München Unheimliche Heimat

In ihrem Doku-Stück "Wir waren nie weg" führt Christiane Mudra zu den Schauplätzen und Bezugsorten des Oktoberfest-Attentats und der NSU-Morde. Theater muss politisch sein, sagt die Regisseurin

Interview von Margarethe Gallersdörfer

Christiane Mudra ist Schauspielerin und Regisseurin. Ihr neues Stück "Wir waren nie weg" wird nicht auf der Bühne aufgeführt: Die Schauspieler, verkleidet als Westernfiguren, führen ihr Publikum durch München. Es ist Doku-Theater auf den Spuren der NSU-Morde und des Oktoberfest-Attentats.

SZ: Frau Mudra, in Ihrem Stück "Wir waren nie weg" verarbeiten Sie das Oktoberfestattentat und die NSU-Morde. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Christiane Mudra: Angefangen hat es mit meinen ersten Besuchen im NSU-Prozess im Jahr 2013. Das hat mich sehr erschüttert. Ich bin immer wieder hingegangen, habe begonnen, mich in die Hintergründe einzuarbeiten. Ich habe dann auch die Untersuchungsausschüsse besucht. Es war, als guckte ich einen Krimi. Dabei habe ich die ganze Zeit O-Töne gesammelt.

Was haben die NSU-Morde mit dem Oktoberfest-Attentat gemeinsam?

Aus meiner Sicht: Das Versagen der Ermittlungsbehörden, das in beiden Fällen massiv war und ist. So massiv, dass man sich vielleicht fragen muss, welche größeren Interessen es gibt, die Existenz von rechten Netzwerken in Deutschland zu verschleiern, als daran, Kapitalverbrechen aufzuklären. Im Stück zeigen wir das besonders an einem Motiv, das sich ständig wiederholt - der Einzeltäter-These. Es ist auffällig: Bei linksradikalen Straftaten wird schnell von "Netzwerken" gesprochen. Bei rechtsextremen Straftaten sind es dagegen immer erst mal Einzeltäter.

Warum verarbeiten Sie diesen Komplex in einem Theaterstück?

Ich will einen Überblick schaffen. Ich habe Angst, dass die Menschen bei dem ganzen Wust an ungeordneten Informationen und Ermittlungsschnipseln, die während des NSU-Prozesses über uns hereinbrechen, irgendwann das Interesse verlieren. Das sehe ich als große Gefahr. Deshalb versuche ich in meinem Stück, diese Massen von Fakten so weit zu bündeln, dass der Komplex zum einen fundiert ist und zum anderen durch fiktive Figuren leichter zugänglich. Die O-Töne, die ich gesammelt habe, sind zum Teil so unglaublich, dass ich sie gar nicht bearbeiten wollte.

Westernfiguren sollen dem Publikum des Theaterstücks "Wir waren nie weg" den Zugang erleichtern: Es geht um den NSU und das Oktoberfest-Attentat.

(Foto: Edward Beierle)

Diese O-Töne werden von Westernfiguren vorgetragen. Wie kam es zu dieser erzählerischen Entscheidung?

Diese Westernfiguren sind Scherenschnittfiguren für bestimmte Funktionen in dem Ganzen. Es gibt einen Sheriff, der die Sicherheitsbehörden repräsentiert, einen Gangster, der die neonazistischen Akteure repräsentiert, oder eine Kopfgeldjägerin, die für die V-Leute steht. Das sind sehr klare Schwarz-Weiß-Figuren, in denen aber über verschiedene Zeiten diese Texte nacheinander durchlaufen. Einem Zitat der Sicherheitsbehörden aus der Zeit des Oktoberfest-Attentats folgt dann zum Beispiel ein Zitat eines Behördenvertreters aus dem Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg. So wollen wir die Muster zeigen, die sich immer wieder wiederholen im Umgang mit diesen Taten.

Was erwartet die Zuschauer, die mitgehen wollen?

Das Stück fängt an der Trappentreustraße an, dem Tatort des Mordes an Theodoros Boulgarides, dessen Tod sich jetzt zum zehnten Mal jährt. Von dort aus geht es mit der Straßenbahn zur Theresienwiese, an den Ort des Oktoberfest-Attentats. Der Zuschauer läuft mit den Schauspielern den Bavaria-Ring entlang, da wird gerade schon das Oktoberfest aufgebaut - ein tolles Bühnenbild. Wir besuchen verschiedene Orte in München, die für die Existenz eines rechten Netzwerks in Deutschland stehen. Mir geht es darum, das Thema in die direkte Nachbarschaft zu holen. Ich bin selbst Münchnerin, ich bin vorher auch nie einfach mal so zum Oktoberfest gegangen, um mich da vor das Mahnmal zu stellen. Oder zu den NSU-Tatorten. Ich möchte gerne, dass die Leute einen Bezug zu sich selber herstellen.

Erklären Sie bitte den Untertitel Ihres Stücks: "Die Blaupause. Ein heimattreuer Western".

"Heimattreuer" Western spielt ganz klar mit rechter Sprache, es ist ein ironischer Bezug auf rechtsextreme Gruppen, die sich selbst so bezeichnen. Andererseits soll das Wort auch dafür stehen, dass das Stück in München spielt.

Und wofür steht "Die Blaupause"?

Der Begriff steht für die sich immer wiederholenden Motive, die wir im Stück herausarbeiten. Dieses Muster ist für mich die Gemeinsamkeit zwischen den NSU-Morden und dem Oktoberfest-Attentat: tote Täter, die angeblich "Einzeltäter" waren, tote Zeugen und die immer gleichen, nahezu identischen Reaktionen der Behörden.

Im Herbst spielt Schauspielerin Christiane Mudra in Ibsens "Der Volksfeind".

(Foto: Jeanne Degraa)

Vor "Wir waren nie weg" haben Sie ein Stück über Überwachung gemacht. Ist es wichtig, im Theater politische Themen zu bearbeiten?

Wahnsinnig wichtig. So hat das Theater ja auch angefangen: Im alten Griechenland wurden auf der Bühne aktuelle gesellschaftliche Themen verhandelt. Dieser Aspekt fällt heute viel zu oft unter den Tisch. Ich habe das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der einerseits wahnsinnig viel passiert, während sich die Gesellschaft andererseits immer stärker entpolitisiert. Da ist es mir ein ganz starkes Bedürfnis, das Theater wieder in seinem Ur-Sinn zu benutzen: Als Sprachrohr, das Dinge noch einmal anders schildern kann, als es Medien können.

Was kann das Theater in dieser Hinsicht leisten?

Jede Form der Übermittlung ist eine Chance ist, die unbedingt genutzt werden muss. Das Theater darf Dinge, die die Medien nicht machen können und andersherum. Im Theater kann man auch mal einen bestimmten Aspekt in die erste Reihe holen, Zuschauerkontakt herstellen. Theater ist ein Erlebnis, und ein Erlebnis merkt man sich viel länger als etwas, das man gelesen hat.

Karten für die Vorstellungen am 23.-26./30./31. Juli und 1./2. August, jeweils 19 Uhr, sind nur über Reservierung unter wir.waren.nie.weg@gmx.de erhältlich (16 Euro/ ermäßigt 10 Euro). Am Freitag, 24. Juli, 22 Uhr, findet im i-camp, Entenbachstraße 37, eine Podiumsdiskussion statt. Teilnehmer sind Hajo Funke (Autor von "Staatsaffäre NSU"), Yavuz Narin (Nebenklägervertreter im NSU- Prozess), Werner Dietrich (Anwalt der Geschädigten des Oktoberfest-Attentats) und Ulrich Chaussy (Autor von "Oktoberfest - das Attentat", Spielfilm "Der blinde Fleck"). Der Eintritt ist frei.