90 Jahre nach Hitlerputsch Vergessene Widerstandskämpferin

Landespolitikerin Ellen Ammann erfuhr am 8. November zufällig von den Putschplänen der Nationalsozialisten.

Vor 90 Jahren versuchte Hitler in München zu putschen. Der Nazi-Aufstand im November 1923 scheiterte auch am beherzten Eingreifen von Ellen Ammann. Doch die Geschichtsschreibung hat die Rolle der bayerisch-schwedischen Sozialpolitikerin weitgehend übersehen.

Von Jakob Wetzel

Als die Schüsse fielen, war der Putsch bereits gescheitert. Vor 90 Jahren trafen sie vor der Münchner Feldherrnhalle aufeinander: eine Hundertschaft der Bayerischen Landespolizei und eine Horde von Putschisten, die marodierend und in wilder Ordnung die Residenzstraße heraufzogen. Im Gewehrfeuer der Polizisten endete an diesem 9. November 1923 um die Mittagszeit der Versuch Adolf Hitlers, sich an die Macht zu putschen. Misslungen aber war der Staatsstreich bereits am Abend zuvor - und mit verantwortlich dafür war eine Frau, die weitgehend aus der Geschichtsschreibung herausgefallen ist.

Es war die Landespolitikerin Ellen Ammann, die am frühen Abend des 8. November zufällig von den Putschplänen der Nationalsozialisten erfahren hatte. Sie griff sofort zum Telefonhörer, verständigte alle Mitglieder der Regierung sowie der Bayerischen Volkspartei (BVP), die sie erreichen konnte, und die noch nicht von den Putschisten verhaftet worden waren. Den stellvertretenden Ministerpräsidenten Franz Matt benachrichtigte einer ihrer Söhne gar mit dem Fahrrad.

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Ammann bat die Politiker in die von ihr gegründete Frauenschule in der Theresienstraße. Dort hielten sie Kriegsrat; noch am selben Abend erklärten sie in einer Regierungserklärung den Putsch zum Staatsverbrechen.

Ammann sorgte dafür, dass Einheiten der Reichswehr nach München verlegt wurden. Und sie organisierte ein Auto, das die Regierung in ein Ausweichquartier nach Regensburg brachte. Hätte Amman gezögert, die Politiker um Franz Matt wären wohl von den Nationalsozialisten überrascht worden. Und der Putschversuch Hitlers hätte womöglich ein anderes Ende genommen.

Wegbereiterin der modernen Sozialarbeit

Ellen Ammann war eine schwedische Münchnerin: Geboren 1870 in Stockholm, heiratete sie 1890 einen Münchner Orthopäden und zog nach Bayern. Einen leichten Stand hatte sie nicht, als zwar katholisch erzogene, aber evangelisch getaufte Ausländerin, die sich noch dazu für die Belange von Frauen einsetzte. In München wurde Ammann dennoch zur Wegbereiterin der modernen Sozialarbeit.

Im Jahr 1895 beispielsweise gründete sie mit anderen Frauen den "Marianischen Mädchenschutzverein", aus dem unter anderem die erste katholische Bahnhofsmission Deutschlands entstand. Mädchen vom Land, die in der Stadt Arbeit suchten, sollten vor unsittlichen Angeboten und Ausbeutern geschützt werden. 1904 gründete Ammann den Münchner Zweig des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), um politisch für die Rechte von Frauen einzutreten; 1911 folgte der bayerische Landesverband. Zudem gründete sie 1909 die "Soziale und Caritative Frauenschule", in der sich während des Hitlerputsches die Regierung versammeln sollte.

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In der Schule erhielten sonst Frauen eine professionelle Ausbildung in sozialen Berufen - in einer Zeit, in der Frauen sich qualifiziert allenfalls zu Lehrerinnen ausbilden lassen konnten, war das revolutionär. Auch wegen ihres Einsatzes wurde Ammann als Abgeordnete der BVP in jeden bayerischen Landtag nach 1918 gewählt. Und das alles bewältigte sie neben der Familie: Mit ihrem Mann hatte Ammann sechs Kinder.