Engpässe in der Geburtshilfe Mit Wehen in der Warteschlange

Neugeborene Zwillinge auf der Waage in einer Geburtsklinik. Die Geburtenzahlen in den Krankenhäusern sind gestiegen - häufig über die Kapazität hinaus.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Münchner Geburtskliniken müssen Hunderte Schwangere vor der Geburt abweisen, sogar wenn die Wehen schon eingesetzt haben.
  • Bis 2025 rechnet die Stadt mit einem Geburtenanstieg um elf Prozent. Die Kapazitäten für die Geburtshilfe wachsen nicht so schnell mit.
  • Zuweilen melden die Kliniken sich tageweise bei der Rettungsleitstelle ab, weil sie keine Schwangeren mehr aufnehmen können.
Von Inga Rahmsdorf

In Filmen sind es meist dramatische Szenen, mit quietschenden Autoreifen, und auf dem Rücksitz windet sich schreiend die schwangere Frau. Die Wirklichkeit sieht oft wesentlich unspektakulärer aus, wenn die Wehen einsetzen und eine Frau sich in die Geburtsklinik begibt. Unerwartet aufregend kann es allerdings doch noch vor dem Kreißsaal werden, zumindest wenn die Schwangere in ein Münchner Krankenhaus fährt. Dort kann es ihr passieren, dass sie abgewiesen wird - selbst wenn sie sich frühzeitig für die Geburt angemeldet hatte -, weil gerade kein Kreißsaal frei ist und alle Hebammen bereits völlig ausgelastet sind.

Diese Situation ist nicht die Regel, sie kommt aber offenbar in München immer häufiger vor. Was nicht überrascht, wenn man einmal ganz nüchtern die Zahlen ansieht: Im Jahr 2003 wurden in Münchner Krankenhäusern etwa 17 600 Kinder geboren. Zehn Jahre später, 2013, waren es schon 20 700 Babys. Und künftig werden die Zahlen wohl weiter steigen. Bis 2025 rechnet die Stadt mit einem Anstieg der Geburten um weitere elf Prozent. Doch die Kapazitäten für die Geburtshilfe wachsen nicht so schnell mit.

Bis zu 800 Frauen wurden selbst nach Einsetzen der Wehen abgewiesen

Das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) hat alle elf Münchner Geburtskliniken zu ihrer Situation im Jahr 2014 befragt. Herausgekommen ist ein Ergebnis, das nicht überrascht in der schnell wachsenden Stadt, das aber Kommunalpolitiker und Kliniken aufrütteln müsste und werdende Eltern in Unruhe versetzen könnte: Bis auf eine Privatklinik melden alle Krankenhäuser Engpässe bei der Geburtshilfe. Demnach wurden 2014 insgesamt 600 bis 800 Frauen vor der Geburt und auch noch nach Einsetzen der Wehen in Kliniken abgewiesen. Wenn es keine Komplikationen gibt, mag es medizinisch unproblematisch sein, eine Frau in Wehen weiterzuschicken. Hebammen betonen aber, dass sich Stress negativ auf den Geburtsverlauf auswirken kann.

Bei sieben der elf Geburtskliniken kam es zudem vor, dass sie sich stunden- oder tageweise bei der Rettungsleitstelle abmeldeten, weil sie keine Schwangeren mehr aufnehmen konnten. Das Fazit des Gesundheitsreferenten Joachim Lorenz (Grüne) fällt deutlich aus: In Münchens Geburtskliniken müssen dringend Personal aufgestockt und Räume ausgebaut werden. Das RGU will sich im Sommer mit Vertretern der Kliniken und des Freistaats zu Fachgesprächen treffen, um die Situation zu verbessern. Es gebe dringenden Handlungsbedarf, sagt auch Hans Theiss, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU im Stadtrat.

2100 Kinder sind im Jahr 2014 im Städtischen Klinikum Schwabing auf die Welt gekommen. Ausgelegt sind die Kapazitäten in dem Krankenhaus, das drei Kreißsäle hat, für jährlich nur 1200 Geburten. Wie stark die Geburtenzahlen steigen, zeigt auch die Statistik für alle Münchner Krankenhäuser: 2003 wurden in der Stadt 17 600 Kinder geboren, im Jahr 2013 waren es bereits 20 700 Säuglinge - und die Stadt rechnet bis 2025 mit einem Anstieg der Geburten um weitere elf Prozent.

Dabei geht es nicht nur um die Geburtshilfe selbst. Ingo Mittermaier, SPD-Stadtrat und Arzt, warnt zudem davor, dass auch die sechs Geburtskliniken überlastet sind, die über ein Perinatalzentrum verfügen, somit eine besondere Versorgung bei Komplikationen wie Frühgeburten anbieten können. Das sei ein wichtiges Entscheidungskriterium für viele Eltern. Engpässe auf Früh- und Neugeborenenintensivstationen könnten "Auswirkungen auf die Überlebenschancen und lebenslange Gesundheit der Kinder" haben, so Lorenz.