Neuhausen Abt Heinrich und die Dampf-Trambahn

Münchens Entwicklung zur urbanen Metropole lässt sich in Neuhausen beispielhaft und phasenweise im Zeitraffer nachvollziehen: Zum Auftakt der 850. Wiederkehr des Gründungsjahrs macht ein Buch Lust auf Stadtteilgeschichte

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

Streng genommen könnte man sich acht verschiedene Jahre aussuchen, um 850 Jahre Neuhausen zu feiern. Denn die Urkunde über die Schenkung eines Landguts von Rovdolfus de Niwenhusen an das Kloster Schäftlarn ist undatiert. Verbürgt ist nur, dass sie aus der Zeit zwischen 1163 und 1170 stammt, als Abt Heinrich dem Kloster vorstand. Mehr oder weniger willkürlich entschied sich der Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg für 2017 als großes Festjahr. Mit dem Jubiläum war für die Geschichtswerkstatt Neuhausen das Thema ihres nächsten Buches "natürlich vorgegeben", wie der Vorsitzende Franz Schröther sagt: eine Gesamtdarstellung der Ortsgeschichte. "850 Jahre Neuhausen" heißt der soeben erschienene Band mit 250 Seiten und 277 teils erstmals veröffentlichten Fotos und anderen Abbildungen, der die Entwicklung vom kleinen Landgut übers Bauerndorf und die Vorstadt bis hin zum 1890 eingemeindeten Münchner Stadtteil nachzeichnet. Begleitend dazu gibt es eine Ausstellung im Kulturpavillon Nymphenburg. Gern, Nymphenburg oder die Ebenau, heute ebenfalls zum Stadtbezirk gehörend, lässt dieses Heimatbuch außen vor, schickt Schröther der Präsentation des mittlerweile 18. und dicksten Buches der Geschichtswerkstatt der Korrektheit halber voran.

Das erste der zehn Kapitel räumt gleich mit einem Irrtum auf: Nicht im achten Jahrhundert, wie man lange glaubte, sondern erst im zwölften Jahrhundert kam der Wanderprediger Winthir, der Ortspatron, nach Neuhausen. Die folgenden neun Kapitel sind ein Ritt durch die Geschichte, durch die politische Geschichte, die Herrscher-, Kirchen- und Baugeschichte, durch Unglücke und Elend, aber auch unbeschwerte Zeiten. Das kleine Bauerndorf "1000 Schritt von München gelegen", in dem es sich im 15. Jahrhundert verhältnismäßig gut leben lässt, wird 1632, im Dreißigjährigen Krieg, von den schwedischen Truppen geplündert und zerstört, aber wieder aufgebaut. 162 Jahre später, inzwischen war das Dorf aus dem Besitz des Freiherren von Königsacker an das Münchner Augustinerkloster übergegangen, legt ein Feuer 18 von 28 Anwesen in Schutt und Asche. In ganz Bayern wird für die armen Neuhauser gesammelt, Kurfürst Karl Theodor spendiert 6000 Gulden für den Wiederaufbau. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich setzt der Wandel ein, Industriebetriebe siedeln sich an, Neuhausen wird Eisenbahn- und Militärstandort. Arbeiter und Soldaten machen einen großen Teil der Bevölkerung aus, deren Zahl sich binnen 20 Jahren mehr als verhundertfacht. Mit 11 450 Einwohnern ist Neuhausen Ende der 1870er Jahre zur größten Landgemeinde im Königreich Bayern geworden.

Neuhausen um 1830, von einem unbekannten Maler stammend, als Dorf vor der Stadt mit (links im Hintergrund) Frauen- und Theatinerkirche.

(Foto: Geschichtswerkstatt)

Es folgen die beiden Weltkriege, der Schrecken unter dem Hakenkreuz, sowie die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit. Neuhausen wandelt sich ein weiteres Mal, zum "attraktiven, urbanen Wohnviertel", wie Oberbürgermeister Dieter Reiter ( SPD) in seinem Vorwort zum Buch schreibt, zu einem Viertel aber auch, dem die gnadenlose Modernisierung jener Zeit Wunden zufügt, wie vielen anderen Vierteln der Stadt auch. Der Mittlere Ring zerschneidet Neuhausen in zwei Teile, der neu gebaute Kaufhof verändert drastisch das Erscheinungsbild des Rotkreuzplatzes, Herz des Viertels, und "verwandelt die Donnersbergerstraße, einst Flanier- und Einkaufsmeile, zur Parkplatzsuchstraße", wie es an dieser Stelle im sonst meist sachlichen Text spitz heißt.

Dem Rotkreuzplatz ebenso wie vielen anderen Aspekten der Neuhauser Historie, etwa Schulen, Friedhöfen, Kinos, Straßen und Straßennamen, hat die Geschichtswerkstatt in der Vergangenheit detailreiche, teils detailversessene Bücher gewidmet. "850 Jahre Neuhausen" geht nicht so sehr in die Tiefe - "das Buch sollte ja nicht Karl-May-Stärke kriegen", witzelt Schröther. Wem aber selbst 250 Seiten zu viel zum Zeile-um-Zeile-Lesen sind, der kann auch einfach durchblättern und sich an wunderbaren Fotos festsaugen, von Gebäuden, Straßenzügen, von allen möglichen Dingen, die untergegangen sind und solchen, die überlebt haben. Eiserne Bettgestelle in der Jugendherberge am Winthirplatz, der ersten Stadt-Jugendherberge der Welt, 1928. Die Dampf-Trambahn. Die von Ernst Maria Lang entworfenen Häuser an der Nibelungenstraße 9 bis 11, damals, 1954, die höchsten in der ganzen Bundesrepublik. Die erste Großsiedlung der Gewofag. Die Verbreiterung der Donnersbergerbrücke Anfang der Dreißiger Jahre. Die Landshuter Allee zu jener Zeit, als sie mit Bäumen und Bänken den Namen Allee noch zu Recht trug.

Franz Schröther präsentiert ein Dorfmodell von 1909, es stammt aus dem Nachlass von Rudolf Wimmer.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Das Buch "850 Jahre Neuhausen" kostet 19 Euro und ist zu haben in den Buchläden des Viertels, bei der Geschichtswerkstatt (Telefon 13 99 96 89) sowie während der Ausstellung im Kulturpavillon, Arnulfstraße 294. Die Ausstellung läuft bis zum 4. Dezember und ist täglich von 14 bis 19 Uhr geöffnet.