Zeitgemäße Predigten "Das Modell Volkskirche hat ausgedient"

Zu den Gemeinschaftserlebnissen der evangelischen Kirche in Hallbergmoos gehört auch eine Massentaufe, die Pfarrerin Juliane Fischer mit 20 Täuflingen zelebriert hat.

(Foto: Marco Einfeldt)

Pfarrerin Juliane Fischer predigt lebensnah und lockt so mehr Menschen in ihre modernen Gottesdienste. Ein Bademeister hat sie auf ihren Weg gebracht

Interview von Tobias Weiskopf, Hallbergmoos

Juliane Fischer ist 37 Jahre alt und seit vier Jahren evangelische Pfarrerin in Hallbergmoos. Mit der Freisinger SZ spricht sie über ihren eigenen Weg zum Glauben, erklärt, welche Rolle dabei ein Bademeister gespielt hat und verrät ihr Rezept für gut besuchte Gottesdienste und ein lebendiges Gemeindeleben.

SZ: Sie wurden als Atheistin in der DDR groß, jetzt sind Sie Pfarrerin in Bayern. Ist das ein Sprung von null auf hundert?

Fischer: Nein, das war natürlich ein Weg. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich gerne Ski fahre. Meine Eltern wollten mir die Ausrüstung nicht kaufen, da musste ich sie mir verdienen und habe im Schwimmbad gejobbt. Der Bademeister war ein Theologiestudent, der seine Urlaubskasse aufbessern wollte. Wir haben uns gut verstanden und ich habe ihn gefragt: Wie kommst denn du dazu? Über diese Gespräche habe ich gemerkt, diese Geschichte mit Gott ist wahr. Das war, als ob eine Tür zu einer anderen Dimension von Wirklichkeit aufgeht, die man nicht gesehen hatte.

Wie waren dann Ihre ersten Begegnungen mit der Kirche?

Die ersten Kontakte waren traurig, weil ich hatte einen ganz lebendigen Gott kennengelernt, der meine innere Welt, mein Denken und Fühlen verändert hatte. Dann dachte ich, ich treffe Menschen, die das auch so kennen und leben. Ich kam in die Kirche und es war total konservativ, kalt, keiner hat mich angesprochen. Die Menschen sind aufgestanden, haben irgendwas gesungen, ich hatte keine Ahnung was und habe mich total ausgegrenzt gefühlt.

Was hat Sie dann doch überzeugt?

Über eine Pfarrersfamilie, die neu in unseren Ort kam und großartig war, habe ich richtigen Kontakt zum Thema Glaube, Gott und Kirche gewonnen. Darüber bin ich reingewachsen und es war klar: Das ist ein toller Job. Also habe ich angefangen Theologie zu studieren.

Gab es nie Momente des Zweifelns?

Nicht an der Sache mit Gott. Aber jeder Mensch, der Nachrichten verfolgt oder sich mit dem Leben der Menschen um ihn herum beschäftigt, stellt sich irgendwann die Frage: Wie kann Gott das zulassen? Zweifel, Theologie zu studieren, gab es nicht. Ich habe mich allerdings gefragt, ob Pfarrerin zu werden, richtig für mich ist. Meine ganze Anthropologie, also wie ich den Menschen sehe und ob ich glaube, dass sich Dinge verbessern können, da bin ich im Studium sehr nüchtern geworden. Dann dachte ich, was willst du als Gemeindepfarrerin schon wuppen? Aber ich erlebe jetzt, dass man zwar nicht die ganze Welt retten kann, aber man kann im Kleinen was verändern.

Inzwischen sind Sie seit vier Jahren Pfarrerin in Hallbergmoos. Ihre Sonntagsgottesdienste sind prall gefüllt. Was machen Sie anders als Ihre Kollegen?

Wir versuchen hier Gottesdienste zu machen, die ganz wenige liturgische Elemente enthalten, weil die oft eine Hürdenfunktion haben. Die kennt keiner mehr, die versteht keiner. Das führt dazu, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Wir machen das liturgiearm und spielen bewusst moderne Kirchenmusik. Ich predige oft zu Lebensthemen, auf die ich versuche, eine Glaubensantwort zu geben. Es werden nicht einfach drei Bibeltexte gelesen, sondern ein Thema, eine Bibelstelle, sehr konzentriert.

Bekannt sind Sie für lebensnahe Predigten. Was ist Ihr Rezept, um die Lebenswirklichkeit der Leute zu erreichen?

Ich hab' die ganze Woche viel Kontakt mit den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Da nimmt man Anteil an Freud und Leid in Biografien. Dann die Seelsorge, es passiert viel. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Da habe ich Stoff ohne Ende. Die Bibel wurde auch von Menschen geschrieben, die glaubten und genau wie wir heute in ihrem Kontext ihr Päckchen zu tragen hatten. Das ist nicht so verschieden, Glaubenserfahrung heute und damals.

Was braucht es speziell in Hallbergmoos, um die Gemeinde so gut zu erreichen?

Bei uns ist nach dem Gottesdienst nicht Schluss. Hallbergmoos ist ein Zuzugsort. Tausend Leute im Jahr hin, tausend weg. Die Leute kommen wegen der Arbeit, geben ihre Familie und Freunde auf. Wir machen hinterher Essen und ein get-together, um eine Kontaktplattform zu bieten. Das wird total gerne angenommen. Und wir machen keinen Gottesdienst, wo der Pfarrer Alleinunterhalter ist. Ich habe ein Technikteam, einen Beamerdienst, die Band, den Chor, ein Kinderkirchenteam. Das ist Kirche zum Mitmachen.

Verliert man so nicht die traditionellen Kirchgänger?

Ich habe das Gefühl: Nein. Denn wir bieten einmal im Monat einen ganz traditionellen Gottesdienst an. Die Liebhaber des Traditionellen sind damit zufrieden, kommen aber auch gerne zu den anderen Sachen. Der klassische Gottesdienst ist weitaus schlechter besucht als der moderne.

Wie sieht die Kirche der Zukunft aus?

Ich glaube, das Modell Volkskirche hat ausgedient. Da muss mehr Freiheit eingebaut werden. Die Kirche muss flexibler werden und kann das auch. Die Christen, die nur einmal an Weihnachten auftauchen, werden weniger werden, aber die aus Überzeugung dabei sind werden mehr werden - egal ob sie Kirchenmitglieder sind. Sie werden viel mehr bereit sein, sich in der Kirche einzubringen und sie mitzugestalten, auch wenn wir auf dem Papier dann weniger Mitglieder haben. Da muss man sich eben andere Finanzierungskonzepte überlegen als allein die Kirchensteuer.