Hofoldinger Forst Friedhof der Kampfjets

Nach Kriegsende kletterten Zivilisten in die Flugzeugkanzeln und mancher von ihnen nahm sich ein Souvenir mit.

(Foto: Claus Schunk)

Im April 1945 zerstörten amerikanische Piloten mehr als hundert Flugzeuge, die die deutsche Luftwaffe im Hofoldinger Forst versteckt hatte. Der Brunnthaler Gemeindearchivar Norbert Loy hat die Geschichte recherchiert.

Von Bernhard Lohr, Brunnthal

Einige Scharmützel waren überstanden. Major Edward B. Giller drehte am Himmel über München erst einmal seine Maschine ab. Der Anführer der Tudor-Staffel der US Air Force lieferte sich am 9. April 1945 noch einen Luftkampf mit einem modernen düsengetriebenen Jagdflugzeug ME 262, das er in Riem nach einer Bruchlandung am Boden zerstörte. Als er im Süden Münchens mit den anderen Piloten seiner Einheit auf 3000 Fuß Höhe kreiste, um vielleicht noch einmal in das Geschehen einzugreifen, sah er, wie auf der Autobahn nahe Brunnthal ein Flugzeug vom Typ Heinkel HE 111 gezogen wurde. Er ging in den Tiefflug. Und was er sah, veränderte an diesem Tag alles.

Aus Einsatzberichten der Piloten wird klar, dass Giller schnell wusste, was da unten los war. Die deutsche Militärführung hatte unter dem Druck der permanenten Luftangriffe auf die Flugplätze in Oberschleißheim, Oberwiesenfeld, Riem und Neubiberg versucht, so viele Maschinen zu retten wie möglich. Der Hofoldinger Forst bot Deckung. Und so schlug man von Frühjahr 1944 an entlang der Autobahn und um Brunnthal herum Schneisen in die Wälder, um Flugzeuge der unterschiedlichsten Typen unter Tarnnetzen und Bäumen zu verstecken. 35 amerikanische Maschinen flogen schließlich gegen 16.50 Uhr einen Angriff auf das neue Ziel. Die Piloten verschossen "all ihre Munition", wie es im Bericht heißt. Sie sahen "brennende Flugzeugwracks, mehr als jemals zuvor". Mehr als hundert Flugzeuge seien dort versteckt, hieß es.

Die Dorfbevölkerung schlachtete die Wracks aus

Die US Air Force entdeckte den so genannten Schattenflugplatz, dem die Autobahn als Start- und Landepiste diente und zu dem nahe dem Gut Riedhausen eine kleine Flugwerft gehörte, spät und durch reinen Zufall. Und schon bald nach dem Krieg geriet der Flugplatz wieder in Vergessenheit. Die US-Armee karrte die Flugzeuge mit den Hakenkreuzen am Leitwerk auf einem Feld neben der Autobahn zu einem Flugzeugfriedhof zusammen. Ein Schrotthändler besorgte den Rest. Und so lebte diese einjährige Episode in den Erinnerungen der überschaubaren Zahl an Beteiligten und der Dorfbevölkerung weiter.

Norbert Loy ist in Brunnthal gut vernetzt: So landete auch die Einstiegsleiter eines Junkers-Jagdflugzeugs bei ihm, die jemand bei sich zu Hause hatte

(Foto: Claus Schunk)

Letztere zog es nach Kriegsende aus schierer Neugier zu den Flugzeugwracks. Mancher nahm sich auch das eine oder Gerät oder Metallteil mit nach Hause, wo es dann über Jahrzehnte in Stadeln oder Kellern schlummerte. Aber keiner redete groß davon. Es musste erst Norbert Loy kommen, dem als Gemeindearchivar in Brunnthal manches zugetragen wurde und wird. Mittlerweile arbeitet er in einem aus vielen Fundstücken bestückten kleinen Museum im Dachgeschoss des Rathauses. Fotos vom Feldflugplatz hängen an den Wänden, Flugzeugteile stehen und liegen herum.

Loys Interesse wurde geweckt, als ein Brunnthaler vor sechs Jahren zwei Fotos vom Feldflugplatz aus der Versenkung holte und ihm zeigte. Loy wollte Gewissheit und begann, mit den entsprechenden Genehmigungen in der Tasche, mit Sonden den Wald abzugehen und fand jede Menge Überbleibsel der Flugzeuge: verformte Blechstücke, technische Geräte wie Schusszähler oder auch Dosen mit Flugzeugnieten. Ein Bekannter brachte Loy eine auffallend schmale Metallleiter vorbei, die sich als Einstiegshilfe in ein Junkers-Jagdflugzeug erwies. Ein anderer übergab ihm eine Reparaturkiste für BMW-Flugmotoren, die einer Werkstatt herumgestanden war. Wieder ein anderer hatte ein Flugzeugrad an seine Schubkarre montiert.

Ein Flugzeugreifen war an einen Schubkarren montiert.

(Foto: Claus Schunk)

Eine Fülle an Material und Informationen landete so bei Loy. Das Ganze entwickelte sich so langsam zu einem größeren Projekt. Ein Buch bahnte sich an, in das auch viel Recherchearbeit einfloss. Loy stieg in die Szene der Militär-Historiker und Flugzeug-Kenner ein. Er spann Kontakte in die USA. Sechs Jahre habe er daran gearbeitet, sagt Loy. Pausen wegen "Reizüberflutung" seien notwendig gewesen. Das Buch "Der Feldflugplatz Brunnthal" zeigt viele Faksimile von Originaldokumenten und Fotografien. Ein belebendes Element sind Zeitzeugenberichte.

Wie es einem 15-jährigem Flakhelfer erging, erzählt Hermann Welsch, der erlebte wie ihm ein Kurzurlaub das Leben rettete. Sein 16-jähriger Freund, der an der Flak seinen Platz eingenommen hatte, starb. Alfred Oberberger schildert, wie er als Siebenjähriger mit seinem Großvater einen Fliegerangriff auf freiem Feld überlebte, wo die Schüsse im Boden einschlugen, "sodass der Dreck nur so hochspritzte". Auch Schicksale abgeschossener US-Piloten, die im Dorffriedhof beigesetzt wurden, werden nachgezeichnet. Viele wurden exhumiert und später in den USA begraben. Major Giller überlebte den Krieg und starb erst vor wenigen Jahren.

Über eine Ortsgeschichte weist das Buch weit hinaus. Es dokumentiert anhand der Fluggerätenummern bei 59 Maschinen, was da in Brunnthal im Wald stand. Fünf der seltenen ME-262-Düsenjets waren darunter und Exoten, wie ein Jagdflugzeug mit Haken am Flugzeugbauch, das bei Experimenten der Luftwaffe in Travemünde zum Einsatz kam, wo Landungen auf einem Flugzeugträger exerziert wurden. Ein Freund von Loy, Matthias Hundt, steuerte auch in der Farbgebung detailgenaue Zeichnungen der Flugzeuge bei und zeigt diese, wie sie in Brunnthal demoliert vorgefunden wurden und wie sie im Original aussahen. Eine Fundgrube auch für Modellbauer. Das Buch ist in Deutsch und Englisch zweisprachig gehalten. Gerade in den USA sei das Interesse am Thema groß, sagt Loy.

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Norbert Loy präsentiert am Samstag, 10. Dezember, 10 bis 17 Uhr, im Rathaus Brunnthal sein Buch "Der Feldflugplatz Brunnthal", Veit Scherzer, Bayreuth, 2016, 398 Seiten, das dort auch zu kaufen ist. Dazu wird eine Sonderausstellung eröffnet.