München Holz, das zum Himmel deutet

Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde "Buna Vestire" hat an der S-Bahn-Station Fasangarten ein Zentrum gebaut. Das Kirchengebäude wurde im traditionellen Stil aus Tanne und Eiche gefertigt und ist innen mit Ikonen geschmückt

Von Hubert Grundner

Der liebe Gott hat das Gelände hier für uns reserviert." Simion Felecan schmunzelt zwar bei diesen Worten. Aber der Pfarrer, genauer gesagt der Erzpriester der rumänisch-orthodoxen Kirchengemeinde "Buna Vestire" - Mariä Verkündigung -, meint es durchaus ernst: Auf geradezu wunderbare Weise habe es sich gefügt, dass die Glaubensgemeinschaft das ehemalige Bahnhofsgebäude an der Fasangartenstraße 127 a erwerben und daneben eine Holzkirche im traditionellen Stil der Maramuresch, einer Berglandschaft im Norden Rumäniens, errichten konnte.

Das Grundstück hatte Felecan, der etwa 500 Meter entfernt in Unterhaching wohnt, schon vor Jahren beim Spazierengehen entdeckt. Die Idee, dort ein Zentrum rumänischer Spiritualität und Identität zu errichten, war schnell geboren, doch die Aussicht auf Realisierung war eher gering. Bis die Deutsche Bahn begann, nicht mehr benötigte Immobilien zu verkaufen. Einem Kauf stand somit prinzipiell nichts mehr im Weg - außer das fehlende Geld.

Doch auch dabei half ein glücklicher Zufall weiter: Die finanzielle Freigiebigkeit einer Familie ermöglichte, zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen und Spenden von Gläubigen, den Erwerb des 3200 Quadratmeter großen Areals am 23. Dezember 2008. Ohne staatliche Beihilfen und "nur aus eigener Kraft", so Felecan, habe man in der Folge zunächst das denkmalgeschützte ehemalige Bahnhofsgebäude renoviert und als Pfarrhaus in Betrieb genommen. So findet sich heute eine Küche dort, wo in früheren Jahren der Schalterbeamte noch Fahrscheine verkaufte. Und der einstige Wartesaal dient der Pfarrgemeinde mittlerweile als Mehrzweckraum. Zum Beispiel für gemeinsame Essen nach Gottesdiensten: Zu solchen Anlässen ist es Tradition in der rumänisch-orthodoxen Kirche, dass die Frauen groß aufkochen und das Essen nicht nur für die eigene Familie reicht. Nach diesem Prinzip wurden auch die rund 20 Arbeiter während der insgesamt eineinhalbjährigen Bauzeit verköstigt: Reihum wechselten sich die Mitglieder der Kirchengemeinde ab und bereiteten täglich drei Mahlzeiten zu, erzählt Monika Cornea vom Pfarrgemeinderat.

Gegründet worden ist die rumänisch-orthodoxe Gemeinde "Buna Vestire" am 22. September 1979 von einer Gruppe rumänischer Exilbürger, die bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs hier gelebt hatten. Offiziell anerkannt wurde die Gemeinde von den deutschen Behörden dann 1986, im gleichen Jahr wurde ihr der Vereinsstatus zuerkannt. Gerade diese Anfangsjahre waren alles andere als einfach: Das Ceaușescu-Regime verfolgte geflüchtete Rumänen auch im Ausland, deren Organisationen und Verbände waren oft von den Geheimdienstleuten der Securitate infiltriert. Möglicherweise auch die Münchner Kirchengemeinde. Jedenfalls verschwanden einige Mitglieder spurlos, als die Tage des Diktators Ceaușescu schon gezählt waren - er wurde an Weihnachten 1989 hingerichtet.

Glücklicherweise gehören solche Episoden der Vergangenheit an. Vergangen ist auch die Zeit, als die Gläubigen noch in der evangelischen St.-Lukas-Kirche im Lehel zu Gast waren und dort ihre Gottesdienste feierten. Als dann im Mai 2002 in St. Lukas umfangreiche Sanierungen begannen, fand man einen neuen Unterschlupf in der katholischen St.-Pius-Kirche an der Aschheimer Straße. Dieses Intermezzo währte bis vor Kurzem und endete, als nach Fertigstellung der Holzkirche am 6. Dezember 2015 darin der erste Gottesdienst gefeiert werden konnte - "ein wunderbares Geschenk vom Nikolaus", wie Pfarrer Simion Felecan im Rückblick sagt.

Mit dem Fortschritt des Gotteshauses im vergangenen Jahr wuchs auch die Neugier unter Nachbarn und S-Bahn-Passagieren, was da neben den Gleisen in den Himmel wächst. Mit Ausnahme des spiegelblanken Granits für den Boden verwendeten die rumänischen Handwerker hinauf bis zur Kirchturmspitze ausschließlich Holz, vor allem Tanne und Eiche. Von außen betrachtet fallen gleich die kunstvollen Schnitzereien am Eingangstor auf. Im Inneren schmückt die typische Ikonenmalerei die Wände, Heilige blicken auf das unbestuhlte Kirchenschiff herab - traditionell stehen die Gottesdienstbesucher. Nur für die Älteren und Kranken reihen sich ringsum Stühle. Alle Blicke aber richten sich auf die Ikonostase, eine aufwändig gefertigte und vielfach durchbrochene Trennwand zwischen Gemeinde- und Altarraum mit der Darstellung der zwölf Apostel.

Laut Statistik leben rund 14 000 Rumänen in und um München. Viele von ihnen besuchen den Gottesdienst in Buna Vestire, an hohen kirchlichen Festtagen wie Ostern kommen oft mehr als 1500 Besucher. Wahrscheinlich wird das auch am 11. September der Fall sein, wenn die Holzkirche offiziell eingeweiht wird. Spätestens dann hat das zeit- und kräfteraubende Bauprojekt seinen Abschluss gefunden. Es gilt jetzt, die Kirche und das Gemeindezentrum an der Fasangartenstraße mit Leben zu füllen. "Nun stehen wieder die Menschen im Vordergrund", kündigt Pfarrer Simion Felecan an.