Nationalsozialismus Klinik stellt sich ihrer Vergangenheit

Der Bezirk Oberbayern treibt die Aufarbeitung der Morde an Psychiatrie-Patienten während der NS-Zeit voran. Im Fokus steht dabei auch die Rolle eines Arztes, der nach dem Krieg jahrelang das Krankenhaus in Haar leitete

Von Bernhard Lohr, Haar

Der 18. Januar steht für das Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar für den Beginn des dunkelsten Kapitels seiner Geschichte. An diesem Tag im Jahr 1940 wurden die ersten 25 Patienten mit Bussen abgeholt und in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen im Landkreis Tübingen gebracht. Noch am selben Tag wurden sie dort ermordet. Das Isar-Amper-Klinikum und der Bezirk Oberbayern als Träger der Einrichtung erinnern am 78. Jahrestag bei einer Gedenkveranstaltung an dieses Ereignis. Es ist sichtbares Zeichen eines in seiner Qualität neuen Umgangs mit der Geschichte. 2018 könnte das Früchte tragen und ein neues Licht auf manche in der NS-Zeit aktiven Personen werfen.

Denn Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) hat eine intensivere Aufklärung der Geschichte der Bezirkskliniken während des Nationalsozialismus angekündigt und eine Arbeitsgruppe eingesetzt, welcher der neue Ärztliche Direktor des Isar-Amper-Klinikums, Peter Brieger, vorsteht. Seit Monaten bereits sichtet der Archivar des Bezirks Unterlagen, um ganz konkret herauszufinden, welche Rolle Anton Edler von Braunmühl spielte, der in führender Position in der Zeit der Patientenmorde an der Klinik tätig war und nach dem Krieg vom 1. August 1946 bis zu seinem Tod am 12. März 1957 Direktor der Heil- und Pflegeanstalt war. Er war in Fachkreisen als ärztliche Koryphäe geschätzt und wurde noch 1976 geehrt, indem der Gemeinderat auf Antrag der Klinik eine Straße auf dem Krankenhaus-Areal nach ihm benannte.

Ihre Namen sollen nicht vergessen werden. Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2015 wurden nahe dem Mahnmal auf dem Gelände der Klinik kleine Holztafeln mit den Lebensdaten ermordeter Patienten an Bäumen angebracht.

(Foto: Claus Schunk)

900 Kranke aus dem eigenen Haus wurden bis 1941 zum Tod in der Gaskammer abtransportiert

Sich mit der persönlichen Verstrickung von Ärzten zu befassen, stieß in der Klinik lange auf Widerstand. Wer heute im ersten Stock des Verwaltungsbaus des Isar-Amper-Klinikums zum Büro des Ärztlichen Direktors geht, passiert die Bildergalerie der ehemaligen Direktoren dieses Hauses. Den Anfang macht Bernhard von Gudden, der am 13. Juni 1886 gemeinsam mit König Ludwig II. aus bis heute ungeklärten Gründen den Tod im Starnberger See fand. Gudden war Direktor der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt München, aus der nach der Jahrhundertwende die Anstalt in Haar-Eglfing hervorging. Ein Bild fehlt in der Galerie, in der sich bis heute das Konterfei Braunmühls findet: Es ist das von Hermann Pfannmüller, der von 1938 bis 1945 die Einrichtung leitete.

Anton Edler von Braunmühl löste bald nach dem Krieg Gerhard Schmidt an der Spitze der Heil- und Pflegeanstalt ab.

(Foto: Angelika Bardehle)

Er war persönlich für den Tod vieler Patienten verantwortlich. In der Direktoren-Galerie findet sich an Stelle von Pfannmüllers Porträt eine kleine Tafel, auf der zu lesen ist, dass Nachforschungen nach Kriegsende den Tod von "mindestens 2400 Patienten der Heilanstalt Eglfing-Haar" bestätigten, die dem "verbrecherischen" so genannten Euthanasieprogramm der Nationsozialisten zum Opfer fielen. Etwa 800 ermordete Kranke aus Gabersee und kleineren Pflegeanstalten seien nur kurzzeitig in Haar-Eglfing untergebracht gewesen. Dazu seien 900 Kranke aus dem eigenen Haus bis 1941 im Zuge der Aktion T 4 zum Tod in der Gaskammer abtransportiert worden.

So ist es auf der Tafel zu lesen, mit dem Zusatz, dass auf Pfannmüllers Anordnung hin mehr als 300 kranke Kinder getötet worden seien und von 1943 an auch noch mehr als 400 erwachsene Patienten in Hungerhäusern starben. Pfannmüller wurde nach dem Krieg unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu einer viereinhalbjährigen Haftstrafe wegen Totschlags verurteilt. Eine Verantwortung wies er zurück. "Ich bin kein Mörder und habe niemals im Entferntesten den Gedanken an Mord gehabt", sagte Pfannmüller als Zeuge im Nürnberger Ärzteprozess.

Gerhard Schmidt hatte 1945 mit Elan begonnen, die Verbrechen in der Zeit von Direktor Hermann Pfannmüller aufzuklären.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die schlicht dreist erscheinende Aussage führt bei näherer Betrachtung freilich mitten hinein in die Denkweise vieler Ärzte der damaligen Zeit. Wer sich mit dieser beschäftigt, versteht zumindest in Ansätzen, wie es dazu kommen konnte, dass auch eine Person wie Anton Edler von Braunmühl noch bis 1976 als Arzt und Anstaltsdirektor hohes Ansehen genießen konnte. Der Historiker Bernard Richarz zitiert Pfannmüller in seiner Dissertation "Heilen, pflegen, töten" und legt dar, wie die psychiatrische Zunft schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten psychisch Kranke in Heilbare und Unheilbare unterschieden habe, einhergehend mit dem verstärkten Bemühen um Therapien und Versuchen, die eine Vererbung von Krankheiten verhindern helfen sollten.

Der Weg führte so, verstärkt noch durch die Volksgesundheitsideologie der Nationalsozialisten, direkt zur Sterilisation von Patienten. Der nächste Schritt war die Krankentötung auf Grundlage eines auf den 1. September 1939 zurückdatierten Erlasses von Adolf Hitler, in dem es heißt, "nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken" könne "bei kritischster Betrachtung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden". Anstaltsleiter und Ärzte wie Pfannmüller sahen sich Richarz zufolge in diesem Geist sogar dazu aufgerufen, ihrer Einschätzung nach unheilbar Kranke in diesem Sinn zu behandeln, sprich zu töten. Für Pfannmüller sei deshalb die "von der Regierung angeordnete und erlaubte ,Euthanasie' eine Art von Behandlung" gewesen. Pfannmüller berief sich darauf, nur Vorgutachten erstellt zu haben. Auch wurde er nie dabei gesehen, wenn in seiner Anstalt Kranke für den Abtransport hergerichtet wurden.

Direktor Hermann Pfannmüller hatte die Klinik zum Instrument der Vernichtung gemacht.

(Foto: DPA)

Freilich ist Pfannmüllers Schuld aus heutiger Sicht unbestritten. Schon der 1945 von der US-Militärregierung als Pfannmüllers Nachfolger eingesetzte Gerhard Schmidt dokumentierte direkt nach Kriegsende die in Haar-Eglfing begangenen Gräueltaten und analysierte in seinem Buch "Selektion in der Heilanstalt, 1939 bis 1945" aus der Sicht des Zeitzeugen die Motivlage der Täter. Schmidt wurde 1946 durch von Braunmühl ersetzt, auch weil sein Aufklärungseifer vielen in der damaligen Anstalt zu weit ging. Viele während der NS-Zeit in Haar-Eglfing tätigen Ärzte und Pfleger arbeiteten nach 1945 weiter. Mit Braunmühl kam einer von ihnen ans Ruder. Noch 1976 galt er als eine aller Ehren werte Persönlichkeit. Heute hängt das Bild Braunmühls in der Direktorengalerie direkt neben dem von Gerhard Schmidt.

Der lange verfemte Aufklärer Gerhard Schmidt wurde erst kürzlich öffentlich rehabilitiert

Tatsächlich hat Braunmühl schon vor dem Krieg mit Insulinschock-Therapien Heilerfolge erzielt. Er hielt sich offenbar von der Tötungsmaschinerie in Haar-Eglfing fern und setzte sich angeblich auch in kirchlichen Kreisen dafür ein, dass die Krankentötung in den Anstalten verurteilt wird. Andererseits war er nah dran am Tatort. Seine Rolle wird seit einiger Zeit kritischer gesehen. Der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen kritisierte 1947 in einem Schreiben Braunmühls "reaktionäre Gesinnung" und bezeichnete ihn als jemanden, der alte Nazis wieder in Ämter hieven wollte. Die Recherchen aber zu einer möglichen schuldhaften Verstrickung Braunmühls gestalteten sich aufwendig, heißt es vom Isar-Amper-Klinikum. Viele Krankenakten würden gesichtet.

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Im Jahr 2018 wird die Aufklärung jedenfalls weitergehen. Das betont der Ärztliche Direktor und Vorsitzende der Arbeitsgruppe zur Historie der Kliniken, Peter Brieger. Er hatte jüngst den lange in der Klinik verfemten Gerhard Schmidt öffentlich rehabilitiert und sein Buch zur Lektüre empfohlen. Bei der Gedenkveranstaltung am 18. Januar spricht der Historiker Bernhard Richarz im Klinikum über sein Buch und dessen "Wirkgeschichte 30 Jahre später". Anschließend wird ein Kranz am Mahnmal niedergelegt.

Die Gedenkveranstaltung für die deportierten Patienten findet statt am Donnerstag, 18. Januar, im Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar, Gebäude 3, Ringstraße 3, 18 Uhr. Gäste werden gebeten, sich formlos per E-Mail an henner.luettecke@kbo.de anzumelden.