Rückschritt beim Lärmschutz Neue Züge, alte Standards

Abgestellte S-Bahn-Züge im Depot in München-Steinhausen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Alte S-Bahnen sind mit Schalldämpfern nachgerüstet worden, damit sie leiser sind, wenn sie abgestellt sind.
  • Bei neuen Zügen sind lärmmindernde Vorgaben für geparkte Züge bislang nicht vorgesehen.
  • Lärmschutz-Aktivisten fordern feste Standards.
Von Iris Hilberth, Oberhaching

Für Menschen, die an Bahngleisen wohnen, gehören ratternde Züge, rauschende S-Bahnen und in Kurven ächzende Güterwaggons zum Alltag. "Den Meridian höre ich schon, wenn er in Deisenhofen losfährt", sagt Sauerlachs Bürgermeisterin Barbara Bogner (parteifrei). Wenn der letzte Zug am Tag aber durch ist, sollte eigentlich Ruhe an den Gleisen herrschen.

Dass aber auch ein abgestellter Zug richtig laut sein kann, beklagen Anwohner im gesamten Großraum München seit Jahren. Ruhende Triebwagen schnaufen, pfeifen und brummen so, dass an Schlafen oft nicht zu denken ist.

Die 2008 in Deisenhofen gegründete Interkommunale Lärmschutz-Initiative (ILI) hat in zahlreichen Gesprächen mit der Bahn zumindest erreicht, dass die S-Bahnen so nachgerüstet wurden, dass sie leiser sind, wenn sie stehen.

Die Aktivisten befürchen einen Rückfall in alte Zeiten

Nun steht in den nächsten Jahren aber die neue Ausschreibung der Münchner S-Bahn an, und die Lärmschutz-Aktivisten befürchten einen Rückfall in alte Zeiten. Denn die hart erkämpften Lärmschutz-Standards der umgerüsteten alten Züge können offenbar nicht einfach in die Ausschreibung aufgenommen werden.

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ILI-Vorsitzender Werner Litza berichtete bei der Mitgliederversammlung in Oberhaching am Mittwoch von einem Gespräch mit den Verantwortlichen der Bayerischen Eisenbahn-Gesellschaft (BEG), "das nervenaufreibend war und uns auf die Palme gebracht hat".

Mit der Münchner S-Bahn ist die Initiative in den vergangenen Jahren recht gut ausgekommen. Schalldämpfer wurden in die Züge eingebaut, die laute, nächtliche Zischgeräusche erheblich reduzieren. Auch gibt es ein Meldesystem für akute Lärm-Störungen und die Zusage der Bahn, einen Techniker zu schicken, der das Problem möglichst sofort lösen soll. Nur das Ansinnen der ILI, die Lärmprobleme doch ganz einfach schon bei der Konstruktion und Auslieferung neuer Züge zu beherzigen, stieß bislang auf taube Ohren.

Die Schalldämpfung wird wieder nachträglich eingebaut

Bei Zügen wie dem Meridian oder den Werdenfels-Express-Triebfahrzeugen, die erst in jüngster Vergangenheit die Fahrt aufgenommen haben, ist alles wieder wie früher: lärmende Aggregate ohne Schalldämpfung - die wird nun wieder nachträglich eingebaut. "Die neuen Züge sind mit allen Problemen behaftet, die wir in den 20 Jahre alten S-Bahnen ausgeräumt haben", sagte der stellvertretende Vorsitzende der ILI, Alois Wichtlhuber.

Eine Studie der TU Berlin hat nun an den "nagelneuen" Zügen die Lärmursachen beschrieben und Möglichkeiten der Reduzierung dieser Geräusche aufgezeigt. "Konstruktorisch könnte das bei der Herstellung bereinigt werden", findet Wichtlhuber und sieht die Studie als "Referenzpapier".

SZ-Grafik: Hosse, Keller; Quellen: DFS, Umwelt Bundesamt, Destatis

Dass sich die Umsetzung solcher Empfehlungen in Ausschreibungen aber alles andere als einfach gestaltet, musste der ILI-Vorstand gemeinsam mit Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle (CSU), der die Initiative als Beisitzer unterstützt, jetzt feststellen. Die BEG verweist laut ILI auf die Empfehlungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), in denen lärmmindernde Vorgaben für abgestellte Züge bislang nicht vorgesehen sind.

Das ist "ein Wahnsinn", findet Bürgermeister Schelle

Davon rücke die BEG auch nicht ab, es sei denn, die Bürgerinitiative könne eine Ausarbeitung erstellen, die rechtssichere und nachprüfbare Bedingungen schaffe. Gelingt das nicht, befürchtet die ILI, dass Billiganbieter zum Zug kommen könnten, die sich um Lärmschutz nicht scherten.

"Was da passiert, ist ein Wahnsinn", ärgert sich Bürgermeister Schelle über die Haltung der Eisenbahngesellschaft. Jetzt habe man einen erträglichen Standard erreicht und die BEG besitze zu wenig Selbstbewusstsein, um ihn in eine Ausschreibung hineinzunehmen. Es könne nicht sein, dass man wegen technischer Kleinigkeiten hinter den Standard zurückfalle, nur weil der in keinen VDV-Vorgaben drinstehe.

Wenn der Landkreis München Buslinien ausschreibe, könne er auch bestimmen, welche Farbe der Bus haben soll, ob er rechts- oder linksherum fährt und ob er leise sein soll. Schelle appellierte an die Landespolitiker, ein klares Signal dafür zu geben, dass abgestellte Züge leise sein sollen. Als Bürgermeister und Kreisrat findet er: "Am Ende gilt doch immer noch der Grundsatz: Wer zahlt, schafft an."