Grauer Kapitalmarkt Steuerparadies am Isarhochufer

Das Unternehmen P&R hat etwa 40 Jahre lang in Grünwald Geschäfte gemacht.

(Foto: Angelika Bardehle)

Das insolvente Finanzunternehmen P & R könnte einen Schaden von mehreren Milliarden ausgelöst haben. Es hatte nicht zufällig seinen Sitz in Grünwald.

Von SZ-Autoren

Schon die Visitenkarte verspricht hohe Rendite: Nördliche Münchner Straße, Grünwald. Das klingt nach einer guten Adresse. Denn die Gemeinde im Isartal, die viele für den südlichsten Stadtteil Münchens halten, genießt bei Firmeninhabern wie bei Anlegern den Ruf eines noblen, finanzstarken und exklusiven Standorts - mit einem extrem niedrigen Gewerbesteuersatz. Auch das Finanzunternehmen P&R, das seinen Investoren eine Traumrendite mit Containern versprach und in der Nördlichen Münchner Straße seinen Sitz hat, machte sich das jahrelang zu nutze. Doch seit Montag ist die Firma ein Fall für den Insolvenzverwalter.

51 000 Anleger könnten um bis zu 3,4 Milliarden Euro gebracht worden sein. Von einem der größten Anlageskandale der Bundesrepublik ist die Rede. Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) bleibt einen Tag nach Bekanntwerden der Insolvenz dennoch gelassen. Die zu den reichsten Kommunen Deutschlands zählende Gemeinde werde das nicht erschüttern. Größere Steuerausfälle oder -rückzahlungen erwartet Neusiedl nicht. Und überhaupt: Gemessen am Geschäftsvolumen von P & R sei das Gewerbesteueraufkommen der Firma sehr überschaubar.

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Das sagt freilich einiges über den rasanten Aufstieg des früheren Bauerndorfs am Isarhochufer aus, das in den Fünfzigerjahren zum staatlich anerkannten Erholungsort wurde. Heute ist die 11 000-Einwohner-Gemeinde als schicker Villenvorort für Prominente und gut Betuchte bekannt und als Firmensitz für Unternehmen attraktiv, die in der nur 763 Hektar großen Gemeinde wenig Lagerplatz für ihr Gewerbe brauchen. Im Branchenbuch finden sich kaum Firmen, die in Grünwald produzieren, gleichwohl aber zahlreiche Ableger von Konzernen, Leasing-Gesellschaften, Immobilienfirmen, Vermögensverwaltungen und Medienfonds.

Sie lockt der niedrige Gewerbesteuerhebesatz von nur 240 Prozent. Grünwald liegt nur knapp über dem Mindestsatz von 200 Prozent und gilt daher als äußerst attraktiver Steuerspar-Standort. Der Bundesdurchschnitt des Hebesatzes lag 2016 bei 400, die angrenzende Stadt München verlangt 490. Laut Neusiedl haben aktuell 6674 Firmen in Grünwald ihren Sitz. 2006 waren es erst 4739. Der Aufstieg zum Standort für Finanzdienstleister war in den vergangenen zehn Jahren also rasant. Diese Entwicklung habe im Zuge einer Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung begonnen, sagt Bürgermeister Neusiedl. Damals habe man den Hebesatz von 270 auf 240 Punkte gesenkt. Seitdem seien die Gewerbesteuereinnahmen um das Achtfache gestiegen. Jährlich meldet der Kämmerer Einnahmerekorde. Dieses Jahr werden 180 Millionen Euro erwartet.

Das Unternehmen P&R hat etwa 40 Jahre lang in Grünwald Geschäfte gemacht. Bürgermeister Neusiedl rechnet die Firma auch nicht zu jenen Geschäftemachern, die nur einen Briefkasten in der Gemeinde haben. Vielmehr besitzt sie richtige Büroräume. "Werner Feldkamp war ein Grünwalder und hatte guten Kontakt zur Bevölkerung. Die Nachfolger von ihm kenne ich nicht", sagt der Rathauschef über den 2016 verstorbenen früheren Vorstandsvorsitzenden von P&R. Ein anderer Grünwalder Unternehmer, der namentlich nicht genannt werden will, bezeichnet Feldkamp als "bescheidenen Mann". Er habe weder in einer Prachtvilla gewohnt noch viele Autos besessen, "das waren ganz normale Leute".

Fakt ist, dass P&R am sogenannten grauen Kapitalmarkt tätig war. Finanzanbieter unterliegen dort keiner staatlichen Aufsicht und müssen nur wenige gesetzliche Vorschriften einhalten. Unternehmer ködern Anleger oft mit dem Versprechen hoher Renditen, verschweigen aber häufig die Risiken der Investitionen. Auf dem Graumarkt tummeln sich nicht nur schwarze Schafe, aber die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht mahnt bei solchen Geldanlagen zu Vorsicht.

Die lasse übrigens auch das vermögende Grünwald walten, betont Bürgermeister Neusiedl. Er relativiert den Eindruck, die Gemeinde sei allein von der Finanzbranche abhängig. Auch Medienunternehmen seien stark vertreten, sagt er, und verweist auf Bavaria-Film und Fernsehsender wie RTL II. Und Jan Neusiedl bezeichnet sich selbst als vorsichtigen Mann, was Geldanlagen angeht. Er selbst habe bei P & R kein Geld angelegt, sagt er, die Gemeinde auch nicht.

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