München Die Nacht des blauen Bändchens

Zum ersten Mal findet im Westend ein großes Musikereigneis statt. An 19 Orten wird gespielt, gesungen und getanzt. Schon jetzt ist klar: Die Premiere war ein Erfolg. 1400 Besucher zogen durch das Viertel - höchst vergnügt

Von Milena Fritzsche

Einsam und ganz im Dunkeln liegt der Nymphenbrunnen auf dem Gollierplatz. Doch mit dem Glockenschlag um 19 Uhr kommen am Samstagabend aus allen Himmelsrichtungen Menschen herbei. Einige haben sich im angrenzenden Bürgerheim Getränke organisiert. "Erleben Sie das Westend neu!", fordert Willi Wermelt die Besucher der ersten Westender Musiknacht per Megafon auf.

Beschwingt startet der Abend unter freiem Himmel mit jiddischem Klezmer der Band Di farykte Kapelle. Die Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwanthalerhöhe Sibylle Stöhr (Grüne) freut sich, dass das Wetter an diesem milden Oktoberwochenende "mitspielt". Damit ist die Nacht eröffnet. Die Menschen verteilen sich, studieren den Veranstaltungsplan und überlegen in kleinen Gruppen, wohin man nun am besten gehen könne. Ein älterer Herr ist bereits mit einem Faltblatt ausgestattet und tippt auf die Band Dillitzer. "Die habe ich schon im Internet angehört, das wird ganz groß", verrät er den Umstehenden. Die aber haben es eilig: Schnell wolle sie sich einen Platz ergattern, bevor es voll werde, sagt eine Besucherin und entschwindet mit ihrer Begleitung in die Dunkelheit.

Seit Jahren findet die Musiknacht in Neuhausen statt. Mit großem Erfolg. Nun haben Andree Heikes und Willi Wermelt im Westend ein Pendant organisiert. Die Eintrittsbändchen sind nicht gelb, sondern blau, ansonsten ist das Prinzip gleich: An 19 Orten im Viertel gibt es Musik. Jeweils zur vollen Stunde beginnt ein Konzert, danach haben die Besucher etwa eine Viertelstunde lang Zeit, den Ort zu wechseln. Im kleinsten der Münchner Stadtbezirke lassen sich die Wege problemlos zu Fuß bewältigen. Die Veranstalter wollten dabei "keine reine Kneipentour", wie Wermelt sagt. Das Theater Mathilde Westend ist deshalb ebenso beteiligt wie die ABC Westend Galerie oder der Kulturladen Westend.

Besucher folgen der Band Di farykte Kapelle, die nun durchs Viertel zieht und das "Haus mit der roten Fahne" ansteuert. Die Besitzer dort sind gerade einer Räumungsklage entkommen, die Stimmung ist daher ausgelassen. Der Chor "Roter Wecker" besingt mit Liedern von Bertolt Brecht und Kurt Weill die Arbeiterbewegung. Das Konzert findet in der großen Druckerei statt. Ein Mitarbeiter des Hauses, der Michi genannt werden möchte, wirft in der Pause kurz die Druckmaschine an, die aus der ehemaligen DDR stammt und einseitig farbig drucken kann. Stolz ist Michi aber nicht nur auf die Drucktechnik, er freut sich vor allem über den aufgehobenen Räumungsbescheid, den er eine "Schlappe für die Stadt" nennt. Allerdings könne sich die Situation jederzeit wieder ändern. "Wir haben Zeit gewonnen, aber in trockenen Tüchern ist hier noch gar nichts", gibt Michi zu bedenken.

Auf zum nächsten Konzert. In der Bar "Jia Mas" ist es voll. Musik der 1980er Jahre ist zu hören. Die Menschen bleiben auf dem Gehweg stehen und versuchen, durch die Fensterscheibe einen Blick ins Innere zu erhaschen. Also besser weiter ins "Cucina" - nur ein paar Häuser weiter. Alle Stühle in dem kleinen Raum sind belegt, aber auf dem Boden ist noch Platz. Ein bisschen Wohnzimmerflair. Wie bei Freunden. Folk-Sängerin Solly Ashkar sitzt mit ihrer Gitarre in der offenen Küche. Nur wo ist die Bedienung? "Die Leute bestellen schon bei mir", beschwert sich die Sängerin lachend.

Der Abend bringt die Bewohner des Viertels zusammen. Für alle anderen Besucher ist es eine gute Gelegenheit, das Westend besser kennenzulernen. Etwa das Ledigenheim, wo die Rockband Dillitzer auftritt. Das Wohnheim ist eine Oase auf dem Münchner Wohnungsmarkt und bietet bezahlbare Zimmer für Männer an. Beim Pförtner gibt es nur Apfelsaftschorle, den Wein bringt man sich selber mit. Auch Bewohner des Hauses sind gekommen. Sie beobachten neugierig, wie in dem Raum, in dem sie sonst fernsehen, nun ausgelassen gesungen und getanzt wird. "Das ist eine willkommene Abwechslung zum Alltag hier", sagt einer, der 1982 schon einmal im Ledigenheim war und nun seit 2005 wieder dort wohnt. Er fühle sich wohl, "auch wenn das Zusammenleben nicht immer einfach ist."

Der nächtliche Streifzug durchs Viertel endet in der "Kongressbar" an der Theresienhöhe mit dem Abschlusskonzert der Band Delicious Groove Gourmets. Es ist brechend voll. Den Abend kann man aber auch ruhiger in einer der zahlreichen Bars im Westend ausklingen lassen. Dort deutet eine Kellnerin auf die blauen Bändchen der Gäste: "Die sehe ich heute dauernd. Wofür sind die denn?", erkundigt sie sich. Die Musiknacht hat sich noch nicht bei allen rumgesprochen. Doch rund 1400 Gäste waren es schon bei der Premiere, bilanziert Willi Wermelt zufrieden. Bei einer Wiederholung bräuchte es wohl fürs Abschlusskonzert auf jeden Fall einen größeren Raum.