Garching Mit 15 in den Hörsaal

Hochbegabte Schüler können beim TUM-Kolleg ihre Arbeiten fürs Abitur an der Uni schreiben. Die TU und die Gymnasien in Gauting und Garching kooperieren

Von Markus Mayr, Garching

Sie tummeln sich um kurz vor 9 Uhr an den Tischen im Foyer der Fakultät für Informatik. Die elf Jungen und zwei Mädchen könnten Studierende im ersten Semester sein, die darauf warten, dass Tutoren ihnen den Campus der Technischen Universität München (TUM) zeigen. Nur wer weiß, wie alt sie sind, kann sicher sagen: zu jung für ein Studium. Fidelia Ritz, 15, und Maximilian Kerschbaum, 16, gehören zu den 13 Schülerinnen und Schülern des Garchinger Werner-Heisenberg-Gymnasiums (WHG), die seit Beginn dieses Schuljahres regelmäßig die Uni besuchen.

Die beiden belegen den neu an ihrer Schule eingeführten Oberstufenzug namens TUM-Kolleg, eine Kooperation des Otto-von-Taube-Gymnasiums in Gauting, des WHG und der TUM in Garching. Er soll ihre besondere Begabung in den Naturwissenschaften fördern. "Ich will später auf jeden Fall studieren", sagt Fidelia, "das TUM-Kolleg ist da eine gute Vorbereitung." Maximilian erklärt: "Jeden Mittwoch stellen sie uns eine andere Fakultät vor." Noch spielen die beiden Schafkopf mit zwei Mitschülern. Wenn ihre Kollegen vom Gautinger Gymnasium ankommen, kann der besondere Tag endlich beginnen.

Die Entscheidung der 13 Garchinger Schüler für das neue Oberstufenmodell war nicht ganz einfach. Konnten sie als die ersten ihrer Schule ja nicht von Erfahrungen Älterer profitieren. Dennoch, sagt Fidelia, habe sie sich bewusst und selbst für die neue Möglichkeit entschieden. Es lockten kleine Kurse und Lehrer, die somit mehr Zeit für den Einzelnen haben. Maximilian fiel die Entscheidung leichter, ein Freund wählte mit ihm das TUM-Kolleg. Sein Wille allein hätte nicht ausgereicht.

Maximilian Kerschbaum, 16, und Fidelia Ritz, 15, vom Werner-Heisenberg-Gymnasium in Garching, besuchen viele Fakultäten.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

"Das TUM-Kolleg ist ganz klar ein Projekt zur Förderung von Hochbegabten", sagt Markus Stöckle, der das Elite-Projekt am Gautinger Gymnasium betreut. Für den speziellen Zug mussten Fidelia und Maximilian sich qualifizieren: ein Motivationsschreiben verfassen; die letzten beiden Zeugnisse einreichen; und in einem Auswahlgespräch bestehen, bei dem nicht nur ihre Lehrer sondern auch Professoren der Uni anwesend waren.

Die Idee hinter dem TUM-Kolleg ist laut Stöckle, naturwissenschaftlich begabten Schülern die Universität näher zu bringen, ohne ihnen etwas von der Schule zu nehmen. Deswegen gliedere sich der Uni-Tag in den Stundenplan der ausgewählten Schüler ein und werde nicht einfach "on top" gesetzt. Vier Tage in der Woche haben die Schüler Unterricht an ihrer Schule - teils mit der regulären Oberstufe gemeinsam - einen Tag sind sie an der Uni. Dort schreiben die Kollegiaten dann ihre für das Abitur verpflichtenden Forschungsarbeiten.

Stöckles Kollege Ralf Laupitz vom WHG schwärmt von den "teils extrem wissenschaftlichen Arbeiten", die Schüler in Gauting schon geschrieben hätten. Dort läuft das Projekt schon seit 2009. Einer habe zum Beispiel darüber geforscht, die Geschwindigkeit von Luft mittels Ultraschall zu messen. Ein anderer habe einen Skistock entwickelt, dessen Teller sowohl für harten als auch für weichen Schnee tauge. Laupitz darf gespannt sein, welche Themen seine Kolleg-Neulinge wählen werden. Im kommenden Halbjahr sollen sie damit beginnen.

Noch sind die TUM-Kollegiaten in der Findungsphase. In den vergangenen Wochen lernten sie beispielsweise die Fachbereiche Chemie, Mathematik und Physik kennen. Sie besuchten den Forschungsreaktor der Uni. Am meisten angetan sind die beiden bisher von der Chemie. Dort hätten sie Baumwolltaschen mit Indigo gefärbt, erzählt Maximilian, das Blau dabei selbst hergestellt. "Selten war es so praxisorientiert wie da", sagt Fidelia. Doch wollen sie sich erst alle Fakultäten ansehen, bevor sie auswählen, an welcher sie ihre Forschungsarbeiten schreiben.

TUM-Kolleg

Als neuer Zug der Oberstufe richtet sich das TUM-Kolleg an Schülerinnen und Schüler, die besonders an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik interessiert und in diesen sogenannten MINT-Fächern besonders begabt sind. 2009 startete das Projekt am Otto-von-Taube Gymnasium in Gauting, seit diesem Schuljahr sind 13 Schüler des Garchinger Werner-Heisenberg-Gymnasiums dabei, darunter zwei Schülerinnen. Das besondere dieses Zweigs ist der wöchentlich stattfindende Tag an und in Kooperation mit der Technischen Universität (TU) München.

Schüler der herkömmlichen Oberstufe belegen das Wissenschaftspropädeutische Seminar (W-Seminar) und das Projekt-Seminar (P-Seminar) an ihrer Schule. Für die TUM-Kollegiaten findet dieser Teil der Oberstufe an der TU statt. Jede Woche lernen sie einen neuen Fachbereich der Universität kenn. Nach dem ersten Halbjahr der 11. Klasse sollen sie an einer Fakultät ihrer Wahl eine Forschungsarbeit schreiben und ein Projekt für ihre Schule erarbeiten. Ein zwei- bis dreiwöchiges Auslandspraktikum ist Pflicht. Um das Abitur zu erlangen, müssen sie schriftliche Prüfungen in mindestens einer Naturwissenschaft und der für sie verpflichtenden Fremdsprache Englisch ablegen. Wie alle bayerischen Oberstufler müssen sie sich auch in Deutsch und Mathematik für das Abitur prüfen lassen.

Das TUM-Kolleg ist ein Projekt für außergewöhnlich Begabte. Deshalb nehmen die betreuenden Lehrer und Professoren nur Schülerinnen und Schüler an, die ihre Motivation für diesen Zweig begründen können. Ihre Noten müssen überdurchschnittlich gut sein, und sie müssen in einem Auswahlgespräch bestehen. MMM

Die Gautinger kommen um kurz nach 9 Uhr, und wenig später werden die knapp 30 Schüler von drei Studenten abgeholt. "Auf, auf!", ruft einer, "wir haben nicht viel Zeit". In einem kleinen Seminarraum stellt er den Schülern dann die Tagesaufgabe. Sie sollen verstehen, was Informatiker tun, wenn sie Geld verdienen wollen. Und Zeit ist natürlich Geld, also spricht der Wortführer schnell. Er teilt den Studien-Nachwuchs in spe in kleine Gruppen ein, innerhalb derer es jeweils "Manager" und "Programmierer" gibt. Jede dieser Gruppen soll eine Taschenlampen-App für Android-Telefone entwickeln und diese anschließend einem fiktiven Kunden so schmackhaft machen, dass er sie kauft.

Unter Anleitung schreiben die Programmierer den Code für die Anwendung, die das Handy zum Leuchten bringen soll. Die Schüler stellen Fragen, die deutlich machen, dass sie nicht zum ersten Mal von JavaScript und Co. hören. Fidelia und Maximilian sind jeweils die Manager ihrer beiden Gruppe. Der Student, der sie betreut, plant mit ihnen erst einmal eine Silvesterparty. Sie sollen lernen, Projekte strukturiert anzugehen. Als sie dann jeweils für ihre Gruppe die fertige App anpreisen und verkaufen sollen, schlägt sich Maximilian besonders gut. Seine Gruppe gewinnt das Spiel, der fiktive Kunde hätte ihre App gekauft. Als Preis hätte Maximilians Gruppe ein Eis bekommen sollen. Doch sie konnten ihn gar nicht annehmen, mussten sie doch am Ende des Uni-Tages den Bus nach Hause kriegen.

Am nächsten Morgen sind Fidelia und Maximilian wieder in der Schule. Ihr Stundenplan ist straff organisiert. Wenn Maximilian die Zeit findet, spielt er Fußball. Fidelias Ausgleich zum Lernen und Forschen ist ihre Klarinette. Doch "bleibt wenig Zeit, auch außerhalb der Schule mal was zu machen", sagt Maximilian. Obwohl sie eine "gute Truppe" seien im TUM-Kolleg. Ihre Mitschüler sehen die beiden seit diesem Schuljahr allerdings nicht mehr so oft. Isoliert seien sie deshalb aber nicht, sagt Fidelia. Sie eint ja auch alle das gleiche Ziel, ob TUM-Kollegiat oder nicht, ob künftiger Student oder Azubi: Alle wollen sie nur das eine. Das Abitur.