Wohnen Einzelkämpfer für bezahlbare Mieten

Maximilian Heisler führt regelmäßig durch sein Viertel Untergiesing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Mietpreisbremse? Ein Marketing-Gag. Die Erhaltungssatzung? Ein zahnloser Tiger. Maximilian Heisler kämpft in München für bezahlbare Mieten. Er sieht den sozialen Frieden gefährdet.

Von Anna Hoben

Drei Monate ist es her, dass in der Rathausgalerie die städtische Ausstellung "Mehr Wohnen"eröffnet wurde. In seiner Rede sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) einen Satz, der Maximilian Heisler heute noch auf die Palme bringt: "München muss bezahlbar bleiben." Der Satz, sagt Heisler, hätte lauten müssen: München muss bezahlbar werden. "Wir sind die teuerste Stadt Deutschlands. Der soziale Frieden ist gefährdet." Bald, glaubt er, werden sich die Menschen, die uns täglich an der Supermarktkasse bedienen, nicht einmal mehr im S-Bahn-Bereich eine Wohnung leisten können. Und dann? "Das wird hier in den nächsten 20 Jahren krass überbrennen."

Heisler ist 29 Jahre alt und Masterstudent der Europäischen Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in seiner Heimatstadt München. 2008 hat er angefangen zu studieren, er sagt: "Ich muss mal langsam zum Abschluss kommen." Die Semesteranzahl nähert sich der Zwanziger-Marke, aber was soll er machen? Es ist ihm halt etwas dazwischen gekommen.

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Vor acht Jahren fing es an. In Untergiesing sollte damals ein Haus an einen Investor verkauft werden. Es war das Haus neben seinem Elternhaus, darin befand sich die bayerische Wirtschaft "Burg Pilgersheim", für viele im Viertel ein zweites Wohnzimmer. Bis er 21 war, sagt Heisler heute, war ihm "alles wurscht, und zum Feiern bin ich ins Pimpernel gegangen". Nun schloss er sich mit anderen zur Aktionsgruppe Untergiesing zusammen. Mit einfallsreichen Aktionen protestierten sie gegen das, was gern als Gentrifizierung bezeichnet wird.

Die Burg Pilgersheim verschwand, ein mexikanisches Restaurant zog ein. Fenster und Türen wurden ausgetauscht, Balkone angebaut, die neuen Klingelschilder leuchteten golden. Die Bewohner im Haus bekamen saftige Mieterhöhungen, eine neue Dachgeschosswohnung wurde für mehr als eine halbe Million Euro auf den Kaufmarkt geworfen. Das war 2010, ein Aha-Erlebnis für Heisler.

Die Proteste hatten nichts geholfen. Aber von da an kannte man in München Heislers Namen. Der Mann mit der Schiebermütze war plötzlich ein Mieteraktivist. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. "Ich bin kein Mieteraktivist", sagt er heute selber. Viel lieber sieht er sich in der Rolle eines Vermittlers. "Mieter und Vermieter haben doch ein gemeinsames Interesse: eine gute Vermietung."

In München läuft Gentrifizierung anders

So viel Diplomatie ist man von Heisler nicht unbedingt gewohnt. Wenn er sich öffentlich äußert, haut er gern auf den Putz, wählt starke Bilder, griffige Formulierungen. Die Mietpreisbremse, im August 2015 in Bayern in Kraft getreten, nennt er einen "Marketing-Gag". Das milliardenschwere Handlungsprogramm Wohnen in München VI, mit dem die Stadt mittelfristig 8500 neue Wohnungen pro Jahr bauen will und das Oberbürgermeister Reiter als das "größte Wohnungsbauprogramm der Republik" bezeichnet, nannte er einmal "einseitiges Klecker-Programm", die Erhaltungssatzung, die Luxussanierungen verhindern soll, "zahnlosen Tiger", weil sie letztlich nicht vor Aufwertung schütze.

Andererseits warnt er vor plakativen Analysen, die dem Schema guter Mieter versus böser Vermieter folgen. Oder davor, von Gentrifizierung zu sprechen, sobald im Viertel eine Kaffeehauskette aufmacht und man die ersten Latte-Macchiato-Mütter erblickt. Normalerweise laufe es ja so: Künstler und Studenten entdecken ein Viertel, später kommen die gut verdienenden Familien, dann wird es schick und teuer. In München funktioniere "dieses Gentrifizierungsdingsbums" anders, "hier fehlt es allgemein an Wohnraum".