Klinikum Großhadern Wo Ärzte ihre Herz-Lungen-Maschinen in Rucksäcke packen

Rucksack, Pumpe und zwei Köcher mit Zubehör - so fahren die Ärztin Sabina Günther und der Kardiotechniker Frank Born auf zu ihren Einsätzen.

(Foto: Catherina Hess)
  • Spezialisten im Klinikum Großhadern retten Leben mit Herz-Lungen-Maschinen, die in Rucksäcke passen.
  • Früher hatten solche Geräte monströse Ausmaße.
  • Bayernweit hat nur noch das Universitätsklinikum Regensburg ähnliche Geräte im Einsatz hat.
Von Stephan Handel

Der nächste Weg war's nicht - aber die letzte Möglichkeit: Während des Urlaubs auf der Karibik-Insel Guadeloupe hatte sich ein deutscher Tourist einen grippalen Infekt eingefangen, keine einfache Erkältung, sondern den H1N1-Virus. Der Zustand des Patienten wurde immer schlechter, er musste künstlich beatmet werden, und als sogar die US Air Ambulance die Segel strich und den Mann für nicht transportfähig erklärte - da packte Frank Born diesseits des Atlantiks einen Rucksack und setzte sich ins Flugzeug.

Frank Born ist Bio-Ingenieur und Leitender Kardiotechniker im Klinikum Großhadern. Der Rucksack, mit dem er sich auf den Weg in die Karibik machte, enthielt keinesfalls Badehose und Sonnenbrille, vielmehr ein Gerät mit Namen ECLS. Das bedeutet "Extra Corporeal Life Support", ist nichts weniger als eine tragbare Herz-Lungen-Maschine und hat in Großhadern eine griffige Bezeichnung bekommen: "Wir nennen das Clinic-to-go", sagt Born.

Die Maschinen waren lange Zeit von monströsen Ausmaßen

Herz-Lungen-Maschinen wurden für Operationen erfunden, die lange Zeit als die größten Herausforderungen der chirurgischen Medizin galten: wenn die Ärzte das Herz des Patienten stilllegten, es seinem Körper entnahmen, um zum Beispiel einen Bypass zu legen. Dafür brauchten sie ein Gerät, das zwei Funktionen übernahm - zum einen das Blut weiterhin durch den Körper zu pumpen. Zum anderen es mit Sauerstoff aufzuladen, den alle Körperorgane zum Überleben brauchen.

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Die Maschinen waren lange Zeit von monströsen Ausmaßen, die Exemplare, die heute in den OPs verwendet werden, haben immer noch die Größe eines Wohnzimmer-Sideboards. In ihnen sind allerdings Funktionen eingebaut, die hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig sind: So wird etwa das Blut, das an den Operationswunden austritt, aufgefangen und in den Kreislauf zurückgeführt.

Zum zweiten hat, wie überall, die technische Entwicklung dazu geführt, dass die Komponenten der Maschine immer kleiner werden: Der Oxygenator für den Gasaustausch war früher so groß wie ein Kühlschrank. Heute nimmt er nicht mehr Platz ein als ein Kaffeehaferl.

Bayernweit sind nur noch in Regensburg ähnliche Geräte im Einsatz

Vier transportable ECLS-Systeme stehen in Großhadern bereit. Sie unterstehen der Herzchirurgischen Klinik, deren Direktor Christian Hagl ist. Er zählt auf, in welchen Fällen sie Verwendung finden: Bei Patienten nach einer Herz-OP, wenn das Organ noch Unterstützung braucht. Bei Patienten, die Spezialisten benötigen, etwa Herzchirurgen, die aber einen Transport ohne ECLS nicht überleben würden. Und bei Patienten, die nach einem Notfall unter Reanimation in die Klinik gebracht werden.

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"Das ist natürlich der Extremfall", sagt Hagl und verweist darauf, dass Großhadern bei Patienten der zweiten Kategorie eine Überlebensquote von 50 Prozent aufweist - bundesweit liegt die Zahl in vergleichbaren Fällen bei 30 Prozent.

Sowieso, sagt Hagl, sei das System nichts für die Anwendung durch einen gewöhnlichen Arzt: "Man muss schon wissen, was man tut." Das sei auch der Grund dafür, warum bayernweit nur noch das Universitätsklinikum Regensburg ähnliche Geräte im Einsatz hat.

Frank Born war an der Entwicklung beteiligt

In Großhadern haben sie den Vorteil, dass in Frank Born jemand an Bord ist, der an der Entwicklung der Geräte maßgeblich beteiligt war - was sich schwieriger darstellte, als es auf den ersten Blick zu vermuten wäre: Welche Auswirkungen zum Beispiel die extreme Beschleunigung bei Start und Landung eines Flugzeugs auf die Pumpe und die von ihr bewegte Flüssigkeit hat, das musste in langwierigen Versuchsreihen herausgefunden werden, und dann mussten noch die unerwünschten und schädlichen Effekte auf technischem Weg eliminiert werden.

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Das gelang, seit fünf Jahren sind die Geräte in Großhadern im Einsatz, mit wachsendem Erfolg: 2011, im ersten Jahr, waren es gerade mal acht Patienten, die damit versorgt wurden, 2012 schon 67, seitdem pendelt die Zahl pro Jahr um die 150 Einsätze. Das Team besteht aus einem Kardiotechniker und einem Herzchirurgen, wenn notwendig kommt auch ein Anästhesist mit. Innerhalb von zehn Minuten kann die Mannschaft aufbrechen, das Equipment kann von zwei Leuten getragen werden.

Der Wirkungskreis beschränkt sich dabei nicht nur auf Deutschland: Nach Taiwan ging's schon, nach Kuwait, Russland, Thailand. Und in die Karibik: Den Patienten aus Guadeloupe brachte das Team nach einer 60-stündigen Reise sicher nach Deutschland. Am Flughafen Frankfurt sollte ihn der Rettungsdienst der Feuerwehr übernehmen. Der kam mit dem größten Einsatzfahrzeug. Und wunderte sich , dass Frank Born seine Herz-Lungen-Maschine in einen Rucksack packen konnte.

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