Nahverkehr Die Bahn und ihr Knall

Die Bahn rückt mit einem gelben Reparatur-Triebwagen an, die defekte Oberleitung ist nach gut drei Stunden wieder einsatzfähig.

(Foto: Robert Haas)

Die Woche beginnt schlecht für Pendler: Der S-Bahn-Betrieb bricht zusammen, weil eine Oberleitung beschädigt ist. Der Kurzschluss am Rosenheimer Platz klingt nach Schüssen und Explosion. Doch viele Fahrgäste ärgern sich vor allem über fehlende Informationen.

Von Martin Bernstein, Dominik Hutter und Katharina Kutsche

Wieder einmal hat sich am Montagvormittag die S-Bahn-Stammstrecke als Problemstelle im öffentlichen Nahverkehr der Stadt erwiesen, Tausende Pendler saßen im Berufsverkehr fest. Im Mittelpunkt der Kritik erneut: Fehlende oder ungenaue Informationen durch die Deutsche Bahn, aber auch in Zubringer-Bussen und U-Bahnen, die von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) betrieben werden. Nach einem Kurzschluss am Rosenheimer Platz dauerte es fast fünf Stunden, ehe die S-Bahnen wieder fahrplanmäßig unterwegs waren. Obwohl sich die Panne im Tunnel ereignete, handelte es sich nach ersten Erkenntnissen der Bahn um einen indirekten Sturmschaden.

In Panik laufen Menschen aus dem Bahnhof

Ein Ast ist auf eine stadteinwärts fahrende S-Bahn gefallen - kurz vor dem Rosenheimer Platz knallt es dann. So laut, dass die ersten Meldungen das Schlimmste befürchten lassen. Verängstigte Fahrgäste alarmieren gegen 7.25 Uhr die Polizei. Von Schüssen im S-Bahnhof Rosenheimer Platz ist die Rede, sogar von Explosionen. Und von Menschen, die in Panik aus dem S-Bahnhof laufen. Ein Anschlag? Die Polizei kann das nicht sofort ausschließen, da mehrere Notrufe unabhängig voneinander bei ihr eingehen. Ein Großaufgebot an Streifenwagen wird zum Rosenheimer Platz beordert. Weil auch die Brandmeldeanlage anschlägt, wird der Bahnhof komplett gesperrt und evakuiert. Aus dem S-Bahnhof kommen Menschen herauf, sie sammeln sich oben an den Rolltreppen. Sie sind verunsichert und erzählen einander, was sie eben unten erlebt haben. "Es hat extrem laut geknallt", sagt ein Mann. Eine Frau spricht gar von einer "Explosion". Im Zwischengeschoss ist Rauch zu sehen und zu riechen. Auf der Anzeige heißt es "Achtung Feueralarm! Bitte verlassen Sie den Bahnhof durch den nächsten Ausgang! Folgen Sie den Anweisungen des Personals!"

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Bald steht die wahre Ursache fest: ein Kurzschluss. "Das knallt ordentlich", sagt Bahnsprecher Bernd Honerkamp. Zumal bei einem Kurzschluss in einer 15 000-Volt-Leitung ein Blitz entsteht, der am Rosenheimer Platz den Brandmelder auslöst. Da es in der Station nicht wirklich brennt, kann um 8.15 Uhr zumindest ein Gleis wieder freigegeben werden. Für den dichten Zugabstand im Berufsverkehr aber reicht das bei Weitem nicht aus. Da an diesem Morgen auf dem Südring nicht allzu viel Verkehr herrscht, können ausnahmsweise zwei S-Bahn-Linien über die oberirdische Verbindung zwischen Haupt- und Ostbahnhof umgeleitet werden, die S 2 und die S 8. Die anderen Linien müssen unterbrochen werden.

Am Rosenheimer Platz rückt derweil ein knallgelber Turmtriebwagen an, ein Spezialfahrzeug zur Reparatur der Oberleitung. Die Experten stellen sogenannte Einbrennungen fest, gerissen ist die Leitung nicht. Dennoch muss an zwei Stellen jeweils ein Meter herausgeschnitten und ersetzt werden. Das ist komplizierter, als es zunächst klingt: Denn der unbeschädigte Rest der Oberleitung soll natürlich nicht herunterfallen. Er muss deshalb mit Gewichten unter Spannung gehalten werden. Mechanische Spannung wohlgemerkt, der Strom ist abgeschaltet. Um 10.45 Uhr ist die Oberleitung wieder einsatzfähig.

"Ständig wechselnde Betriebszustände"

Während die Bahn den Schaden schneller beheben kann, als zunächst befürchtet, warten am Ostbahnhof zahllose Pendler darauf, dass ihnen jemand erklärt, wo es langgeht. Wer etwa mit der U-Bahn aus der Innenstadt kommend den drittgrößten Bahnhof Bayerns erreicht hat, erfährt dort via Anzeige, dass die Stammstrecke zwischen Hackerbrücke und Ostbahnhof gesperrt ist und stadteinwärts deshalb keine Züge verkehren. Und vom Ostbahnhof aus stadtauswärts? Keine Angaben. Die Bahn hat Störfallprogramme, sagt Honerkamp. Wenn, wie am Montag, am Rosenheimer Platz eine Panne passiert, dann ist genau festgelegt, was zu tun ist. Doch die Durchsagen für die Reisenden müssten sich an "ständig wechselnde Betriebszustände" anpassen. Das klappt mal besser, wie Fahrgäste vom Bahnhof Pasing und aus manchen S-Bahnen berichten, mal schlechter, mal gar nicht. Am Ostbahnhof muss wegen Überfüllung kurzfristig sogar der Zugang zur U-Bahn der Linie 5 gesperrt werden. Die MVG hat Mitarbeiter an den Ostbahnhof geschickt.

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Das würden sich viele Pendler von der Deutschen Bahn auch wünschen: Ansprechpartner am Bahnsteig. Stattdessen vereinzelte Durchsagen - wie die, dass der Zug nach Karlsruhe nicht am Ostbahnhof hält. Nicht jeder findet diese Information in diesem Moment hilfreich. Aber auch in den städtischen U-Bahnen und Bussen fehlen oft Hinweise auf die Störung bei der Bahn. Die Folge: Pendler tappen beim Umsteigen ohne Vorwarnung in die S-Bahn-Falle. Am Marienplatz fordert ein Laufband der Bahn dazu auf, sich nähere Informationen aus dem Internet zu holen.

Doch während der E-Mail-Newsletter der Bahn, "Streckenagent" genannt, ausführlich über die Sperrung, die Umleitungen der S-Bahnen und schließlich auch darüber informiert, dass die S 4 als erste Linie die Reparaturstelle passieren kann, vermeldet die Bahn im Internet zunächst noch frohgemut: "Aktuell liegen uns keine Meldungen vor." Auch die einschlägigen Smartphone-Apps bringen wenig Klarheit: Sie wirken an diesem Montag überlastet und sind sichtlich nicht auf dem laufenden Stand. Auch bei der MVG heißt es: "Zurzeit liegen keine Meldungen vor" - während Tausende nicht wissen, wie sie weiterkommen. "Das sollte nicht sein", räumt MVG-Sprecher Matthias Korte ein. Der Informationsfluss zu den Fahrgästen habe nur "zum Teil geklappt".

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