Gewalt gegen Einsatzkräfte Routine mit Risiko

Wenn die Einsatzkräfte im Landkreis ausrücken, wie hier bei einem Brand in einem Grünwalder Altenheim Jahr 2015, kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen, weil die Helfer bei ihrer Arbeit behindert werden.

(Foto: Claus Schunk)

Feuerwehren, Polizei und Sanitäter beklagen, dass der Respekt sinkt und der Egoismus zunimmt. Dennoch erleben die Helfer im Landkreis München - noch - wenige gefährliche Situationen.

Von Christina Hertel und Martin Mühlfenzl, Landkreis

Die junge Feuerwehrfrau ist gut aufgelegt, dem Anlass entsprechend. Die Oberhachinger Burschen haben ihren Maibaum eingebracht und wollen ihn zur Wachhütte bringen. Da hilft die Feuerwehr natürlich mit, sichert die Strecke und passt auf, dass dem langsamen Tross durch die Gemeinde niemand in die Quere kommt. Eine Situation, wie sie Dutzende Male im Jahr im Landkreis vorkommt; Hilfskräfte, tun, was ihre Aufgabe ist: Sie helfen.

Bei dem Maibaumtransport vor etwa zehn Monaten aber verlor ein Autofahrer Geduld und Beherrschung. Erst beschimpfte er die junge Feuerwehrlerin, dann gab er Gas und fuhr sie zwei mal an. Sie kam - glücklicherweise - mit Prellungen davon.

"Ein Einzelfall, Gott sei Dank", sagt Kreisbrandrat Josef Vielhuber rückblickend. Auch er weiß von den jüngsten Fällen von Gewalt gegen Polizisten, etwa in Regensburg am vorletzten Wochenende, der steigenden Anzahl von Beschimpfungen gegen Rettungskräfte, Sanitäter und Feuerwehrmänner, die beim Einsatz behindert werden. "Noch sind das bei uns die Ausnahmen hier im Landkreis", sagt er. "Aber ich habe schon die Befürchtung, dass das auch bei uns zunehmen könnte."

Die Täter sind meist betrunkene junge Männer

Peter Mailer kann dieses Gefühl mit Zahlen belegen. Er ist Polizeihauptkommissar in Haar. 30 Jahre lang fuhr er Streife, seit vier Jahren arbeitet er in der Dienststelle. Er habe in all der Zeit keine kritische Situation erlebt - zum Glück. Bei manchen seiner Kollegen sieht das heute anders aus. Sie werden häufiger beschimpft und körperlich angegangen als früher. 2015 erfasste die Dienststelle noch 20 Fälle von verbaler und körperlicher Gewalt, 2017 waren es etwa 35. Die Täter seien, sagt Mailer, meistens betrunkene Männer zwischen 16 und 35 Jahren. "Oft geht es mit einer Beleidigung los und dann artet die Situation aus." Es werde gezerrt, geschubst, geschlagen.

Ismanings PI-Chef Albert Bauer und Kreisbrandrat Josef Vielhuber sind noch nicht in großer Sorge um ihre Mitarbeiter - wissen aber, dass diese bei Unfällen wie in Aying sorgsam arbeiten müssen.

(Foto: Claus Schunk)

Mailer glaubt, dass der Respekt gegenüber der Polizei nachlässt. "Die Menschen trauen sich mehr." Woran das liegt? "Schwer zu sagen." Vielleicht habe es etwas damit zu tun, dass sich die Polizisten früher schneller und energischer wehrten, sagt er. "Heutzutage müssen sie sich mehr gefallen lassen." Auch welche Erfahrungen ein Polizist mitbringt, sei entscheidend. Wenn ein Beamter schon häufiger mit betrunkenen, pöbelnden Menschen zu tun hatte, glaubt er, gelinge es ihm möglicherweise eher, die Situation zu lösen - ohne, dass es zu einer Handgreiflichkeit kommt.

Ismanings PI-Chef Albert Bauer

(Foto: Claus Schunk)

Albert Bauer, seit zwei Jahren Leiter der Ismaninger Polizeidienststelle, beobachtet, dass die Gewalt gegen Polizisten leicht zunimmt. Ein bis zwei Taten im Monat bekomme er mit. Seine schlimmste Erfahrung: Im Juni schoss ein Mann am S-Bahnhof Unterföhring einer jungen Kollegin in den Kopf und verletzte sie lebensgefährlich. "Ihr Zustand ist unverändert.

Sie liegt immer noch im Wachkoma", sagt Bauer. Manche Kollegen habe diese Tat traumatisiert, andere machten schon am nächsten Tag mit ihrer Arbeit weiter. Und die allermeisten, da ist sich Bauer sicher, seien vorsichtiger geworden und würden mit einem anderen Bewusstsein ihre Arbeit machen. Denn eigentlich glaubte die junge Kollegin damals, zu einem Routineeinsatz zu fahren.

Kreisbrandrat Josef Vielhuber

(Foto: Claus Schunk)

Warum die Menschen Polizisten häufiger angreifen, ist für Bauer schwierig zu erklären. Sicher ist er sich aber: Dass seit ein paar Jahren mehr Flüchtlinge im Landkreis leben, habe damit nichts zu tun. Das sieht sein Haarer Kollege Mailer genauso: "Wenn wir zu einem Einsatz in eine Flüchtlingsunterkunft gerufen werden, merken wir eher, dass sie froh sind, dass wir kommen und schlichten." Überhaupt bestehe kein Grund, alarmiert zu sein. In München, Berlin oder Hamburg sehe die Situation anders aus. Im Landkreis, so Bauer und Mailer, gebe es keine Brennpunkte, wenig Clubs und Kneipen, wo betrunkene und aggressive Menschen aufeinander treffen.

"Es ist reine Hysterie von einem großen Anstieg der Gewalt gegen Helfer und Polizisten zu sprechen", sagt Fried Saacke, der das Rote Kreuz in Ismaning leitet. "Ich habe nur zwei Situationen in den vergangenen 30 Jahren in Erinnerung, bei denen ich körperlich angegangen worden bin." Wenn Patienten schreien und beleidigen, würden sie dies aus Angst tun, sagt Saacke. Für einen Rettungshelfer sei es Teil des Jobs, damit umzugehen. Auch Sebastian Bscheid, stellvertretender Wachleiter der Malteser, kann keinen Trend zu mehr Gewalt erkennen. "Wir machen den Leuten klar: Wir sind keine Gefahr. Uns ist es egal, ob ihr Drogen dabei habt oder was vorher vorgefallen ist", sagt er. Das Feindbild, glaubt er, sei eher der Polizist in Uniform.

Jeder Einsatz, sagt Gerhard Bieber von der Johanniter-Unfallhilfe, ist "eine Ausnahmesituation" - für den Patienten wie für die Einsatzkräfte. Handgreiflichkeiten, Beleidigungen oder gezielte Angriffe seien, sagt er, immer noch die Ausnahme, "aber es kommen natürlich Situationen vor, in denen sich unsere Mitarbeiter zurückziehen müssen". Auch Bieber kann bestätigen, dass dann meist Alkohol im Spiel sei - "etwa in 80 Prozent der Fälle".

Wenn ein Einsatz eskaliert, holen die Johanniter sofort die Polizei

Wenn ein Einsatz eskaliert, seien die Johanniter angewiesen, sofort die Polizei zu rufen. "Die haben ein ganz anderes Auftreten", sagt Bieber. "Bitter ist es aber dennoch, denn die Hilfe verzögert sich dann." Was Bieber jedoch feststellt, ist "ein Unverständnis für die Hilfe", wie er sagt: "Wenn wir zum Beispiel eine Einbahnstraße blockieren, werden wir schon mal angemacht. Gleichzeitig haben diese Menschen dann den Anspruch an uns, dass wir sofort da sind, wenn sie uns einmal brauchen."

Eine Verrohung der Gesellschaft kann Robert Fritsch, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Ottobrunn, nicht erkennen. "Manchmal ist der Ton rau, aber unsere Mitarbeiter sind für solche Situationen speziell geschult", sagt Fritsch. Kreisbrandrat Josef Vielhuber indes sagt, die Gesellschaft verändere sich: "Ein Resultat ist, dass zu oft der Egoismus überhand nimmt und damit auch der Respekt sinkt."

Dies zeige sich etwa bei Unfällen auf der Autobahn, wenn mal wieder eine zwingend erforderliche Rettungsgasse reines Wunschdenken ist und die Autofahrer lieber das Handy zückten. "Aber noch ist es bei uns um das Zusammenleben sehr gut bestellt", sagt Vielhuber. Das bestätigt auch Bieber von den Johannitern und hat eine Erklärung parat: "Hier im Landkreis ist fast jeder im Ehrenamt, der Vater war schon bei der Feuerwehr, die Mutter bei der Tafel. Das prägt und sensibilisiert für die Arbeit der Helfer und Einsatzkräfte."