"Musik hinter Gittern" Wie Inhaftierte über die Musik neuen Lebensmut fassen

Gitarrenlehrer Mario Topic unterrichtet jeden Montag in der Justizvollzugsanstalt Aichach.

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Das Projekt "Musik hinter Gittern" wird in 17 deutschen Gefängnissen angeboten. Es dient nicht nur als Freizeitangebot, sondern ist auch ein Resozialisationsprogramm.

Von Albert Heilmann, Aichach

Die Finger schrubben über die Saiten. Es mischen sich schiefe Töne unter die Melodie von "Jingle Bells". Drei Frauen sitzen in einem Schulungsraum, sie sind erst vor ein paar Wochen in den Gitarrenunterricht eingestiegen. An der Wand hängt eine Weltkarte, schwere orangefarbene Vorhänge schmücken das Fenster. Hinter der Glasscheibe befinden sich Gitterstäbe. Die drei Frauen - Nicole T., 19, Irene Z., 37, und Andrea B., 45 - sitzen ihre Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Aichach seit wenigen Monaten ab.

Was auch immer die Inhaftierungsgründe seiner Schülerinnen sind - Gitarrenlehrer Mario Topic, 45, will darüber nichts wissen. Denn zum einen zählen für ihn nur aufrichtiges Interesse am Gitarrespielen und der Wille zum Lernen - da macht es keinen Unterschied ob Gefangener hinter Gittern oder Banker auf freiem Fuße. Zum anderen ist es auch ein Selbstschutz: "Wenn ich wüsste, dass mir gegenüber eine Mörderin sitzt, wäre ich vielleicht irgendwie voreingenommen. Auch deswegen habe ich in all den Jahren niemals meine Schülerinnen nach ihren Straftaten gefragt."

Willkommen in der JVA

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Für Topic begann alles vor acht Jahren. Man war auf der Suche nach einem Gitarrenlehrer, um in der JVA Aichach, wo hauptsächlich Frauen und Jugendliche inhaftiert sind, ein neues Freizeitangebot zu schaffen. Initiiert von der internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation wird das Projekt "Musik hinter Gittern" derzeit in 17 deutschen JVAs angeboten.

Es dient nicht nur als Freizeitangebot, sondern auch als Resozialisationsprogramm. Am Anfang hat die Stiftung die Kosten übernommen. Nachdem sich "Musik hinter Gittern" in Aichach etabliert hatte, übernahm der SZ-Adventskalender einen Großteil der Finanzierung, ein kleinerer Anteil wird auch durch das Budget, das die JVA zur Gestaltung ihres Freizeitangebotes zur Verfügung hat, abgedeckt.

Jeden Montag kommt der 45-Jährige in das Gefängnis und gibt zwei Kurse - einen für Anfänger, einen für die Fortgeschrittenen. Seine Gitarre und einen Stapel Notenblätter im Gepäck ist der Gang durch die JVA für ihn mittlerweile völlig normal - auch wenn man auf dem Weg zum Unterrichtsraum einen der Gefangenentrakte durchquert. Beim ersten Besuch hatte Topic noch weiche Knie bekommen, nach einigen Wochen habe sich dann aber eine Routine eingependelt. Für Topic zählt einzig das Interesse am Instrument und der Wille zum Musizieren - ob es sich bei seinen Schülern um Gefangene handelt oder nicht, macht für ihn keinen Unterschied.

"Die Fluktuation im Kurs ist schon sehr hoch"

Zum hauseigenen Inventar gehören die Gitarren, die den Teilnehmerinnen der beiden Kurse zur Verfügung stehen. Einige der Instrumente hatten in den vergangenen Jahren schon viele verschiedene Besitzer, denn die Motivation für den Gitarrenunterricht ist bei den Teilnehmerinnen recht unterschiedlich. "Die Fluktuation im Kurs ist schon sehr hoch: Viele schnuppern und sind auch schnell wieder weg. Es gibt aber auch immer wieder welche, die bis zum Ende ihrer Haftstrafe am Ball bleiben. Ich hatte auch schon eine Schülerin, die etwa drei Jahre mitmachte und in keiner Einheit fehlte", sagt Topic.

Solange man regelmäßig am Gitarrenunterricht teilnimmt, darf man eine Gitarre sein eigen nennen und diese auch in seiner Zelle lagern. Man darf die Holzinstrumente nicht nur selbst aufbewahren, sondern sie auch in der Zelle spielen. "Von früh bis abends wird geprobt, solange es der Tagesplan zulässt", erzählt Nicole T. mit einer schüchternen Begeisterung. "Mein Papa spielt Gitarre, und ich möchte es auch können. Es macht einfach Spaß, und man kann dabei abschalten", sagt die 19-Jährige. Auch wenn man bisher nur sehr wenig spielen und kaum Konzertreifes präsentieren könne, wird auf der Zelle kameradschaftlich gezupft und gesungen. Die 19-Jährige hat sich ein Ziel gesetzt: Sie will "Nothing Else Matters" von Metallica spielen können.

Den Schülerinnen geht es um die Zukunft

Auch die beiden anderen Kursteilnehmerinnen haben Ziele. Andrea B. schaut dabei vorerst nicht auf die ganz großen Nummern der Rockgeschichte, ihr geht es einfach nur um die Musik: "Ich will einfach Gitarre spielen. Vielleicht dann auch mal was für die Familie, so zu Geburtstagen, oder auch am Lagerfeuer", sagt sie. Irene Z. möchte mit dem im Gefängnis Erlernten ihren Mann überraschen. Wenn im kommenden Jahr die Rückkehr nach Hause ansteht, möchte sie ihm damit eine Freude bereiten, denn er liebt das Gitarrespielen und das Singen, allem voran russische Chansons. Eines Tages mit ihm zusammen zu musizieren - das ist Irenes Traum.

Es geht ihnen um die Zukunft - und das war bereits dem Stiftungsgründer Erich Fischer wichtig. Er sagte vor Jahren, dass Inhaftierte beim Bespielen der Saiten vielleicht auch darüber nachdenken, was man mit seinen Händen in Zukunft anstellen werde. So geht es auch den drei Gitarrenschülerinnen. Das Gitarrespielen hilft bei der Verarbeitung der Vergangenheit und beim Blick in eine ungewisse Zukunft.

Vom Inhaftierungsgrund hängt eine potenzielle Teilnahme am Gitarrenkurs nicht ab, heißt es bei der JVA Aichach. Überhaupt gebe es keine "Voraussetzungen", die man erfüllen müsse, der Inhaftierte solle aber keinen allzu aggressiven Charakter haben. "Seit ich hier unterrichte, wurde ich noch nie blöd angemacht", sagt auch Gitarrenlehrer Mario Topic. "Mit mir wurde immer freundlich umgegangen."

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