Konzert Wie in einem Heldenepos

Gerhardt Boesl musiziert mit dem Moosburger Kammerorchester.

(Foto: OH)

Gerhardt Boesl hat das Werk "Der Nachtwanderer" geschrieben. Es besteht aus den Elementen Wort, Bild und Musik. Zuhörer der Aufführung im Moosburger Kastulusmünster können dabei die Stationen ihres Lebens durchlaufen

Interview Von Till Kronsfoth, Moosburg

Anlässlich des Thesenanschlags zu Wittenberg vor 500 Jahren durch Luther führt das Kammerorchester Moosburg unter der Leitung von Erwin Weber am Samstag, 7. Oktober, um 19.30 Uhr im Kastulusmünster die "Reformationssinfonie" von Felix Mendelssohn-Bartholdy auf. Ergänzt wird das Programm durch die Komposition "Der Nachtwanderer" von Gerhardt Boesl. Die Freisinger SZ sprach mit dem Komponisten über seine Arbeit.

SZ:Herr Boesl, Sie wurden 1952 in Wiesbaden geboren und verbrachten Ihre Kindheit und Jugend in den USA. Sie haben anschließend in Frankreich studiert und gearbeitet. Danach zogen Sie zurück nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Gerhardt Boesl: Wir sind eine Familie mit Wurzeln im Bayerischen Wald und der Oberpfalz. In der jungen Bundesrepublik verließen meine Eltern Bayern. Mein Vater erhielt beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden eine Anstellung. Mitte der 50er sind meine Eltern in die USA ausgewandert. Damals war Amerika das Non-plus-ultra. Aber ich habe die Bindung nach Deutschland nie verloren, da meine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen hier lebten. Als ich in den USA mit meinem Musikstudium fertig war, habe ich überlegt: Was mache ich jetzt? Es war Ende der 60er. Allgegenwärtig waren die Auswirkungen der McCarthy-Ära mit ihrer Paranoia gegenüber Kommunisten der Verachtung für Andersdenkende, die Zuspitzung des Vietnamkrieges, Studentenproteste, Rassenunruhen, die Ermordung von John und Robert Kennedy und Martin Luther King. Das alles hat mich zutiefst verunsichert. Amerika war für mich "a nice place to visit, but I just do not want to live there."

Waren Sie in der Studentenbewegung aktiv?

Weniger, aber ich hatte Freunde, die sich engagierten. Und innerhalb dieses Kreises von Kommilitonen gab es ein traumatisches Erlebnis, das mich geprägt hat. Nach diesem Erlebnis schlug meine Patentante mir vor, nach Frankreich zu kommen. Ich ging nach Frankreich, spielte und komponierte Musik und begann ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Ich hatte eine gute Anstellung, war glücklich und das Leben schien in geordneten Bahnen zu verlaufen. Ende der 70er besuchte ich meine Großeltern im Bayerischen Wald. Meine Großmutter las mir die Leviten. Sie sagte: "Gerry, du bist weder Deutscher, noch Amerikaner noch Franzose und schon gar kein Bayer. Du hast eigentlich keine Identität. Bleib doch ein paar Jahre hier in Bayern und lerne dein Heimatland kennen." Ich hielt das für eine gute Idee.

Ihr Lieblingsinstrument ist das Fagott. Warum gerade dieses Instrument?

Als ich als Kind in Amerika aufwuchs, habe ich mich nicht immer wohlgefühlt. Die Integration war nicht leicht. Wir lebten in einem sehr konservativen Staat mit strikter Rassentrennung. An unserer Schule gab es zum Beispiel keine Schwarzen und Mexikaner, wurden in unserer Nachbarschaft auch nicht geduldet. Ich erlebte somit eine Kehrseite der USA mit einem Teil der Gesellschaft, die Menschen ausgrenzte. Ich suchte einen Ausgleich. Diesen fand ich im Kontakt zu einer italienischen Familie. Deren Vater war ein führender Fagottist seiner Zeit.

Ihr musikalisches Talent wurde schon in der Kindheit entdeckt?

Ja, das war meine Mutter. Ich spielte erst Blockflöte, dann Klavier und Querflöte. Anschließend kam das Fagott, zusammen mit dem Komponieren von Musik und dabei bin ich geblieben.

Am 7. Oktober wird Ihr neues Musikstück "Der Nachtwanderer" uraufgeführt. Sie werden während der Aufführung Bilder projizieren. Was war die Idee dahinter?

Die Idee entstand vor zwei Jahren. Der evangelische Pfarrer in Mainburg, Frank Möwes, verkündete, er möchte anlässlich des Reformationsjubiläums die Reformations-Sinfonie von Mendelssohn-Bartholdy spielen. Ich war sofort dabei. Aber die Sinfonie ist nicht lang genug für ein Konzert. In diesem Zusammenhang fragte mich Herr Möwes, ob ich ein gesondertes, originelles Stück für diesen Anlass komponieren würde. Von diesem Gedanken war auch Erwin Weber, der Dirigent des Moosburger Kammerorchesters, begeistert. Und da kam mir die Idee, ein Werk zu schreiben, das ich später "Der Nachtwanderer" nannte. Es ist eine Ouvertüre im Stil einer sinfonischen Tondichtung mit sakralem Charakter, das zum Nachdenken und zur Besinnung anregt. Für unser Publikum ist es im Rahmen eines derartigen Kirchenkonzertes etwas noch nie Dagewesenes. Denn "Der Nachtwanderer" verbindet drei Elemente. Erstens: Das Wort - am Anfang stimmt Herr Möwes die Zuhörer durch eine geistliche Ansprache ein. Zweitens: Die Musik - anschließend gibt es das gehörte musikalische Werk und gleichzeitig, drittens: das Bild - eine visuelle Ebene mit Bildern, angeordnet wie eine Reise und auf die Musik abgestimmt. Wort, Musik, Bild. Wie im Kino. Mit "Der Nachtwanderer" durchläufst Du im übertragenen Sinne die Stationen Deines eigenen Lebens, auf der Suche nach Licht, Zufriedenheit und Glückseligkeit. Die Musik beinhaltet gefühlsbetonte, epische Elemente, die sehr auf die Emotionen der Menschen abzielt, wie in einem Heldenepos.

Sie haben in der Vergangenheit Soundtracks berühmter Hollywoodfilme orchestriert. Inwiefern unterscheidet sich "Der Nachtwanderer" von Ihren früheren Musikstücken?

Nicht sehr. Ich bin mir stilistisch treu geblieben. Wenn Sie einen Schriftsteller kennenlernen wollen, dann lesen Sie seine Bücher. Ähnlich ist es bei den Komponisten. Viele persönliche Eigenschaften eines Komponisten findet man in seinen Werken wieder.

Ist "Der Nachtwanderer" ein Spiegelbild Ihres eigenen Lebens?

Eine gute Frage, aber ehrlich gesagt, habe ich während des Komponierens nicht daran gedacht. Auf jeden Fall war es nicht meine Absicht. Aber wenn Parallelen hier zu finden sind, dann stelle ich gerne die Gegenfrage: Welche Parallele zum eigenen Leben werden die Zuhörer beim Hören der Musik und beim Betrachten der Bilder bei sich selbst finden? Rückblickend habe ich bislang ein bewegtes Leben gehabt. Ich habe überall in Westeuropa gearbeitet, an vielen exotischen Orten gelebt und bin 14 Mal umgezogen. Ich bin 65. Mit 60 habe ich mir gesagt: "Es reicht". Meine Frau hat dann vorgeschlagen, dass wir nach Niederbayern zurückkehren. Also "Back to the roots." Bayerischer Wald war uns dann allerdings doch etwas zu weit ab vom Schuss. So haben wir uns für die schöne mittelalterliche Stadt Landshut entschieden.

Wie kam die Verbindung zu Moosburg zustande?

Wenn Sie einmal Musiker sind, sind Sie immer Musiker. Ich habe Erwin Weber über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Zwischen uns entstand eine enge, freundschaftliche Beziehung. Und vor drei Jahren fragte mich Erwin, ob wir zusammen im Orchester arbeiten wollen. Das war der Anfang meines Mitwirkens in Moosburg und in der Zwischenzeit wurde ich vom Orchester aufgenommen und gemeinsam sind wir ein gutes Team geworden.