Extremsport Der Eisen-Kurt aus Erdweg

Beim Tragen schwerer Lasten wie dieser Betonschwellen spüre er Glücksgefühle, sagt Kurt Köhler.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Er übt Faustschläge ohne Handschuhe an der Betonmauer, fährt mit dem Rennrad bei Minusgraden mit freiem Oberkörper: Extremsportler Kurt Köhler ist mit 65 Jahren immer noch auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Von Andreas Förster, Erdweg

Kurt Köhler hat sein Leben lang Sport getrieben, er könnte es mit 65 Jahren jetzt etwas langsamer angehen lassen. Stattdessen peilt er einen neuen Fitness-Weltrekord an: 24 Stunden ohne Schlaf auf dem Rennrad, Speed-Strampeln im höchsten Gang mit extra großer Übersetzung. Zielvorgabe: Mehr Kilometer abzuspulen als je ein Mensch zuvor in dieser Zeitspanne. "900 bis 1000 Kilometer auf der Rolle sollten drin sein", sagt Köhler. Das Rad ist dabei auf einem elektronisch überwachten Rollentrainer befestigt, bewegt sich also nicht von der Stelle.

Die Leistung ist ihm zuzutrauen. Nicht umsonst wird Köhler Eisen-Kurt genannt. Ein Muskelpaket, das seit 40 Jahren täglich mehrere Stunden Kraft und Ausdauer trainiert. Ein Ausdauermalocher, der in seinem Brot-Job als Subunternehmer auf der Baustelle zentnerschwere Betonkübel trotz funktionierendem Aufzug die Treppen rauf- und runterschleppt und dabei Glücksgefühle empfindet. "Ich unterscheide nicht zwischen Arbeit und Training", behauptet der kantige Extremsportler. Er sagt überhaupt so ungeheuerliche Sachen wie: "Je älter ich werde, desto leistungsfähiger werde ich." Oder: "Meine Muskulatur reagiert ermüdungsfrei." Und: "Mein Körper braucht keine Regeneration." Ist Köhler ein sportmedizinisches Wunder, ein Phänomen oder einfach nur verrückt?

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Der Mediziner Werner Zirngibl betreut Köhler seit Jahren sportmedizinisch in seiner Münchner Praxis und bestätigt: "Der Mann befindet sich in einem permanent optimalen Trainingszustand. Er hat eine mentale Willensstärke, die ihresgleichen sucht. Nur so sind seine Ausdauerrekorde zu erklären. Aber ich warne vor Nachahmung."

Als 17-Jähriger begann Köhler mit dem Kampfsport. Seine Kung-Fu-Technik mag unorthodox sein, doch das wiegt er mit Leidenschaft und Einsatz auf. In den Siebzigerjahren trainiert er bereits vier- bis fünfmal pro Woche, seit den Achtzigerjahren stemmt er zusätzlich Gewichte. Schon damals hätte er am liebsten täglich trainiert, doch so weit ist sein Körper noch nicht. Als 42-Jähriger nimmt er sich vor, herauszufinden, was der menschliche Körper aushalten kann. Oder zumindest, was sein Körper aushalten kann. Köhler probiert diverse Sportarten aus, um die Muskulatur immer wieder neu zu reizen, und beginnt, Kraft-Ausdauer-Rekorde anzustreben und aufzustellen. "Meinen ersten Boxrekord hab ich am 7. Dezember 2001 in einer verrauchten Diskothek aufgestellt", sagt Köhler. Eine Stunde lang hämmert er 16 500 Mal auf ein Schlagpolster ein und ist danach "kurz vor dem Ersticken". 2013 sind es schon 23 150 Boxschläge in der Stunde, da ist er 62 Jahre alt. "Das wäre mit 30 nicht möglich gewesen", versichert Köhler heute.

2003 stemmt er 5000 Tonnen an der schrägen Beinpresse in knapp neun Stunden. Im Dezember 2004 setzt er sich ins Fitnessstudio und stemmt zwölf Stunden lang Gewichte mit der Beinpresse - immer mehr als 330 Kilo. Am Ende hat er 4000 Tonnen bewegt. Im Mai 2005 stemmt er auf dem Nürburgring in knapp neun Stunden sogar fünf Millionen Kilogramm bei rund 14 300 Wiederholungen. Und so geht es weiter.

Bei "Wetten, dass ...?" scheitert er zweimal in der Vorauswahl

Köhler macht alles extrem: Übt Faustschläge ohne Handschuhe an der blanken Betonmauer, fährt mit dem Rennrad bei Minusgraden und mit freiem Oberkörper. Seit ihn 1988 eine Lungenentzündung neun Tage ans Bett fesselte, härtet er sich kontinuierlich ab, fährt selbst im Winter, verschwitzt vom Krafttraining, im Muskel-Shirt die 20 Kilometer bis nach Erdweg. "Wenn ich nicht weiß, was ich mir zumuten kann, lande ich im Krankenhaus oder auf dem Friedhof", stellt er lakonisch fest. Im Sommer 2011 radelt er, 60 Jahre alt, für einen guten Zweck in rund 38 Stunden von Flensburg nach Garmisch. Während der Fahrer seines Begleitautos nach 900 Kilometern schlapp macht, fährt Köhler - abgesehen von Pinkelpausen und einem 20-Minuten-Nickerchen - die 1000 Kilometer bis Garmisch durch.

Seine Leistungen absolviert Köhler ohne je ein Dopingmittel genommen zu haben, so beteuert er. Das ist ihm wichtig. Aber ohne Nahrungsergänzung gehe es nicht. Megathlon-Man, wie er sich selbst manchmal nennt, hat sich eine spezielle Diät verordnet. Er beginnt in den Siebzigerjahren, vor allem auf Müsli, Kohlehydrate und Eiweiß zu setzen. Auf Fleisch verzichtet Köhler mittlerweile, stattdessen isst er Fisch, das sei bekömmlicher und schone die Gelenke. Mitte der Achtzigerjahre kommen Proteine, Magnesium und Gelenknahrung dazu, die ihm bei Entzündungen im Fuß und der Schulter helfen. Mit dem Vertrieb von Sportlernahrung bestreitet er einige Jahre seinen Lebensunterhalt. Kurt Köhler ist damit so erfolgreich, dass ihn Skistars wie Christa Kinshofer und Michaela Gerg sowie Leichtathleten als Berater engagieren, wie er erzählt.

Trotz vieler Rekorde blieb ihm der Durchbruch auf großer Bühne bisher versagt. Bei "Wetten, dass ...?" scheitert er zweimal in der Vorauswahl. Seine Rekorde werden dokumentiert, trotzdem schafft er es nicht ins Guinnessbuch. Doch aufhören kommt nicht in Frage. Nächstes Jahr will er in neun Tagen die komplette Tour de France nachfahren. Diesen Traum hegt Köhler schon lange. Damit das gelingt und sich seine Schinderei endlich auch in klingender Münze auszahlt, hat er einen professionellen Manager engagiert.

Ralf Giessmann aus Eging unterstützt ihn bei der Sponsorensuche, er hat auch den neuen Weltrekordversuch an Land gezogen. Eisenkurt ist nun Werbepartner für ein neues Landwirtschafts-Portal und einen Öko-Stromerzeuger. Dafür will er demnächst auf einer Landwirtschaftsmesse in Hannover 24 Stunden lang in die Pedale treten, nur kurze Toilettenpausen sind erlaubt. Vielleicht ist Kurt Köhler ein Phänomen, sportverrückt ist er in jedem Fall.

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