Diagnostik Mehr problematische Jugendliche kommen in die Psychiatrie

Kinder- und Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder ist Ärztlicher Direktor des Heckscher-Klinikums in München.

(Foto: Catherina Hess)
  • Nach dem Amoklauf in München kommen mehr problematische Jugendliche in die Heckscher Klinik zur Diagnostik.
  • In der Klinik sei die Situation zurzeit angespannt, man habe aber "alles im Griff", sagt der ärztliche Direktor.
Von Dietrich Mittler

Die Ärzte der Heckscher-Klinik hatten schon geahnt, dass nach dem Amoklauf des Münchner Schülers David S. viel Arbeit auf sie zukommt. Diese Erfahrung hatten sie bereits 2009 gemacht, als im württembergischen Winnenden ein 17-Jähriger 15 Menschen und dann sich selbst getötet hatte.

Auch nach dem Amoklauf in Erfurt 2002 hatten häufiger Polizeiautos vor der Klinik gehalten, um den Kinder- und Jugendpsychiatern hochproblematische Jugendliche zu bringen. Damals lautete die Frage: Kann der für andere gefährlich werden? Nach den Anschlägen von Würzburg, München und Ansbach stellt sich diese Frage aufs Neue.

"Das ist ein Phänomen, das wir kennen", sagt Franz Joseph Freisleder, der ärztliche Direktor der kbo-Heckscher-Klinik. Das Münchner Haus sei nun mal die einzige Anlaufstelle für ganz Oberbayern, wenn ein junger Mensch für sich selbst und für andere zur Gefahr werden könnte. "Notfälle kommen alle zu uns, rund um die Uhr", sagt er.

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Und ja, die Fallzahlen hätten "tendenziell zugenommen" - das aber unabhängig von den jüngsten Anschlägen. So sei nun mal die gesellschaftliche Entwicklung. Freisleder hat von den Gerüchten gehört, die kursieren: etwa, dass die Polizei so viele Jugendliche zur Begutachtung gebracht habe, dass die Gänge voll waren. "So ein Schmarrn", sagt er.

Tatsächlich ist der Aufenthalt vor der Klinik am Morgen zumeist eine eher meditative Angelegenheit: Touristen aus einem nahegelegenen Hotel ziehen gemächlich ihre Koffer hinter sich her. Rentner haben keine große Eile, sich im Lebensmittel-Markt gegenüber mit dem Nötigsten einzudecken, während ihre Hunde draußen dösen. Mütter mit kleinen Kindern schlendern vorbei.

Kein Wort zu aktuellen Fällen

Nur ab und zu öffnet sich die schmucklose Tür zum Klinikum - überhaupt nichts Auffälliges ist zu sehen und schon gar nicht Polizisten in Aktion. "Als ich mich neulich nach Starnberg zu einem unserer anderen Standorte begeben habe, war es hier in der Deisenhofener Straße fast wie ausgestorben", sagt Freisleder.

Aber ja, bestätigt er dann, in den zurückliegenden Tagen seien wieder mehr hochproblematische Jugendliche zur diagnostischen Beurteilung vorbeigebracht worden. Bei denen gelte es, insbesondere drei Fragen zu klären. Erstens: Liegt überhaupt eine psychische Störung vor? Zweitens: Ist diese Person gefährlich für sich selbst oder andere? Drittens: Wie verfährt man weiter, wenn die ersten beiden Fragen mit "ja" beantwortet wurden.

Zu aktuellen Fällen sagt Freisleder kein Wort. Nach Winnenden, erzählt er, habe man mehr als 20 Fälle abgeklärt. Einige von ihnen habe man auch in der Klinik behalten. Aber das habe er ja schon alles in einem Buch über Jugendgewalt aufgearbeitet, betont Freisleder. Und was die zurückliegenden Tage betreffe, da könne er nur sagen: "Schwierige Lage insgesamt, angespannte Situation, aber alles im Griff!"

Freisleder hält derzeit wenig von Interviews, wie man potenzielle Attentäter als Psychiater erkennen und behandeln könne. Und das habe einen triftigen Grund: "Die Medien tragen derzeit durch ihre Berichterstattung mit dazu bei, dass sie dieses Thema anheizen." Nun sei es an der Zeit, "dass die auch wieder mal Ruhe geben", so lautet sein Appell, von dem er weiß, dass er nur bedingt Gehör finden wird.

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Die 80er und 90er Jahre aber hätten gezeigt, dass Artikel über Suizide weitere Verzweiflungstaten mit angestoßen hätten. Daraus müsse man auch bezüglich der Berichterstattung nach Amokläufen lernen: "Man sollte einen kühlen Kopf bewahren und nicht Öl ins Feuer gießen."

Immerhin, so meint Freisleder, gebe es eine gute Nachricht: Es mache Sinn, nach Ereignissen wie in München, Würzburg und Ansbach hochproblematische Jugendliche psychiatrisch zu untersuchen und zu behandeln. Das lehre die Erfahrung nach Erfurt und Winnenden, sagt Freisleder: "Bemerkenswert ist, dass damals keine einzige Nachahmer-Tat folgte!" Und dazu hätten sie als Psychiater offenbar doch "ein bissl" beigetragen.

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