Flüchtlinge in München Wo es kein Wort für "Barrierefreiheit" gibt

In Deutschland gibt es Menschen, die sich auch politisch für Barrierefreiheit einsetzen.

(Foto: dpa)

In Uganda werden Menschen mit Behinderungen wie ein Abfallprodukt behandelt. Unsere Neue-Heimat-Kolumnistin ist überrascht, wie sehr sich München auf Minderheiten einstellt.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Der Mai ist angekommen, München fühlt sich langsam aber sicher nach Frühling an. In der Stadt kommt dieses Bauchkribbeln auf, an die kalten Monate erinnern nur noch frische Brisen, die ab und zu durch die Straßen und Parks pfeifen. Kein Wunder, dass die Stadt voll mit Menschen ist, die ihre wohlgeformten Körper in Bächen und in der Sonne baden, oder sich schwitzend durch die Stadt plagen.

Manche Körper hier in München sehen aus wie aus Fernsehwerbungen oder Modezeitschriften. Ich frage mich, ob die Menschen sich bewusst sind, wie schnell es gehen kann, dass der perfekte Körper in einen Unfall verwickelt wird und man mit einem Schlag verkrüppelt oder blind ist. Einer meiner Freundinnen in Uganda ist genau das passiert, sie fuhr mit ihrem Motorrad, wurde von einem Omnibus überfahren, verlor beide Beine und ihr Augenlicht.

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Der Frust war groß, es fiel ihr so schwer zu verstehen, warum ausgerechnet ihr das passieren musste. Sie wusste da bereits, dass die Gesellschaft keinen Plan für Fälle wie ihren hat. Es kam, wie es kommen musste: Annette verlor ihren Mann, ihre Karriere und am Ende ihr Selbstvertrauen. Bis heute ist sie eine derjenigen, die in Uganda wie ein Abfallprodukt behandelt werden.

In Teilen Afrikas werden Behinderte als wertlose Geschöpfe gesehen. Als ich vor einigen Jahren nach München kam, sah ich den gesellschaftlichen Gegenentwurf. Hier leben viele Menschen trotz ihrer Behinderung ein normales, fast schon unabhängiges Leben. Erstmals fiel mir das auf, als ich einen offensichtlich blinden Mann in einem Bekleidungsgeschäft beobachtete, wo man die Farben der Pullover in Blindenschrift ertasten konnte.

Hier in München erwartete mich ein Ort, wo viele öffentliche Einrichtungen so ausgelegt sind, dass Rollstuhlfahrer sich durch Stockwerke bewegen können, wo in älteren Häusern Treppen so umgebaut werden, dass man sie wie eine Rampe hinauf- und herabfahren kann.

In der U-Bahn sieht man Menschen mit Blindenhunden, in den Landratsämtern und in den großen politischen Parteien gibt es Behindertenbeauftragte. In München können manche Busse einen Lift für Rollstuhlfahrer ausfahren - und wenn nicht, steigt der Busfahrer aus und hilft beim Einsteigen. In Uganda gibt es für "Barrierefreiheit" hingegen nicht mal ein richtiges Wort.

Natürlich ist in München und an den Bahnhöfen in der Region vieles noch verbesserungswürdig, aber immerhin gibt es Menschen, die sich auch politisch genau dafür einsetzen - in der großen Bundespolitik und in den Rathäusern. Hier dürfen Behinderte vor allen anderen ins Flugzeug einsteigen, im Bus gibt es eigene Sitze, vor dem Supermarkt eigene Parkplätze. Und auch wenn diese oft von Mercedes- oder Porsche-Fahrern belegt sind, so ist es doch auffällig, wie sehr sich ein Land auf eine Minderheit einstellen kann, während ein anderes Land diese Menschen aus ihrer Mitte drängt.

Vor zwei Wochen war ich in Obermenzing beim Maibaum-Aufstellen für Blinde. Sie konnten den Baum, den Schmuck und die Schilder nicht sehen. Doch sie konnten auf dem Stamm sitzen, sie konnten den Lack riechen, sie konnten die Schilder abtasten und so ihre Form erkennen.

Vermutlich hat noch nie jemand einen Maibaum so intensiv wahrgenommen wie die Buben und Mädchen vor der St.-Georg-Kirche im Dorfkern von Obermenzing. Sie sahen ihn nicht, aber sie spürten ihn. Wahrscheinlich wird dieses Gespür einem Sehenden für immer verwehrt bleiben. Dafür haben sie in Obermenzing ein Gefühl dafür entwickelt, wie man ein Blind-Date mit einem Maibaum hinkriegt.

Übersetzung aus dem Englischen von Korbinian Eisenberger

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...