München Vergnügliche Verbrechen

Schön unheimlich: Krimi-Autorin Iris Leister wurde 2016 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

(Foto: Robert Haas)

An den kommenden drei Wochenenden wird Giesing zur Bühne für das Krimifestival "Tatort TeLa". Organisatoren sind die "Mörderischen Schwestern", zu deren Netzwerk auch die Autorin Iris Leister gehört

Von Hubert Grundner

Man kann kaum noch einen Schritt tun, ohne über eine Leiche zu stolpern: In Filmen und Büchern tummeln sich vom perversen Serienkiller bis zur heimtückischen Giftmischerin alle nur denkbaren Verkörperungen menschlicher Grausamkeit. Für TV-Publikum und Leser ist an ein Entkommen längst nicht mehr zu denken, das Verbrechen hat sie fest im Griff. Doch warum stehen Hannibal Lecter und Konsorten gerade jetzt so hoch im Kurs? Eine, die es wissen könnte, ist die Krimiautorin Iris Leister. Doch statt eine prompte Antwort zu geben, stellt sie zunächst einmal eher vorsichtig fest, dass das doch eine "schwierige Frage" sei. Vieles am Interesse für Krimis sei wohl eskapistisch, also dem Hang der Menschen zur Flucht vor der Realität oder dem Wunsch nach Zerstreuung geschuldet. Schließlich aber fällt der 51-jährigen Schriftstellerin doch noch ein, was das Besondere an dem literarischen Genre sein könnte: "Man kann sehr viel über die Gesellschaft und ihre Mechanismen erfahren."

Davon werden sich die Besucher des Krimifestivals "Tatort TeLa" überzeugen, das an den kommenden drei Wochenenden das Zentrum Giesings zum Schauplatz zahlreicher spannender - und unterhaltsamer - Verbrechen machen wird. Verantwortlich für die Organisation sind die "Mörderischen Schwestern". Bei dem Verein handelt es sich um ein Netzwerk von derzeit circa 460 Frauen, deren gemeinsames Ziel die Förderung der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur ist. Dies geschieht nach eigenen Angaben über viele Wege: von der gegenseitigen Unterstützung, dem Bereitstellen von Expertinnenwissen, der individuellen Förderung mittels Stipendien und Mentoring bis hin zu Gemeinschaftsaktionen mit anderen Netzwerken und Verbänden.

Außerdem organisieren die Mörderischen Schwestern jetzt erstmals ein Krimifestival. Womit Iris Leister, sie ist deren Sprecherin in Bayern, wieder ins Spiel kommt: "Wir sind acht Frauen, die das machen." Für sie und ihre Mitstreiterinnen sei die Organisation des Krimifestivals ein "ehrenamtlicher Vollzeitjob", für den es nur eine kleine Aufwandsentschädigung gebe. "Im Moment bin ich drei Viertel des Tages mit Tatort Tela beschäftigt", sagt Leister. Die Finanzierung der einzelnen Veranstaltungen ist hingegen durch das Zusammenwirken mehrerer städtischer und staatlicher Fördertöpfe und Einrichtungen sowie von Geschäftsleuten aus der Tegernseer Landstraße gesichert worden. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass der Eintritt stets gratis ist.

Die gebürtige Berlinerin Leister hat es 2010 zusammen mit ihrem aus der Nähe von Altötting stammenden Lebenspartner nach Giesing verschlagen. "Ich bin der klassische Saupreiß mit echtem Migrationshintergrund", kommentiert sie lachend ihren Umzug in den vielleicht münchnerischsten Teil Münchens. Probleme mit dem Akklimatisieren scheint sie nicht gekannt zu haben, ganz im Gegenteil: Für ihren Kurzkrimi mit dem mundartlichen Titel "Der Hias" ist sie 2016 mit dem renommierten Glauser-Preis ausgezeichnet worden.

Dabei war ihr der Weg in die Schriftstellerei nicht unbedingt vorbestimmt. Leister studierte Biologie und Linguistik und strebte eine wissenschaftliche Karriere an. "Ich bin dann per Zufall an einen Praktikumsplatz beim ZDF in Mainz im Bereich Reihen und Serien gekommen." Beim Umgang mit Drehbüchern habe sie gemerkt, "das macht mir Spaß und ist ein Handwerk, das man erlernen kann". So fing sie mit dem Drehbuchschreiben an, bei einem Studienaufenthalt in Los Angeles machte sie sich noch intensiver mit den Techniken des "creative writing" vertraut. 2008 veröffentlichte sie mit "Novembertod: Kappes fünfter Fall" ihren ersten Krimi.

Außer vom Buchverkauf lebt Iris Leister davon, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Seminaren an Nachwuchsautoren weiterzugeben. Den Teilnehmern sollen dabei das schriftstellerische Handwerkszeug und Regeln der Dramaturgie vermittelt werden. Über eine hundertprozentige Erfolgsformel in Art eines Backrezeptes verfügt Leister natürlich nicht, für eine funktionierende Handlung hat sie aber einen Hinweis parat: "Wenn man gute Figuren hat, passiert das meiste von selbst." Ausgangspunkt ihrer Krimis sei mal eine Beobachtung, mal ein Satz, den sie hört oder liest. Halb geplant, halb intuitiv macht sie sich dann daran, die Geschichte auszuarbeiten: "Ich weiß den Plot, aber die Einzelteile kenne ich nicht."

Auf die Weise ist auch ihr Beitrag zur demnächst erscheinenden Anthologie "Mordsmäßig Münchnerisch" entstanden. Leister will nur soviel verraten: "Es geht um eine alternde Diebin, die sich verliebt und zu einem letzten Raubzug aufbricht." Alle Schauplätze seien erkennbar. Eine letzte Frage drängt sich da geradezu auf: Wie kriminell ist denn Giesing? "Unglaublich...", sagt Iris Leister - und lacht los.

Freitag, 10. März: "Ladies Crime Night - Die Lesung mit dem Schuss", Stadtteilbibliothek Giesing, Deisenhofener Straße 20, 20 Uhr. Freitag bis Sonntag, 17. bis 19. März: "Mörderisches Giesing - die Krimi-Schreibwerkstatt", Volkshochschule, Severinstraße 6. Samstag, 25. März: "Nach Ladenschuss - Die lange Kriminacht", 19 bis 22 Uhr in Geschäften entlang der Tegernseer Landstraße. Alle Infos unter: www.moerderische-schwestern-bayern.de