"Frauen" in der Pinakothek der Moderne Taumel der Göttinnen, Mädchen und Huren
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Frauen, die Blicke auf sich ziehen: Die Pinakothek der Moderne in München lädt zu einer Ausstellung von "Frauen"-Bildern - mit Werken von Picasso, Beckmann und de Kooning.
Alles wird geboten auf diesem Parcours, mehr als neunzig Bilder von Frauen, wie sie drei Großmeister der Kunst des 20. Jahrhunderts sehen wollten und malerisch erlebt haben: Da gibt es gleich zu Beginn die objektivierende Sicht und respektvolle Distanz, wenn Max Beckmann und Pablo Picasso ihre Ehefrauen in eben jenem Moment porträtieren, da die Beziehungen am Ende sind.
Ziehen bewundernde Blicke auf sich: Die "Frauen" in der Pinakothek.
(Foto: dapd)Die Bildnisse von Minna Beckmann und Olga Picasso wirken da wie achtunggebietende Bildtüren, hinter denen die Krisen und Entfremdungen der gescheiterten Ehen gleichsam verschlossen sind. Dagegen Willem de Koonings breit grinsende pompös dasitzende "Woman" in rahmensprengender Leiblichkeit und Farbenlust.
Dann braust es auf in der rauschhaften Nähe und orgiastischen Verschmelzung erotischer Ekstase in den Umarmungen des Paares, im sich ineinander versenkenden Kuss - zwei Gemälde des alten Picasso, die bei aller Hingabe und Leidenschaftlichkeit doch von der Verzweiflung der Vergeblichkeit künden. Ganz anders sind jene Momente, in denen die Künstler die Frauen betrachten in ihrer Kontemplation, ihrer Selbstvergessenheit und dem beneidenswerten In-sich-ruhen.
Es ist jene Selbstgewissheit, die Max Beckmann als gewissermaßen utopisches Plus der Frauen ansah, während Pablo Picasso diese Gelassenheit und Entspanntheit seiner lesenden, spielenden und mit sich selbst beschäftigten Frauen genießerisch beobachtete und geradezu heiter ins Bild setzte.
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Solche privaten, auch glücklichen Szenen kontrastieren hart mit jenen ins Idolhafte gesteigerten Gestalten, die bei Beckmann zwischen Begierde und Bedrängung in der Angstlust des Künstlers changieren, bei Picasso monumental ins Antikische wachsen und schließlich beim eine Generation jüngeren Amerikaner Willem de Kooning in vitalistischen Farbgewittern bersten.
Wer diese Bilderschau in der Münchner Pinakothek der Moderne besucht, mit der sich Carla Schulz-Hoffmann aus ihren amtlichen Funktionen als stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und verantwortliche Konservatorin verabschiedet, wird unwiderstehlich in den Sog eines vielgestaltigen, vielgesichtigen Reigens mächtiger, fesselnder, auch bedrohlicher, dann wieder heller und Kraft und Glanz ausstrahlender Frauen gezogen.
In den Bann lebenslanger Neugier und unstillbarer Sehnsucht dieser drei Künstler, der in ihren Gemälden Ausdruck findet. Ausgangspunkt war, so Schulz-Hoffmann, der Beckmann-Fundus der Münchner Sammlungen und die Erkenntnis, dass Max Beckmann sich und die inneren Bewegungen seiner Gefühlswelt und die Erschütterungen seiner Zeit in zahlreichen Selbstporträts reflektierte, analysierte und ausdeutete, seine Frauenbildnisse dagegen viel eher von einer für ihn fast visionären, unerreichbaren Welt weiblichen Selbstverständnisses und Selbstvertrauens künden.
Demgegenüber, so Schulz-Hoffmann, hat Picasso nur wenige Autoporträtspuren hinterlassen, dafür aber sein Welterlebnis und -verständnis, seine Emotionen und Ängste, sein Zeitempfinden und seine ungeheure kreative Lebendigkeit in der gewaltigen Flut seiner Frauenbildnisse ausgebreitet. Das meint wie auch bei Beckmann nicht nur die konkreten Frauenspersonen aus den biografischen Zusammenhängen der Maler, sondern die Frau ebenso als Modell und Figurine, als Projektion und Sehnsuchtsbild, als Domina und Göttin und als Phänotyp einer ganzen Epoche.
Alles männliche Blicke, auch böse, kränkende, demütigende? Aber gewiss doch. Nur, diese drei Künstler sind nicht Voyeure und Abbildner, sondern Schöpfer ureigener Bildwelten, in denen Frauen eine je unverwechselbare Macht und Faszinationskraft entfalten.
Erst recht treten die Frauen Willem de Koonings frei von Personalisierung als wahrhaft aus Farbe geborene und in Farbe explodierende Wesenheiten auf. Schwer nurmehr lässt sich dabei die Empörung und Kritik der Entstehungszeit in den fünfziger Jahren verstehen, als die zumeist männlichen Kritiker in den "Women" Gewalt, Sadismus und Zerstörungswillen des Künstlers zu sehen vermeinten. Willem De Kooning selbst hat dagegen einmal betont: "Vielleicht malte ich in dieser frühen Phase die Frau in mir. Kunst ist keine rein männliche Beschäftigung. Mir ist bewusst, dass einige Kritiker dies als Eingeständnis einer latenten Homosexualität verstehen könnten. Wenn ich schöne Frauen malte, würde mich dies als einen Nichthomosexuellen erscheinen lassen? Ich mag schöne Frauen. In der Wirklichkeit und sogar die Models in Zeitschriften. Frauen irritieren mich manchmal. In der Woman-Serie habe ich diese Irritation gemalt. Das ist alles."