Flüchtlinge in Bayern "Wir hübschen das Ganze für die Psyche auf"

Die Flüchtlingsunterkunft in der Bayernkaserne in München. Die Matratzen riechen modrig - statt neuer Bezüge müssten sie eigentlich luftdicht verpackt werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

In der Münchner Bayernkaserne sind am Wochenende auch Garagen und Hallen für Flüchtlinge mit Betten ausgerüstet worden. Es tropft von der Decke, die alten Matratzen stinken. Selbst die Verantwortlichen vor Ort halten das für kaum zumutbar. Zur Imagepflege trägt es trotzdem bei.

Von Bernd Kastner

Es tropft. Ein Eimer steht auf dem Betonboden, ein zweiter auf einem Stockbett, und von hoch oben platschen die Tropfen hinein. Plopp. Plopp. Das Dach, zwölf Meter hoch, hat Löcher. Dabei hatten Katastrophenschützer doch gerade wegen des Wetters entschieden, neu ankommende Flüchtlinge nicht in Zelten, sondern in alten Bundeswehrhallen einzuquartieren. Jedes feste Gebäude sei besser als ein Zelt. Und nun das. Plopp. Plopp. Der Sprecher der zuständigen Regierung von Oberbayern, Florian Schlämmer, beeilt sich zu versichern, dass man die Löcher wirklich erst am Wochenende bemerkt habe, beim großen Regen, und dass noch am Montag Handwerker kommen, um sie zu flicken. Plopp. Plopp.

Man könnte jetzt den Kalauer anbringen, dass es der Regierung gerade nass reingeht, wenn es denn zum Lachen wäre, was sich seit Tagen in der Bayernkaserne in Freimann abspielt. Es sind ja Schutz suchende Menschen aus der ganzen Welt, die in einer völlig überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung landen. Am Samstag hat die Stadt München, der das Areal gehört, der Regierung spontan ein paar alte Garagen und Hallen überlassen, die dann mit Betten und Liegen ausgestattet wurden. So erspart sich die Staatsregierung, ganz nebenbei, Fotos von Flüchtlingen in Zelten. Imagepflege.

300 Plätze, zu zwei Dritteln belegt

Fragt man Stefanie Weber, für Asyl zuständige Bereichsleiterin bei der Regierung von Oberbayern, warum ihr Haus die Frage Zelt oder Halle erst am Samstag, als jedes der 1600 regulären Kasernenbetten belegt war, geklärt hat, und nicht viel früher mit den Experten konferiert hat, sagt sie einiges. Eine Antwort lässt sich daraus aber nicht destillieren.

300 Betten stehen heute in Halle 36, die einst die Bundeswehr für ihre Fahrzeuge nutzte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Halle 36 also, 300 Plätze, derzeit zu zwei Dritteln belegt. Die Tore sind verwaschen grün. Tische stehen in langen Reihen, unter ihnen sucht sich das Tropfwasser seinen Weg. Dahinter etwa 160 Betten, doppelstöckig, die meisten noch leer, es kamen doch weniger Flüchtlinge am Wochenende als erwartet. Ein Vater schläft, sein kleines Kind im Arm. Was sie wohl hinter sich haben? Ein Nigerianer erzählt, dass er in der vergangenen Nacht angekommen sei. Und, diese Halle? "I had no choice" - ich hatte keine Wahl. Er wirkt verständnisvoll, fast dankbar, trotz allem.

In Halle 31 tropft es nicht, es riecht modrig

Sanitärcontainer mit Duschen und Klos haben sie reingeschafft, getrennt nach Männern und Frauen, betonen die Offiziellen. Soll heißen: Ist doch nicht alles so schlecht organisiert. In der Hallenecke dahinter wächst Efeu. "Vorsicht bei laufenden Motoren", steht an der Wand in alten Bundeswehrbuchstaben. "Vergiftungsgefahr." Von oben kommen dicke, silberfarbene Rohre, wenn es kalt wird, pusten sie warme Luft. An einem Bett ein Aufkleber, "OG Rüdiger", es war wohl mal die Schlafstätte eines Obergefreiten.

Emilia Müller, die Sozialministerin von der CSU, hat betont, wie erleichtert sie sei, dass man doch noch keine Zelte in München brauche. Sie hat daraufhin ihren geplanten Kasernenbesuch sein lassen. Hätte sie Gebäude 31 besucht, wäre sie vielleicht nicht mehr so froh. Dort tropft es nicht, dafür riecht es. Modrig. Auf knapp 60 Bettgestellen liegen Schaumstoffmatratzen. Alt sind sie, man sieht es, und man riecht es. Schlämmer beeilt sich zu versichern, dass, ehe Flüchtlinge hier schlafen, die Matratzen selbstverständlich überzogen werden. Dabei müsste man sie luftdicht verpacken.

Unter Umständen wird es nass: Es tropft von der Decke herunter, sie muss erst noch repariert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Wir tun unsere Arbeit"

Frau Weber, fühlen Sie sich von oben, von der Politik, vom Ministerium, ausreichend unterstützt bei Ihrer schwierigen Aufgabe, immer mehr Flüchtlinge menschenwürdig zu versorgen? Sie sagt, man sei immer in Kontakt mit oben: "Wir tun unsere Arbeit." Sie sagt nichts, und doch alles. Hört man genau hin bei diesem Presserundgang durch das Krisengebiet der bayerischen Asylpolitik, merkt man, dass auch die Mitarbeiter der gescholtenen Behörden alles andere als glücklich sind.

Nächste Frage: Wie lange soll in diesem Schaumstofflager ein Flüchtling maximal übernachten? "Mein Wunsch ist", sagt Frau Weber, "dass in dieser Garage möglichst niemand übernachten muss." An den Wänden klebt noch der Auspuffruß der Bundeswehr. Und wieder betont der Sprecher, dass man selbstverständlich die Wände weißeln werde, ehe Asylbewerber hier einziehen. "Wir hübschen das Ganze für die Psyche auf."