Finanznot Protestanten vermieten ihre Kirche

Hinter den Kirchentüren an der Barbarossastraße wird nicht mehr nur gebetet.

(Foto: Florian Peljak)
  • Der evangelischen Kirche in München fehlt es an Geld. Nun dürfen auch Sponsoren die Gebäude nutzen.
  • Nach Zusammenlegungen von Gemeinden bleiben Kirchen ungenutzt, manche Immobilie muss saniert werden.
  • Jetzt wagt eine Gemeinde ein ungewöhnliches Experiment.
Von Jakob Wetzel

Das Kreuz sei immer erkennbar, versichert Peter Untermann: Auch dann, wenn man die Stufen zum Altar mit einer Bühne überbaue, damit ein großer Chor Platz zum Singen hat. Oder dann, wenn man den Raum für Ausstellungen öffne, für Lesungen, Konzerte oder Filmvorführungen. Die evangelische Nazarethkirche bleibe immer ein kirchlicher Raum. Nur eben einer, für den man auch Miete verlangen kann.

Die evangelische Kirche in München ist notorisch klamm; sie sucht händeringend Geld, um langfristig den Unterhalt ihrer Gebäude bezahlen zu können. Untermann wirbt an diesem Abend nun für eine Idee, mit der sich seine Gemeinde in Bogenhausen auf eigene Faust für die Zukunft wappnen will.

Dieser Priester sucht nach Ideen für die Nutzung seiner Kirche

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Gemeinsam mit Wolf Peter Oettinger ist er am Dienstag zur Dekanatssynode in den Saal der Immanuelkirche in Denning gekommen. Die beiden Gemeindemitglieder stellen das "Nazareth-Projekt" vor, das sie seit drei Jahren vorantreiben: Im Jahr 2012 haben sich hier die Immanuel- und die Nazareth-Gemeinde zu einer Gemeinde zusammengeschlossen; jetzt haben sie zwei Kirchen, eine davon kann seit etwa einem Jahr von Sponsoren genutzt werden. So sollen sich der Betrieb und eine spätere Sanierung finanzieren lassen.

Von den Synodenmitgliedern ernten Untermann und Oettinger auch skeptische Nachfragen; doch dass sich etwas verändern muss, ist allen klar. Seit Jahren sucht die Kirche nach neuen Wegen, ihre Gebäude effektiver zu nutzen, um den Etat zu entlasten. Erst im November 2017 hat sie eine Ideensammlung von 33 möglichen Baumaßnahmen vorgelegt, mit denen sich zum Beispiel alte Pfarrheime und Gemeindezentren in Immobilien verwandeln ließen, die nicht nur Unterhalt kosten wie bisher, sondern auch Geld einbringen.

Schritt für Schritt geht es jetzt voran: So stellte Stefan Neukamm, Leiter der Bauabteilung im Stadtdekanat, am Dienstag drei Projekte vor, die derzeit große Fortschritte machen. Für ein Vorhaben in Karlsfeld etwa solle bereits im Juli der Bauantrag eingereicht werden, sagte er. Dort soll ein altes Pfarrhaus der Korneliuskirche abgebrochen werden, weil es laut Kirche nicht wirtschaftlich saniert werden kann. An seiner Stelle soll ein vierstöckiges Wohnhaus entstehen. 15 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sollen künftig vermietet werden. Darüber hinaus sollen eine Pfarrwohnung und ein neues Pfarramt integriert werden. Idealerweise könne Ende des Jahres der Abriss beginnen. Mitte 2020 könnten dann die ersten Mieter einziehen.

Voran geht es auch in Grafrath: Dort, auf dem Grundstück des früheren Märchenwaldes an der Villenstraße Nord, sollen sieben Wohnblocks mit 30 Wohnungen gebaut werden; das Gelände soll darüber hinaus sozial genutzt werden. Die Kirche verfolgt dieses Projekt seit vielen Jahren, nun aber sei ein städtebaulicher Vertrag mit der Kommune geschlossen worden, sagte Neukamm. Im Sommer 2019 könne hoffentlich die konkrete Planung beginnen.

Eine neue Perspektive gibt es schließlich auch beim zuletzt totgesagten Projekt einer "Diakoniekirche", in die sich die Evangeliumskirche im Hasenbergl einmal verwandeln soll. Die Kirche will dort zwei Probleme zugleich lösen: Die Diakonie Hasenbergl braucht mehr Platz; die Gemeinde der unmittelbar benachbarten Kirche hingegen hat zu viel davon, sie weiß nicht, wie sie ihr Gotteshaus mit seinen 450 Plätzen füllen soll.

Die Idee lag nahe: Nach einem Umbau - im hinteren Teil des Kirchenschiffes sollten auf drei Stockwerken Büros und Gemeinderäume eingezogen werden - sollten sich beide künftig die Kirche teilen. Doch 2017 schien das Projekt vor dem Aus zu stehen: Der Denkmalschutz erhob Einwände gegen die geplanten Einbauten, weil sie die Kirche verkürzten und den Charakter des Raumes zerstörten. Jetzt aber habe man einen Konsens gefunden, sagte am Dienstag Stefan Neukamm: Man werde behutsamer umbauen, verzichte auf zusätzliche Fenster, und der Charakter eines langgezogenen Kirchenraumes bleibe gewahrt. Diakonie und Gemeinde könnten doch zusammenwachsen.

Die vielen Veranstaltungen haben Vorteile

Es gehe immer um Lösungen, von denen alle Seiten profitieren sollen, die Kirchengemeinden und auch der Dekanatsbezirk, erklärte am Dienstag Stadtdekanin Barbara Kittelberger. Jede Gemeinde sei gefordert, Ideen zu entwickeln.

Das "Nazareth-Projekt" könne womöglich auch ein Modell für andere werden, hoffen Peter Untermann und Wolf Peter Oettinger. Es gehe ihnen ja nicht nur ums Geld oder um bloßes Event-Management, und auch nicht darum, einfach eine weitere Kulturkirche zu schaffen, sagte Oettinger. Vielmehr soll ein "Ort der Begegnung" entstehen, der Dialog der Kulturen soll blühen. Man wolle gemeinsam Musik, Literatur oder Kunst erleben und darüber ins Gespräch miteinander kommen. Und dabei wolle man immer auch Kirche sein und so Menschen erreichen, die mit der Kirche sonst nichts zu tun haben "Es gab sogar schon Kircheneintritte", sagte Oettinger. Das sei freilich nicht der Normalfall.

Dafür habe sich im Zuge des "Nazareth-Projekts" auch ein unerwarteter Effekt eingestellt, sagte Peter Marinković, Dekan im Prodekanat München-Ost. Wegen der Veranstaltungen werde die Kirche häufiger beheizt, und so gebe es neuerdings weniger Probleme mit feuchten Wänden. Womöglich ließen sich mit dem Projekt also auch künftige Sanierungskosten drücken.