Giesing Strahlendes Intermezzo

Nur drei Monate hat das Künstlernetzwerk "Flostern 2" Zeit, um die ehemalige Giesinger Stadtbibliothek zu einem Ort ungebürsteter Kultur zu machen. Da ist Improvisation die eigentliche Kunstform

Von Andrea Schlaier, Giesing

"Es ist schon ein Wahnsinnsaufwand." Mark Luther sitzt auf einem hölzernen Schemel und frickelt ein schwarzes Isolierband um eine Leitung. An dem Knäuel hängt eine purpurne Kaffeemaschine, die erst eine halbe Stunde später zum ersten Fauchen ansetzen wird. Aus ihrem Bauch baumeln ein grüner und ein blauer Zu- und Abwasser-Schlauch, die sich von hier aus zur Decke des offenen, kahlen Raums winden und hinter einem Wandvorsprung verschwinden. "Ich muss erst einmal das Wasser auf die andere Seite verlegen", sagt Luther und deutet in die entgegengesetzte Richtung - dorthin, wo sich bis vor einem Dreivierteljahr noch Kinderbücher auf Regalreihen gestapelt haben. Der 52-Jährige gehört zum Team von Flostern 2 ("Flo**"), dem Künstlernetzwerk, das die ehemalige Giesinger Stadtbibliothek an der St.-Martin-Straße mit ungebürsteter Kultur zwischennutzt - zunächst für drei Monate. Luther, der sonst mit seiner rollenden Cafeteria "Annacru bavarian coffee" auf Münchner Wochenmärkten unterwegs ist, übernimmt dabei den Part des Interim-Baristas.

Wenn man nur drei Monate hat, um etwas auf die Beine zu stellen, fängt man am besten damit an, sobald einem der Hausherr die Schlüssel in die Hand drückt. Improvisation ist für Zwischenspieler die eigentliche Kunstform. Also haben die Köpfe des Projekts, Fotodesigner Edward Beierle, sein Kompagnon vom "Atelier Held", der Architekt und Bildhauer Hermann Hiller sowie Matthias Stadler vom Künstlernetzwerk "Tam Tam", im 370-Quadratmeter-Refugium schon am St.-Martins-Tag in ihrem Haus an der St.-Martin-Straße das Licht angeschaltet. Giesinger und alle anderen waren geladen, innovative und kunstvoll konstruierte Laternen für das Übergangsheim zu basteln. Wundersame und bizarre Geschöpfe, darunter ein leuchtender Trump, baumeln seither hinter den großen Fensterscheiben.

(Foto: Flostern)

"Wir wollen hier zusammen mit der Bevölkerung etwas auf die Beine stellen", sagt Matthias Stadler, 31, der mit Beierle, 48, durchs Part-Time-Refugium führt. "Gleichzeitig wird es aber auch guttun, wenn die Szene nicht unter sich bleibt, sondern auch Impulse von außen kommen." Also hat das Team, als der Mietvertrag unterschrieben war, ein Eröffnungskonzert mit Indie-Größen angesetzt, die um die Ecke einen Probenraum nutzen: The Grappa Band - Fred Raspail & g.rag/zelig implosion feat. alien boy M 1. Beim Gig der Musiker des Münchner Labels "Goodfeeling Records" war der Laden dann genauso voll wie der Hut, der anschließend die Runde machte. "Und", schiebt Stadler mit freundlichem Lächeln nach, "im Publikum saß ein älterer Mann, der hat die Band während des Konzerts gezeichnet". Das sei so super geworden, dass sie die Zeichnung gleich auf den Flyer für die erste Flostern-Reihe gedruckt haben, die an diesem Sonntag, 18. Dezember, um 11 Uhr startet: ein Frühschoppen mit Musik der "Hochzeitskapelle" samt Kunstauktion.

"Frühschoppen ist was Traditionelles, das passt ganz gut zu Giesing", sagt Edward Beierle und schiebt sich grinsend die langen schütteren Strähnen zurück. "Es gibt immer Weißwurst, Weißbier, Brezn und Musik." Und diesmal eben auch eine Kunstauktion. "Jeder kann sein Bild an die Wand hängen, egal ob er ausgebildeter Künstler oder Hobbymaler ist und das wird dann versteigert." Eine bunte Mischung soll das Programm der nächsten Wochen bieten, Lesungen, Workshops, Bastelnummern, Kino, soziale Aktionen und Tagescafé. Verena Hägler zeigt ihre Foto-Ausstellung über die Küchen von Privatleuten, die an der Tegernseer Landstraße wohnen. Musik-Theater gibt's und eine Archiv-Reihe, in der Sammler ihre Schätze präsentieren. Stadler streift an langen Tüllbahnen vorbei, die auf einem Zwischengeschoss der alten Bibliothek von der Decke hängen. Seine Combo halluziniert auf die Stoffe durchdringende Lichtfiguren. Dienstags können Künstler bei der "Sprechstunde" ihre Projekte vorstellen, am Abend wird auf den beiden holzbockartigen Platten Tischtennis gespielt. Wie in Pasing.

Ein älterer Besucher ließ sich vom Eröffnungskonzert inspirieren und zeichnete die Band des Abends.

(Foto: Edward Beierle)

In Pasing haben sich die Flosterne im Frühjahr gefunden. Stadler, Beierle und Hiller, 53, teilten sich zufällig eine kreative Zelle bei einem anderen Zwischennutzungsprojekt: in der sogenannten Pasinger Pappschachtel am Marienplatz. Bevor die kleine Ladenzeile abgerissen wurde, schüttelten sie kunstaffine Menschen noch mal kräftig aus und entfachten dabei sprühende Funken. Eins der Geschäfte hieß Flostern. "Flo*" war geboren, und den zweiten Stern gibt's in Giesing dazu.

Hier wie dort stützte die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) mitsamt ihren Quartiersmanagern die Pop-up-Community. In Giesing sind auch das städtische Kulturreferat und der Bezirksausschuss Obergiesing-Fasangarten mit im Boot. Vermieter ist die städtische Georg-Niedermair-Stiftung, die das Obergeschoss des stattlichen Hauses zu Wohnungen und das Erdgeschoss für Gewerbezwecke umbauen lassen will. "Bis der Bauantrag durch ist, ist das Haus zur Zwischennutzung freigestellt", erzählt Quartiersmanager Torsten Müller, der sein Büro lediglich ein paar Häuser weiter hat. "Niederschwellige, kostenfreie Veranstaltungen sollen's sein." Reich wird in der Nische ohnehin keiner.

Die Initiatoren Matthias Stadler und Edward Beierle (re.).

(Foto: oh)

Barmann Luther, der inzwischen dampfenden Kaffee aus seiner fauchenden Maschine gezaubert hat, schlägt einen Bogen: "Du musst dir Lücken in unserer Branche suchen, weil die Münchner Immobilien-Szene nicht mehr viel anderes zulässt."

Das Künstlernetzwerk Flo** sucht noch Mitspieler für das Intermezzo in der früheren Giesinger Stadtbücherei, St.-Martin-Straße 2, Informationen gibt es unter www.flo2stern.de, oder man kommt einfach vorbei. Am Sonntag, 18. Dezember, 11 Uhr, gibt es einen Frühschoppen mit Kunstauktion.