Ludwigsvorstadt Angst vor dem Gräber-Tourismus

Auch der Architekt Friedrich Bürklein liegt auf dem Alten Südlichen Friedhof begraben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Stadt plant ein Besucherzentrum auf dem kulturhistorisch bedeutenden Alten Südlichen Friedhof. Im Viertel wünscht man keinen Besuchermagneten à la Père Lachaise in Paris und sieht die wertvolle Ruhezone in Gefahr

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Ob der denkmalgeschützte Alte Südliche Friedhof zu einem Freilichtmuseum mit entsprechender Infrastruktur ausgebaut wird, diese Entscheidung liegt jetzt offenbar bei Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Seit fast drei Jahren stehen sich Befürworter und Gegner eines Ausbaus des berühmtesten innerstädtischen Friedhofs zu einem Besucherzentrum gegenüber, das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) hat jetzt den OB eingeschaltet.

Die Friedhofsverwaltung, selbst Teil des RGU, würde gerne ein kulturhistorisches europäisches Aushängeschild daraus machen und ein 300 Quadratmeter großes Informationszentrum für Friedhofs- und Bestattungskultur von der Pestalozzistraße aus dem Friedhof angliedern. Dort soll man sich auch Audio-Guides leihen können, um den Friedhof auf eigene Faust zu entdecken. Auch im Stadtrat hat der Ausbau Befürworter: Richard Quaas (CSU) beispielsweise. Er plädiert für ein Museum für Bestattungskultur, ähnlich wie es sie bei großen Friedhöfen von europäischem Rang wie dem Wiener Zentralfriedhof und Père Lachaise in Paris bereits gibt.

Im Viertel ist man entsetzt über solche Pläne. Der kleine Südfriedhof mit seiner besonderen Atmosphäre mit einem Ausstellungsbereich nach modernem Konzept überbaut? Touristen, die zwischen den Gräbern mit Audio-Guides herumlaufen? In der Bürgerversammlung in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt im November gab es niemanden, der die Ausbaupläne befürwortete. Die Versammlung bat die Stadtspitze einhellig, solche Konzepte nicht weiterzuverfolgen. Die Stadt drohe ein Schmuckstück zu zerstören, eine Oase für die Anwohner, die bereits durch das Partygeschehen der nahen Feier-Banane belastet seien. Darüber hinaus ziehe man durch Werbung, Infothek und Audio-Guides noch mehr Besucher an. Auch der Bezirksausschuss (BA) hat mehrmals eindeutig Stellung bezogen: Er lehnt ein Informationszentrum an der Pestalozzistraße ab. "Eine Intensivierung der Besucherströme ist nicht im Interesse unserer Bürger."

Es gibt noch weitere Gründe: Die Nachkartierung der Flora und Fauna des Alten Südlichen Friedhofs habe gezeigt, dass der Ausgleich zwischen Kultur- und Denkmalpflege jetzt schon schwierig genug sei, sagt Beate Bidjanbeg (SPD), Vorsitzende des Kulturausschusses. Wenn man auf dem Alten Südfriedhof zur Bestattungskultur ausstellen wolle, mit dem Lapidarium gebe es bereits einen Raum. Auch Audiogeräte seien unnötig: Es gebe viele Führungen von Fachleuten, viele der Gräber seien katalogisiert und im Netz auffindbar. Verbessere man den Internetauftritt, könne sich der Besucher direkt per Handy über die Berühmtheiten, die dort begraben wurden, informieren.

Der Alte Südliche Friedhof sei ein Herzstück des zweiten Stadtbezirks, heißt es nun in der aktuellen Stellungnahme, die zur abschließenden Meinungsbildung jetzt dem OB zugeht. Die Sanierung, die 2004 begonnen wurde, und die Maßnahmen, den Friedhof als kulturhistorisches Denkmal zu erhalten, gingen auch maßgeblich auf Impulse und Beiträge des Bezirksausschusses zurück. Das Stadtviertel sei sehr dicht besiedelt und habe viel zu wenig Grünflächen. Der Friedhof werde deshalb sowohl als kulturhistorisches Denkmal als auch als Grün- und Ruhefläche für Menschen, Tiere und Pflanzen genutzt.

Der Alte Südliche Friedhof wurde im Jahr 1563 angelegt, damals noch außerhalb der Stadtmauern - für Pestopfer. Zwischen 1788 und 1886 war er die einzige Begräbnisstätte Münchens, deshalb findet man dort die Gräber sämtlicher für die Münchner Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts wichtigen Menschen. Bestattet wird dort seit mehr als 70 Jahren nicht mehr, seitdem nutzen die Münchner ihn als Park zum Erholen.

Die Geschichten der Verstorbenen wie Leo von Klenze, Joseph von Fraunhofer oder Carl Spitzweg seien so vielfältig, dass selbst in einer ausführlichen Führung nur ein Teil gezeigt werden könne, heißt es beim RGU, das ebenfalls seine Argumente bei OB Reiter dargelegt hat. Es sei keinesfalls ein Tourismusmagnet geplant. Auch solle der Charakter des Friedhofs mit den Denkmal- und Naturschutz-Aspekten bewahrt bleiben. Die Besorgnis des BA, steigende Besucherzahlen könnten den Friedhof in seiner Balance zwischen Denkmal- und Naturschutz gefährden, könne man deshalb entkräften. Der Beschluss des BA kann aus Sicht des RGU schon deshalb nicht vollzogen werden, da der Stadtrat im September einen Grundsatzbeschluss zum Friedhof gefasst hat. Damals wurden das Kommunal- und das Baureferat beauftragt, zu prüfen, an welcher Stelle und zu welchen Kosten ein Informationszentrum umgesetzt werde kann.