KZ-Befreier David Dushman Der Mann, der den Zaun von Auschwitz niederwalzte

Zu einer Gedenkfeier nach Auschwitz wurde David Dushman nie eingeladen, doch er würde ohnehin nicht kommen. "Ich könnte nicht aufhören zu weinen."

(Foto: Stephan Rumpf)

David Dushman gehört zu den Rotarmisten, die vor 70 Jahren die Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz befreiten. Nun sitzt der Russe mit jüdischen Wurzeln in seiner Münchner Wohnung und erzählt vom Krieg. Und davon, dass er sterben möchte.

Von Helmut Zeller

Auch Engel können einsam sein, sehr sogar. Wie David Dushman, der die Stille und Leere in seiner Wohnung in Neuperlach nicht mehr erträgt. "Ich würde lieber in fünf Minuten als morgen tot umfallen."

Diesen Satz, mit dem der 91 Jahre alte Mann das Gespräch eröffnet, muss man erst einmal verdauen. Auch den funkelnden, durchdringenden Blick aus seinen blauen Augen.

Der russische Jude David Dushman ist ein starker, leidenschaftlicher Mann, aber vor vier Jahren ist seine Frau Zoja gestorben. Nach fast 60 Jahren Ehe ist er allein. Deshalb hat er genug vom Leben, wie er nüchtern sagt. Das muss auch hart sein für einen, der einst zur Moskauer Elite gehörte und ein bejubelter Fechtmeister und Trainer der sowjetischen Olympiamannschaft war. Aber ein Engel? Doch es gibt einen Tag im Leben des David Dushman, an dem er Tausenden von Verzweifelten als fast überirdischer Retter erschien.

"Überall Skelette"

"Wie Engel kamen sie vom Himmel herab, um uns zu befreien", erzählt die jüdische Auschwitz-Überlebende Vera Kriegel im Dokumentarfilm "Night will fall". Sowjetische Soldaten befreiten am 27. Januar 1945 das NS-Konzentrationslager - einer von ihnen war der 21-jährige Major David Dushman. "Sie gaben uns Schokolade, Brot und umarmten uns. Wir waren so glücklich, aber zu schwach, um vor Freude zu tanzen. Deshalb begannen wir leise zu singen."

Bevor die Rote Armee kam, hatte die Lager-SS mehr als 56 000 Häftlinge auf den Todesmarsch getrieben. Die völlig Erschöpften und Schwerkranken wurden zurückgelassen. Wehrmacht und SS kämpften erbittert. Hunderte Rotarmisten starben oder wurden verwundet. Vor den Toren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau fielen bei einem Vorstoß der Kommandeur des 472. Infanterie-Regiments und 66 seiner Soldaten.

Menschenversuche und organisierter Massenmord

Etwa eine Million Juden fielen allein hier dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer. Im Januar 1945 befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Die SS dokumentierte durch Fotos teilweise selbst die Zustände in dem Lager und an den anderen Orten des KZ-Systems. mehr ... Bilder

Dann kam Dushman. "Wir hatten Befehl, schnell nach Auschwitz zu fahren, ein Lager zu befreien. Wir trafen um zwei oder drei Uhr am Nachmittag ein. Ich walzte mit meinem Panzer einen Teil des elektrischen Stacheldrahtzaunes nieder. Wir beschossen die deutschen Stellungen und zogen eine Schneise für die Bodentruppen", erzählt er.

Mehrere jüdische Rotarmisten waren unter den Befreiern des Vernichtungslagers, in dem fast eine Million europäischer Juden ermordet wurden. Was bedeutet ihm das?

David Dushman lächelt. "Ich sage Ihnen die Wahrheit. Wir wussten kaum etwas von Auschwitz." Aber er sah: "Überall Skelette. Aus den Baracken wankten sie, zwischen den Toten saßen und lagen sie. Schrecklich. Wir warfen ihnen alle unsere Konserven zu und fuhren sofort weiter, um die Faschisten zu jagen." Doch der Albtraum von Birkenau sollte ihn wie viele der traumatisierten jungen Soldaten sein Leben lang verfolgen.