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Armut:Die Schuldner leben am Stadtrand

Wer jeden Cent zählen muss, hat auf Dauer kaum Chancen in der Innenstadt. Viele ärmere Menschen ziehen daher an den Stadtrand, wo die Lebenshaltungskosten zumindest etwas günstiger sind.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die zunehmenden Luxussanierungen der Innenstadt verdrängt offenbar ärmere Menschen an den Stadtrand. Das geht aus dem aktuellen Münchner Schulden-Atlas hervor.
  • Vor allem die Zahl der hoch verschuldeten Münchner steigt am Stadtrand stark an.
  • Besonders gefährdet von Schulden sind Menschen zwischen 60 und 69 Jahren.

Trotz anhaltend guter Konjunktur und einer niedrigen Arbeitslosenquote rutschen immer mehr Münchner in die Pleite. Mittlerweile sind 105 000 Menschen in der Landeshauptstadt überschuldet, das sind fast 5000 Münchner mehr als im vergangenen Jahr. Doch nicht nur der höchste Stand an Schuldnern seit 2007 alarmiert Finanzexperten. Die zunehmende Luxussanierung der Innenstadtviertel verdrängt offenbar ärmere Menschen an den Stadtrand, wo die Mieten noch nicht ganz so hoch sind und die Stadt vergleichsweise viele Sozialwohnungen hat. Vor allem die stark steigende Zahl an hoch verschuldeten Münchnern sei "eine erschreckende Entwicklung", sagte Philipp Ganzmüller, geschäftsführender Gesellschafter des Wirtschafts-Dienstleisters Creditreform, der am Montag den neuen Münchner Schuldner-Atlas präsentierte.

Im Hasenbergl liegt die Schuldnerquote fast doppelt so hoch wie im Münchner Schnitt. Stadtweit stieg die Zahl derer, die in massiven finanziellen Schwierigkeiten stecken, innerhalb eines Jahres um 0,3 Prozentpunkte auf 8,63 Prozent an. Im Hasenbergl dagegen sind 15,73 Prozent der Menschen verschuldet - das ist jeder Siebte. Das nördliche Stadtviertel weist zwar traditionell den höchsten Bevölkerungsanteil derer auf, die mit ihrem Geld nicht mehr zurecht kommen. Besonders stark zugenommen hat die Zahl der überschuldeten Münchner aber im benachbarten Viertel Am Hart, wo die Quote im Vergleich zum Vorjahr um ein Prozentpunkt auf nun 14,09 stieg. In Berg am Laim, wo zuletzt zahlreiche (Sozial-)Wohnungen gebaut wurden, sitzen sogar 15,60 Prozent der Einwohner in der Schuldenfalle.

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Demgegenüber leben in den Innenstadtvierteln Maxvorstadt und Ludwigsvorstadt nun weniger verschuldete Menschen als noch vor einem Jahr. In beiden Stadtteilen sank die Schuldnerquote um jeweils knapp einen halben Prozentpunkt im Vergleich zum Vorjahr auf 9,69 Prozent (Maxvorstadt) beziehungsweise 12,81 Prozent (Ludwigsvorstadt). Eine Abnahme an Schuldnern in der Innenstadt und ein gleichzeitiger Anstieg in der Peripherie sei ein Zeichen von Gentrifizierung, so Philipp Ganzmüller. Die Stadtviertel mit den niedrigsten Schuldnerquoten liegen dennoch nach wie vor in den traditionell relativ wohlhabenden Vierteln Obermenzing (4,83 Prozent), Bogenhausen (5,21), Harlaching (5,55) und Solln (5,59 Prozent). "Bedauerlicherweise sehen wir eine Zunahme der Spreizung der sozialen Schere", sagte Ganzmüller. "München ist eine gespaltene Stadt und die Spaltung nimmt zu."

Vor allem Menschen zwischen 60 und 69 Jahren werden zunehmend von Schulden geplagt. In einigen Stadtteilen sind erheblich mehr Münchner pleite, die kurz vor der Rente stehen oder gerade in Rente gegangen sind, als der Durchschnitt - in der Isarvorstadt etwa sind knapp 15 Prozent der 60- bis 69-Jährigen von Überschuldung betroffen, im Schnitt sind es weniger als elf Prozent. "Da die Einkommenserwartungen mit zunehmendem Alter eher zurückgehen dürften, werden überschuldete Personen ihre Schulden im fortgeschrittenen Alter kaum mehr abbauen können", heißt es im Münchner Schuldner-Atlas. "Die Alten werden künftig das größte Problem sein", so Ganzmüller.

Den besorgniserregenden Trend beobachten auch die Mitarbeiter der städtischen Schuldnerberatung. "Die Schulden nehmen im Alter zu", sagt Erika Schilz. Menschen, die schon längere Zeit Schulden vor sich herschieben, werden oft plötzlich mit noch viel höheren Nachforderungen konfrontiert. So hat die Schuldnerberaterin den aktuellen Fall einer älteren Münchnerin vorliegen, die mit 3000 Euro jahrelang im Mietrückstand war und wegen anfallender Zinsen mittlerweile 11 000 Euro zahlen muss. Etwa 2000 Münchner melden wegen drückender Schulden jährlich Privatinsolvenz an.

Auch wenn in München der Anteil der überschuldeten Menschen im vergangenen Jahr doppelt so stark gestiegen ist wie im Bundesdurchschnitt, ist die Münchner Quote "im Vergleich zu anderen Städten noch ein Top-Wert", so Ganzmüller. In München ist jeder zwölfte über 18 Jahren verschuldet, im deutschen Durchschnitt ist es jeder zehnte Erwachsene.

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