Martin Gauger Aufrecht bis zum Tod

Eine Ausstellung in der evangelischen Versöhnungskirche erinnert an Martin Gauger, der vor 75 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Von Walter Gierlich, Dachau

"Seine Kirche aber schwieg." Das ist nicht nur der Titel der Ausstellung über den vor 75 Jahren ermordeten Martin Gauger, die am Sonntag im Gesprächsraum der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau eröffnet wurde. Der Satz zog sich auch wie ein roter Faden durch den Gottesdienst zur Ausstellungseröffnung. Besonders bewegend klang er bei Gerhard Gauger, einem Neffen des Ermordeten, der erklärte, dass nicht nur die Kirche geschwiegen habe, sondern dass man nach dem Krieg auch in der Familie gegenüber den Kindern das Schicksal des ermordeten Onkels weitgehend im Dunkeln gelassen habe. "Es war mehr schweigen als reden", sagte der Neffe, der sieben Jahre nach dem Krieg und elf Jahre nach dem Tod von Martin Gauger geboren wurde. 2005 erinnerte die Familie mit einem Stolperstein in Wuppertal an den Ermordeten. "Seine Kirche aber schwieg", sagte Gerhard Gauger. Als sich 2006 der damalige bayerische Landesbischof Johannes Friedrich dann endlich bei seiner Tante Hedwig entschuldigte, dass die Kirche ihren Bruder damals im Stich gelassen habe, sei das für die Familie fast eine Erlösung gewesen.

Wer aber war dieser Martin Gauger, über den das Antikriegszentrum in Berlin eine Ausstellung mit vielen Bildern und Texten zusammengetragen hat, die bis Ende Februar 2017 in der Versöhnungskirche zu sehen ist? Er wurde 1905 in Wuppertal-Elberfeld geboren, wie Pfarrer Björn Mensing sagte, der im Gottesdienst Gaugers Lebenslauf skizzierte. Dieser studierte Jura und trat 1934 seinen Dienst am Landgericht Wuppertal an. Schon 1930 aber hatte er sich in einer Zeitschrift seines Vaters, der Direktor der Evangelischen Schriftenmission war, kritisch über die Nationalsozialisten geäußert: "Begeisterung ist da, aber kein Geist."

Dieses Foto zeigt Martin Gauger 1936 in Berlin.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Gauger verweigerte den Eid auf den Führer

Noch im selben Jahr, in dem Gauger in den Staatsdienst übernommen worden war, wurde er wieder entlassen. Der Grund: Wie nur ganz wenige Juristen in Deutschland weigerte er sich den Amtseid auf Hitler zu leisten. Anlass dafür waren Mensing zufolge Rechtsbrüche, auch in der eigenen Familie, und die Morde während des sogenannten Röhm-Putschs. Von

1935 an stand der Pfarrerssohn dann im Dienst der "Bekennenden Kirche", die dem Nazi-Regime kritisch gegenüberstand. 1937 trat er innerhalb der lutherischen Kirchenleitung für Widerstand gegen Willkür des Reichskirchenministers ein: "Soll sich die Kirche weigern oder soll sie der Anordnung nachkommen? Sie soll sich weigern. Es könnte hier auf breiter Grundlage ein allgemeiner Widerstand gegen staatliche Zwangsmaßnahmen sich erheben." Doch Erfolg brachte sein Vorstoß nicht.

Noch mehr von seiner Kirche im Stich gelassen wurde Gauger, als er 1940 den Kriegsdienst verweigerte: "Ich kann diesen Krieg nicht fördern, ich kann nicht helfen, dass das Meer von Blut und Tränen noch andere Länder überflutet", schrieb er an seinen Bruder Siegfried. Darauf folgte direkt die Entlassung aus dem Kirchendienst. Die Familie bat die Landesbischöfe Hans Meiser (Bayern) und Theophil Wurm (Württemberg) vergeblich, sich dafür einzusetzen, dass Martin Gauger wegen der Kriegsdienstverweigerung wenigstens ein ordentliches Gerichtsverfahren bekäme. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch in die Schweiz, bei dem er angeschossen wurde, wurde Gauger ins KZ Buchenwald gesperrt. Am 15. Juli 1941 wurde er in der Euthanasie-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein in einer Gaskammer ermordet.

Das Bild gehört zur Ausstellung über den NS-Kritiker, die im renovierten Gesprächsraum der Versöhnungskirche zu sehen ist.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Nicht auf Hetze gegen Flüchtlinge hereinfallen

"Wer schweigt, leistet Beihilfe zur Auslöschung dessen, für den niemand spricht", sagte die bayerische Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in ihrer Würdigung für Gauger. Heute könne die Kirche nichts mehr gutmachen, aber dafür sorgen, "dass das Unheilvolle nicht vergessen wird und uns diejenigen gegenwärtig bleiben, die das Unrecht beim Namen nannten". Heilung, so die Synodalpräsidentin, sei nicht möglich, "wenn sich der Nebel der Gleichgültigkeit und der Geschichtsvergessenheit über die Dinge legt". Am Schluss ihres Grußworts rief sie dazu auf, nicht auf jene hereinzufallen, die heute gegen Flüchtlinge hetzen. In seiner Predigt ging auch Oberkirchenrat Martin Hauger auf das Schicksal Gaugers mit den Worten ein: "Die von Menschen geschaffene Hölle entzieht sich jedem Versuch der Rechtfertigung."

Neben dem traurigen Anlass von Gaugers 75. Todestag gab es am Sonntag nach den Worten von Pfarrer Mensing auch einen erfreulichen Grund für den festlichen Gottesdienst: den Abschluss der Sanierungsarbeiten in den Nebenräumen der Versöhnungskirche. Etwa 740 000 Euro hat es gekostet, die sanitären Anlagen, die Büros und den Gesprächsraum auf einen modernen Standard zu bringen. Am meisten wurde im Gesprächsraum erneuert, laut Mensing "für viele Gäste der Gedenkstätte ein geschützter Ort der Ruhe und des Nachdenkens". Er erhielt eine neue Eingangstür und eine Fußbodenheizung und ist jetzt energetisch in einem zeitgemäßen Zustand. Geplant haben die Sanierung Johannes Striffler und sein 2015 verstorbener Vater Helmut, der schon Architekt des Kirchenbaus vor 50 Jahren gewesen war.