Kita-Streik in München Arbeiten am Limit

Diese Malutensilien einer Schwabinger Kinderkrippe werden am Freitag wohl nicht gebraucht: Die Mitarbeiter der städtischen Kitas wollen streiken.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Mitarbeiter der städtischen Kinderkrippen- und tagesstätten klagen über Personalmangel und schlechte Bezahlung.
  • In der laufenden Tarifrunde für den Sozial- und Erziehungsdienst fordert Verdi durchschnittlich zehn Prozent mehr Gehalt.
  • An diesem Freitag wollen die Mitarbeiter der städtischen Kitas am Stachus streiken, viele Kitas werden dann wohl geschlossen bleiben.
Von Melanie Staudinger

Es sind zwei Sätze, die an diesem Abend besonders häufig fallen: Natürlich mache die Arbeit Spaß, als Erzieher, Kinderpfleger oder Sozialpädagoge könne man viel bewirken in der Gesellschaft. Aber gesundheitlich und nervlich seien die Mitarbeiter am Limit. Das liegt vor allem an den gesteigerten Anforderungen im Job bei gleichzeitigem Personalmangel.

Darin sind sich die 110 Beschäftigten einig, die auf Einladung von Verdi in die Kantine des Gewerkschaftshauses gekommen sind. In der laufenden Tarifrunde für den Sozial- und Erziehungsdienst fordern sie eine Aufwertung ihrer Tätigkeit, die sich unter anderem in durchschnittlich zehn Prozent mehr Gehalt und einer gerechteren Eingruppierung von Leitungskräften ausdrucken soll. Nur so können die sozialen Berufe wieder attraktiver für den dringend benötigten Nachwuchs werden.

Dafür versammeln sich die Mitarbeiter von städtischen Kitas an diesem Freitag um 11 Uhr am Stachus zu einer Kundgebung und streiken den ganzen Tag. Tatsächlich sind die Arbeitsbedingungen an städtischen Einrichtungen nicht optimal, wie die Berichte der Anwesenden zeigen.

Kitas bleiben am Freitag geschlossen

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Erzieher

Dass Erzieher fehlen, ist bekannt. Eltern merken das, wenn sie ihre Kinder plötzlich später bringen oder früher abholen sollen, weil die Öffnungszeiten reduziert sind. Oder wenn sie doch länger auf einen Krippenplatz warten müssen, weil die neue Kita zwar fertig gebaut ist, der Träger aber nicht ausreichend Personal gefunden hat. Aber auch in den Einrichtungen selbst führt der Fachkräftemangel zu massiven Problemen, weil das bestehende Personal schlicht mehr arbeiten muss.

Beim Treffen von Verdi berichten Betroffene etwa aus einem Hort, dass von neun Stellen auf dem Papier nur fünf besetzt sind. Zwei Kollegen kämen krank zur Arbeit, damit der Betrieb überhaupt weiterlaufen kann. In einem anderen Kindergarten müssten eigentlich zehn Leute angestellt sein, derzeit sind es nur acht. Und in den Tagesheimen der Stadt sind acht Prozent aller Stellen unbesetzt. "Da können wir nur noch das Standardprogramm fahren", sagt einer. Ein weiteres Problem: Selbst die Einrichtungen, die genügend Personal hätten, haben Schwierigkeiten, sobald jemand krank wird. Der Pool mit Aushilfen ist leergefegt, die Springer sitzen auf festen Positionen.

Kinderpfleger

Wenn in den Kitas Erzieher fehlen, übernehmen Kinderpfleger oftmals ihre Aufgaben. Obwohl sie eine kürzere Ausbildung haben und weniger verdienen, leiten sie zeitweise Gruppen. Sie führen Elterngespräche, beaufsichtigen 40 Kinder alleine in der Turnhalle. "Wir alle fangen den Mangel auf, egal welchen Beruf wir haben", sagt eine Kinderpflegerin.

Manchmal bleibe nicht einmal Zeit für eine Mittagspause. Weil gerade bei den Erziehern eine hohe Fluktuation herrscht, werden Kinderpfleger zu den Hauptansprechpartnern der Mädchen und Buben. Bezahlt, so berichten Beschäftigte, werde diese Extraleistung nicht.

Online zum Kitaplatz

Die Suche nach einem Krippen-, Kindergarten- oder Hortplatz soll durch den Kita-Finder deutlich leichter werden. Zwei Wochen nach Start sind bereits 5000 Kinder angemeldet. Bis zum Frühjahr will die Stadt das Angebot ausbauen. Von Melanie Staudinger mehr ...

Einrichtungsleitungen

Jonglieren, organisieren, improvisieren: So beschreiben Einrichtungsleitungen ihren Job. Die Verwaltungsaufgaben stiegen stetig an, Entlastung gebe es nicht. Manche Chefinnen trifft es doppelt: Sie haben keinen Stellvertreter, weil sich niemand um die Positionen bewirbt. "Für das bisschen Geld mehr will keiner mehr Funktionsstellen machen, weil die Verantwortung so groß ist", berichtet ein Mitarbeiter. "Wir ermöglichen den Eltern, dass sie arbeiten gehen können und damit der Stadt und dem Staat, dass sie Steuereinnahmen haben", sagt eine Mitarbeiterin.

Wertgeschätzt werde dieser Dienst an der Gesellschaft allerdings nicht. "Wir spielen nicht nur mit den Kindern, sondern vermitteln Basiskompetenzen und übernehmen Aufgaben, die eigentlich von Eltern übernommen werden müssten", sagt eine Kita-Chefin, in deren Einrichtung der Migrationsanteil mehr als 85 Prozent beträgt. Krippenleitungen verdienen zudem weniger als Kindergartenleitungen, weil sich ihr Bonus nach der Zahl der Kinder richtet. "Ich habe mich um das gleiche Personal zu kümmern, bekomme aber weniger Geld", sagt eine von ihnen.

Heilpädagogen

Inklusion ist gesetzlich verankert. Behinderte und nicht-behinderte Kinder besuchen gemeinsam eine Tagesstätte, lernen und profitieren voneinander. Damit dieses Ziel gelingt, braucht es spezielles Personal. Heilpädagogen kümmern sich dabei nicht nur um Kinder mit Behinderung, sondern unterstützen alle Mädchen und Buben mit Förderbedarf. Dazu aber benötigen sie Zeit für Gespräche mit Kindern und Eltern und für die spezielle Förderung.

Diese Zeit aber haben sie in vielen Kindertagesstätten nicht mehr. Wie Erzieher werden Heilpädagogen im ganz normalen Gruppendienst eingesetzt. Fehlt der Koch, kümmern sie sich um das Mittagessen der Kinder: Zusatzangebote gibt es nur, wenn der reguläre Betrieb sichergestellt ist. "Wir qualifizieren uns länger, machen eine teure Ausbildung und haben dann nur wenig davon", sagt eine Betroffene. Sie wundere sich nicht, dass der Beruf nicht mehr allzu attraktiv sei. Dabei ist gerade die Beziehungsarbeit mit Kindern, die einen Förderbedarf haben, extrem wichtig, wie eine Kollegin aus einer heilpädagogischen Tagesstätte berichtet. "Unsere Kinder sind oftmals traumatisiert, die Arbeit mit ihnen anspruchsvoll", sagt sie.

Babysitter statt Kita

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Sozialpädagogen

Unter Personalmangel leiden die Sozialpädagogen, die bei der Stadt beschäftigt sind, eher weniger. "Die Situation ist viel besser als vor einigen Jahren noch", sagt eine von ihnen. Dennoch regt sich unter den Beschäftigten Unmut. Ihre Leistung nämlich stehe in keinem Verhältnis zu ihrer Bezahlung.

Sozialpädagogen kümmern sich um die Probleme in jeder Altersklasse, sie leisten Erziehungs- und Schuldnerberatung, helfen bei Sorgerechtsstreitigkeiten und übernehmen Aufgaben des Jugendamts, etwa wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Muss ein Kind aus der Familie genommen werden, suchen sie Pflegeeltern und unterstützen diese. Außerdem betreuen sie alleinstehende Senioren und Suchtkranke.

Ein Knochenjob, wie eine Mitarbeiterin berichtet. Viele Kollegen würden nur noch in Teilzeit arbeiten, weil sie dem Druck nicht standhielten. "Und doch verdient ein Ingenieur, der gerade von der Uni kommt, im Schnitt 1500 Euro monatlich mehr als wir", sagt die Sozialpädagogin.