München In jeder Stimmlage

Lili Sommerfeld bringt bei ihrem ersten Workshop Song 'n' Soul in München auch schüchterne Teilnehmer zum Singen

Von Antonia Heil

"Singen ist eine Art, der Seele und dem eigenen Innern Ausdruck zu geben." Bundespräsident Joachim Gauck polarisiert oft mit seinen Statements, in dieser Sache wird ihm aber kaum jemand widersprechen. Singen und Seele, das gehört einfach untrennbar zusammen.

Damit drückt er genau das aus, was Lili Sommerfeld mit ihren Gesangsworkshops erreichen will. "Song'n'Soul" nennt die junge Sängerin aus Grafing das Projekt. Sie leitet in Berlin zwei Chöre. Von Ende August an treffen sich unter ihrer Leitung an jedem letzten Samstag im Monat Singbegeisterte jeden Alters und jeder Stimmlage, mit oder ohne Vorkenntnisse. Die Kurse bauen nicht aufeinander auf, man kann also jederzeit dazustoßen, sporadisch vorbeikommen oder einen einzelnen Termin buchen, wenn man gerade Lust hat, in der Gruppe zu singen.

Los geht es mit einer Runde Warmsingen. Noch zieren sich einige der Teilnehmer ein wenig, aber das legt sich innerhalb von Minuten. Schnell entsteht eine angenehme Atmosphäre, die nicht zuletzt daher rührt, dass Sommerfeld ein paar Freunde und Familienmitglieder mitgebracht hat. Aus ihrer Erfahrung als Chorleiterin heraus weiß sie, wie man Menschen zum Singen bringen und Hemmungen überwinden kann. Und wie sich die verschiedenen Stimmen relativ schnell zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen können. Doch nicht nur die einzelnen Stimmen, auch die Menschen kommen einander im Chor näher: Während die Teilnehmer vor Beginn des Kurses noch mit mindestens einem Meter Abstand voneinander schweigend und wartend auf den Tischen im Movimento direkt gegenüber der Michaelskirche saßen, lächeln sie sich jetzt alle glücklich an, während sie im Kreis stehend die Silbe "hu" in allen möglichen Variationen singen. Und im Takt mitgrooven, denn das "Soul" in "Song'n'Soul" ist ein wesentlicher Bestandteil des Programms. Spätestens nach der interaktiven Vorstellungsrunde ist der Bann gebrochen.

Dann geht es auch schon weiter: Der bekannte Song "Lean on me" von Bill Withers wird als vierstimmiger Satz einstudiert. Das heißt, erst einmal nach Stimmlagen zu sortieren. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht weiß, welche Stimmlage einem am besten liegt. Man kann es einfach erst mal ausprobieren.

Die Melodie lernen die Teilnehmer nur über das Gehör, Noten bekommen sie keine. Als die erste Strophe ein paar Mal gesungen ist, fragt Sommerfeld, die inzwischen alle nur Lili nennen, in die Runde: "Den einen Ton singen manche von euch tief und manche hoch. Auf eine Höhe müssen wir uns einigen. Was gefällt euch denn besser?" Die Entscheidung fällt demokratisch: Tief setzt sich durch. Lili Sommerfeld gibt keine Regeln vor. Sie setzt mit ihren Übungen und Songs lediglich einen Rahmen; wie der gefüllt wird, dazu trägt jeder seinen Teil bei, der eine leiser, der andere lauter, mit Solo oder ohne.

Und irgendwie ist immer der Groove mit dabei. Die einen wippen im Takt, andere drehen sich, und die Männer tippen bevorzugt mit dem Fuß auf dem Boden. Unter den knapp 20 Teilnehmern sind fast die Hälfte Männer, womit selbst Sommerfeld, die weiß, wie schwer sich Chorleiter oftmals tun, männlichen Nachwuchs zu finden, nicht gerechnet hat.

Ein abwechslungsreicher Workshop-Samstag mit fünf Stunden Singen ging wie im Fluge vorüber. Einige Teilnehmer füllen gleich noch das Formular für den nächsten Termin aus.