Landgericht Profikarriere ruiniert: Ex-Löwen-Spieler verklagt Chirurgen

Ein Bild aus dem Jahr 2011: Sandro Kaiser (unten) und Kevin Volland bejubeln ein Tor.

(Foto: dpa)
  • Der Chirurg hatte Sandro Kaiser nach einem beidseitigen Leistenbruch ein Kunststoffnetz eingesetzt. Nach ein bis zwei Wochen hätte der Löwe wieder in der Lage sein sollen, Fußball zu spielen.
  • Sandro Kaiser fühlt sich von dem Arzt falsch beraten und klagt um wenigstens 306 000 Euro für seine ruinierte Profikarriere.
  • Es steht Aussage gegen Aussage.
Von Ekkehard Müller-Jentsch

Alles hängt an einer Frage: Hat der Arzt seinen Patienten vollständig aufgeklärt? Für den früheren Löwen-Fußballer Sandro Kaiser geht es dabei um wenigstens 306 000 Euro für seine ruinierte Profikarriere. Aus Sicht der beklagten Maria-Theresia-Fachklinik für Chirurgie steht neben dem Geld vor allem der gute Ruf auf dem Spiel.

Der 26-jährige Ex-Sechzger sieht sich vom damals operierenden Chefarzt falsch beraten. Der Mediziner hatte einen beidseitigen Leistenbruch diagnostiziert und ein Kunststoffnetz eingesetzt. "Seit dieser OP kann mein Mandant nicht mehr Fußball spielen", sagte am Montag Kaisers Anwalt Harald Schauer vor der Medizinrechtskammer am Landgericht München I. Am Ende der Verhandlung stand Aussage gegen Aussage - noch ist alles offen.

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Vor vier Jahren wurde der Leistenbruch operiert

Fast auf den Tag genau vier Jahre vor der Gerichtsverhandlung war Kaiser in dem Akademischen Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität nach der "TAPP"-Methode operiert worden: Die Bauchwand wird laparoskopisch, also in sogenannter Knopflochchirurgie, durch ein feines Kunststoffnetz zwischen Muskelwand und Bauchfell verstärkt.

Der Chefarzt der Maria-Theresia-Klinik hat sich auf diese Technik spezialisiert. Er erklärte den Richtern der 9. Zivilkammer sinngemäß, dass Patienten so schneller wieder auf die Beine kämen und sportliche Belastungen schon nach ein bis zwei Wochen wieder möglich seien - außerdem könnten so beidseitige Leistenbrüche mit nur einem Eingriff operiert werden.

Der Chefarzt schilderte auch sehr akribisch, wie er den Patienten, an den er sich noch sehr gut erinnern könne, auch über alternative OP-Techniken informiert habe. Sogenannte Eingeweidebrüche im Leistenbereich, Ärzte nennen sie "Hernie", können auch "offen" behoben werden: Etwa durch das Vernähen der Bauchwandschichten (OP nach Shouldice) oder nach der Lichtenstein-Methode, wo ein Kunststoffnetz spannungsfrei auf Muskulatur und Leistenband eingenäht wird.

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Die OP müsse sein, soll der Arzt gesagt haben

Von alledem, was ihm so detailliert dargelegt worden sein soll, will Sandro Kaiser aber nichts wissen. Der Professor habe ihm gesagt, dass er sich operieren lassen müsse, wenn er weiter Fußball spielen wolle - der Eingriff wäre kein Problem, nach 14 Tagen könne er wieder spielen. "Über die anderen möglichen Verfahren hat er nichts gesagt", versicherte Kaiser.

Über die Risiken habe ihn einige Tage später eine Ärztin aufgeklärt. "Aber ich war 22 und bin kein Arzt", sagte er. Den Aufklärungsbogen habe er unterschrieben, aber nicht gelesen. Für ihn sei alles klar gewesen, nachdem ein Arzt einer anderen Klinik "als Zweitmeinung" ebenfalls einen Leistenbruch diagnostiziert habe. Nach der, aus Kaisers Sicht missglückten OP, hatte sich der Jung-Kicker in einer anderen Klinik nachoperieren lassen - dennoch könne er keinen Sport mehr treiben.

Professor Peter Klein von der Uni-Klinik Erlangen hatte als vom Gericht bestellter Gutachter festgestellt, dass der Eingriff selbst korrekt durchgeführt worden sei. Das Aufklärungsgespräch durch den Chefarzt wäre seiner Meinung nach in Ordnung - sollte es tatsächlich so erfolgt sein. Doch darüber gibt es keine Dokumentation. Das Gericht machte dem Chefarzt klar, dass er deswegen nun in der Beweispflicht ist. Wie es weitergehen wird, will die Kammer am 2. März verkünden. Doch möglicherweise schließen beide Seiten vorher einen Kompromiss.

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