept Die Paketposthalle aus den Sechzigerjahren ist 146 Meter breit, 124 Meter lang und 31,25 Meter hoch - in diese riesige Raumhülle passt weit mehr als die vom Bayerischen Rundfunk und seinen Orchestern geforderten 8500 Quadratmeter Nutzfläche und die 3000 Quadratmeter, die optional noch für Räume der Musikhochschule vorgesehen sind. Deshalb hat die Gruppe um den Münchner Anwalt Josef Nachmann eine ganze Musikstadt konzipiert. Neben einer großen Philharmonie mit rund 1900 Plätzen und einem kleineren Saal (maximal 1200 Plätze) könnte es noch einen Mehrzweckraum für bis zu 300 Gäste geben. Dann wäre immer noch Platz für die Musikhochschule, Tonstudios, Übungsräume, temporäre und dauerhafte Ausstellungen, Shops, Gastronomie und vieles mehr. Nicht nur die BR-Orchester, sondern auch andere Münchner Ensembles könnten hier eine Heimat finden. Zudem wäre ein Kongress- und Veranstaltungsbetrieb losgelöst vom Konzertkalender möglich. Nachmann lobt auch die technischen Vorzüge der Halle: ungehindert von Wind und Wetter könnte anspruchsvolle Architektur gebaut werden, Zufahrten und alle Infrastruktureinrichtungen seien vorhanden oder ließen sich problemlos unterbringen. Wenn das Briefverteilzentrum der Post 2017 auszöge, könnte der Umbau 2018 beginnen, die Philharmonie Ende 2020 fertiggestellt sein. Die Gutachter der Staatsregierung rechnen aber mit Ende 2022. kc

Was Mariss Jansons wirklich gemeint hat

Klar, der Werksviertelbau ist die einfache, die machbare Lösung. Kein Wunder also, dass Münchens OB Reiter und Bayerns Ministerpräsident Seehofer sich eifrigst dafür aussprachen. Weil sich der Chefdirigent des von der Diskussion am meisten betroffenen Klangkörpers, des BR-Symphonieorchesters, auch noch positiv über den Funktionsbau auf dem Pfanni-Gelände äußerte, schien die große Lösung an der Arnulfstraße frühzeitig gescheitert. Dabei hat Mariss Jansons in seiner Not nur gemeint: Was immer ihr bauen wollt, baut es! Doch nun scheint es, als könne eines der Haupthindernisse, der für den Umbau nötige Umzug der Post ins Umland, aus dem Weg geräumt werden. Es kommt noch einmal Bewegung in die Diskussion.

Die Frage ist: Pfanni-Philharmonie oder Großes? Kleinmut oder Mut? Man nehme sich also ein Herz und nutze ein Stück genialer Architektur, um München ein neues, vielseitiges Kulturzentrum zu geben! Auch wenn es etwas teurer wird. Auch wenn es etwas länger dauert. Auch wenn es Gefahren bei der Realisierung gibt, die noch im Verborgenen lauern. Schiller schrieb einst: "Der Geschäftsmann hat gar oft ein enges Herz, weil seine Einbildungskraft, in den einförmigen Kreis seines Berufs eingeschlossen, sich zu fremder Vorstellungskraft nicht erweitern kann." Es ist an München zu zeigen, wie weit sein Herz ist.

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