Hauptbahnhof Brandanschlag auf Obdachlosen am Münchner Hauptbahnhof

Ein 51-jähriger Obdachloser wurde am Münchner Hauptbahnhof im Schlaf von zwei jungen Männern attackiert.

(Foto: Robert Haas)
  • In der Nacht auf Donnerstag haben zwei junge Männer beinahe einen schlafenden Obdachlosen angezündet.
  • Davor demütigten sie den 51-Jährigen, indem sie mit ihm Selfies machten und den Mann fotografierten.
  • Die Täter flüchteten, zwei Zeugen halfen dem Mann.
Von Thomas Schmidt

Zwei junge Männer haben beinahe einen schlafenden Obdachlosen in Brand gesteckt. Sie zündeten eine Plastiktüte an, die direkt neben ihrem ahnungslosen Opfer stand, berichtete die Pressestelle der Münchner Polizei am Freitag. Kurz bevor die Flammen auf die Kleidung des wohnungslosen Mannes übergreifen und ihn schwer verletzen konnten, eilte ein Zeuge herbei und trat die brennende Tüte beiseite.

Die beiden Täter sind derzeit auf der Flucht. Ermittler der Staatsanwaltschaft werten nun die Aufnahmen von Überwachungskameras aus, die den gesamten Vorfall gefilmt haben sollen. Ob Bilder von den Gesichtern der Tatverdächtigen veröffentlicht werden, um mithilfe der Bevölkerung nach ihnen zu fahnden, hatte die Staatsanwaltschaft am Freitagnachmittag noch nicht entschieden.

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Einer der Täter warf eine brennende Zigarette in eine Plastiktüte

Nach Angaben der Polizei ereignete sich die Tat in der Nacht auf Donnerstag an dem S-Bahnsteig des Hauptbahnhofs in Richtung Pasing. Der 51-jährige Obdachlose aus Hof schlief sitzend auf einer Metallbank seinen Rausch aus, zu diesem Zeitpunkt hatte er noch etwas mehr als zwei Promille Alkohol im Blut. Direkt neben ihm stand auf dem Boden eine große Plastiktüte, in der der Mann seine wenigen Habseligkeiten verstaut hatte. Gegen 0.50 Uhr näherten sich ihm zwei junge Männer. Polizeisprecher Michael Riehlein zufolge machten sie sich zunächst einen Spaß daraus, den schlafenden 51-Jährigen zu fotografieren und Selfies mit ihm zu knipsen. Das tief und fest schlafende Opfer bekam davon nichts mit.

Den wehrlosen Mann zu demütigen, reichte den Tätern aber noch nicht. Einer der beiden warf nun seine brennende Zigarette in die Plastiktüte. Einen kurzen Moment warteten sie ab, was geschieht. Dann langte einer der Täter in die Tasche hinein und zündete mit seinem Feuerzeug den Inhalt an. Sein Komplize stellte sich währenddessen so vor die Bank, dass er das Zündeln vor möglichen neugierigen Blicken verbarg.

Ein Zeuge weckte den Obdachlosen

Anschließend sahen die Männer eine Weile zu, wie die Flammen höher und höher schlugen, laut Polizei züngelten sie bald etwa einen halben Meter hoch. Dann rannten die Männer davon, stiegen in eine S-Bahn und fuhren Richtung Petershausen davon. Der Obdachlose wachte noch immer nicht auf, doch zu seinem großen Glück bekam er Hilfe. Ein junger Mann schob die brennende Tüte mit dem Fuß weg und weckte den unverletzten 51-Jährigen. Ein zweiter Zeuge rief über die Notrufsäule Hilfe herbei. Als die Einsatzkräfte eintrafen, waren beide Zeugen jedoch schon wieder verschwunden.

Die Ermittler müssen nun klären, ob die Täter ihr wehrloses Opfer vorsätzlich in Brand stecken wollten oder ob sie mögliche Brandverletzungen nur billigend in Kauf nahmen. Derzeit wirft die Staatsanwaltschaft ihnen versuchte gefährliche Körperverletzung vor. Bevor man die Tatverdächtigen vor Gericht stellen kann, müssen sie aber erst noch gefasst werden. Die Polizei hofft dabei auf die Hilfe von Zeugen und beschreibt die beiden Männer wie folgt: 18 bis 20 Jahre alt, 1,70 bis 1,80 Meter groß, arabisch-nordafrikanisches Aussehen, schlanke Figur, der eine mit extrem kurz rasiertem Haar und einer schwarzen Kappe, der andere mit einem Kinn- oder Backenbart, blauer Steppjacke und Kapuze. Hinweise an: 089/ 2 91 00.

Der Brandanschlag erinnert auf tragische Weise an einen ähnlichen Vorfall in Berlin vor knapp einem Jahr. In der Weihnachtsnacht zündete ein 21-Jähriger auf dem Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße die Kopfunterlage eines schlafenden Obdachlosen an. Danach lief er in Begleitung von sechs Freunden davon. Videokameras filmten die Tat, die Bilder der feixenden Jugendlichen lösten bundesweit Entsetzen aus. Auch in diesem Fall wurde der Obdachlose nicht verletzt, Zeugen löschten die Flammen gerade noch rechtzeitig. Ein halbes Jahr später wurden sieben Flüchtlinge aus Syrien und Libyen angeklagt. Zunächst lautete der Vorwurf auf versuchten Mord, doch das Gericht stufte die Tat auf versuchte gefährliche Körperverletzung herab. Der 21-jährige Haupttäter wurde schließlich zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt.

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