Diskussion Dachau sucht nach dem richtigen Umgang mit Ludwig Thoma

Viele Institutionen in der Stadt tragen den Namen des Literaten - der auch ein Rohling und politischer Hetzer war.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Er ist längst nicht mehr der Säulenheilige der bayerischen Literatur, hat doch das Münchner-im-Himmel- und Lausbubengeschichten-Bild von Ludwig Thoma gewaltige Risse bekommen. Auch in Dachau, wo Thoma von 1894 bis 1897 nach eigenen Worten "die schönste Zeit seines Lebens" verbracht haben will, wird heftig über den Schriftsteller und dessen Werk diskutiert. Das war auch am Freitagabend im übervollen Café Gramsci der Fall. Der Kulturverein Tollhaus hatte Martin A. Klaus zu einer Lesung aus dessen jüngstem Werk eingeladen: "Ludwig Thoma - ein erdichtetes Leben".

Beginnen wir mit der spannenden Debatte darüber, wie Dachau auf Thoma künftig reagieren soll.

"Wie Trump"

Was bleibt also von Ludwig Thoma? Das war eine der vielen Fragen, die ein kundiges und engagiertes Publikum, darunter auch Oberbürgermeister Florian Hartmann, nach dem Ende der Lesung stellte. Für Klaus ist das vor allem dessen Essay über die Reden von Kaiser Wilhelm II.: "Da gehen einem die Augen auf. Man glaubt, der schreibt über Trump. Diese Hochtöner haben zur Zeit ja Konjunktur".

Ludwig Thoma ist lange Zeit idyllisch verbrämt worden, wenn auch dezent modernistisch angehaucht, wie die das Veranstaltungshaus in der Altstadt zeigt.

(Foto: Toni Heigl)

Angenehme Anonymität

Warum wurden die Miesbacher Kommentare so lange unter den Teppich gekehrt? Es sei bereits seit Ende der 1920er Jahre bekannt gewesen, dass Thoma der Verfasser der anonymen Hetzartikel gewesen sei, sagte Klaus. Aber weder der Verlag noch die Thoma-Fans hätten ein Interesse daran gehabt, den beliebten und Schriftsteller zu entlarven. Das habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt.

Wie mit Richard Wagner

Muss Dachau, das sein Veranstaltungshaus, eine Straße, eine Schule sowie einen Kultur- und Theaterverein nach Ludwig Thoma benannt hat und ihm einen Gedenkstein errichtet hat, über Umbenennungen nachdenken? Nein, sagten Gästeführerin Brigitte Fiedler und Angelika Mauersich, Gymnasiallehrerin für Deutsch und Mitglied der Dachauer Ludwig-Thoma-Gemeinde. Für sie ist der kritische Umgang mit Ludwig Thoma eine Art Auftrag. Und nichts Neues, wie beide sagten. "Die Thoma-Gemeinde hat sich ja schon lange von einem undifferenzierten Bild verabschiedet." Das zeige sie demnächst wieder mit der Uraufführung von "Thoma - eine Selbstzerstörung", einer literarischen Collage von Norbert Göttler (Premiere am Freitag, 31. März). Ein Zuhörer, der seinen Namen nicht in dieser Zeitung lesen will, sagte: "Es ist genau das Problem, das ich auch mit Richard Wagner habe. Ich habe jahrelang seine Musik boykottiert, weil er ein übler Antisemit war. Aber irgendwann hat er mich mit seinen Tönen verführt. Und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich in eine Wagner-Oper gehe." Sein Tischnachbar sagte: "Es ist gut, das alles zu wissen. Aber bevor man jetzt politisch überkorrekt wird und Thoma in Dachau zur Unperson macht, sollte man lieber seine zwei Seiten aufzeigen."

Biograf Martin A. Klaus diskutiert im Café Gramsci mit Zuhörern, wie Dachau mit dem Schriftsteller Ludwig Thoma umgehen soll.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Zur Liebe nicht fähig"

Hatte Thoma ein Verhältnis mit Ludwig Ganghofers Frau Kathinka? Immerhin war Ganghofer ein so enger Freund Thomas', dass dieser sogar neben Ganghofer beerdigt werden wollte. Und außer einer Erwähnung von "Frau G." gibt es keinen Nachweis dafür. Martin A. Klaus sagt ja. Eine Thoma-Forscherin widersprach energisch - was zu einer eher akademischen Diskussion um die Quellenlage führte. Übereinstimmung herrschte dagegen bei der Frage nach Thomas psychischer Grundverfassung: "Ein Mann, der so viel Ablehnung von der Mutter erfahren hat, ist zur Liebe nicht fähig", sagte Klaus. Was für den Biografen auch die Erklärung dafür liefert, dass Thoma eine Vorliebe für verheiratete Frauen hatte, sie ihren Ehemännern regelrecht abkaufte. So bot er dem Mann der Burlesque-Tänzerin Marietta Schulz eine fünfstellige Summe, damit der sich scheiden ließ. Was der Gatte auch tat. Und was sich für Thoma als Katastrophe erwies. Denn die Stadtpflanze Marietta hatte überhaupt keine Lust auf ländliches Leben in Thomas Refugium "Auf der Tuften" und nutzte ihn weidlich aus.

Dichtung und Wahrheit

Der langjährige Redaktionsleiter der SZ Dachau zeigt in seiner Biografie, wie weit bei Thoma Dichtung und Wahrheit auseinander liegen. Sein Mittel der Wahl: Er entlarvte die 1917 erschienenen "Erinnerungen" als schönen Schein und zeigte auf der anderen Seite, wie viel Autobiografisches in Thomas Werken steckt, wenn man ihre Entstehung in Zusammenhang mit Thomas damaliger Lebenssituation sieht. Das beginnt mit den aus Erwachsenensicht gar nicht so lustigen Lausbubengeschichten und endet mit den berüchtigten antisemitischen Hetztiraden im Miesbacher Anzeiger. So hat Klaus intensiv Thomas schwierige Kindheit recherchiert. Sie entspricht so gar nicht der tradierten Heile-Welt-Idylle vom unbeschwerten Aufwachsen im Forsthaus. Der Vater war ein spielsüchtiger Alkoholiker, die Mutter eine Frau, die "zwischen Kranksein und Selbstmitleid" schwankte. 1874 starb der Vater. Die Mutter gab den siebenjährigen Ludwig und seine Schwester Aloisia zu Verwandten in der Pfalz in Pflege.

Klaus' Rat: in aller Gelassenheit.

(Foto: Toni Heigl)

Irrfahrt der Jugend

Das war der Beginn einer Irrfahrt durch Schulen und Pflegefamilien. Aus Ludwig wurde ein Bub, der "verbal roh und unsäglich ausfallend" auf seine Umwelt reagierte, ein Mensch, der lebenslang nach oben buckelte und nach unten trat. Für Klaus erklärt sich daraus auch die scheinbare Wandlung vom Pazifisten und umjubelten Autor der Satirezeitschrift Simplicissimus zur "politischen Dreckschleuder" mit der "plumpen Hetzerei im Miesbacher Anzeiger", zu einem Menschen, "der nie seine Schulden bezahlte" und der ein mehr als fragwürdiges Verhältnis zu Frauen hatte.

Von wegen Sehnsuchtsort

Auch Thomas Darstellung, Dachau sei sein Sehnsuchtsort gewesen, war Schönfärberei. Eigentlich wollte der junge Rechtsanwalt nach Erding, weil dort die reicheren Bauern lebten und er sich mehr Einnahmen versprach. Dass die Großbauern nicht so prozessfreudig waren wie ihre Dachauer Berufskollegen, bewog ihn schließlich, sich für die damalige Marktgemeinde zu entscheiden und sich - strategisch günstig in Gerichtsnähe im noblen Rauffer-Haus einzumieten - mit geliehenem Geld, das er nie zurückzahlte. Eine eher harmlose Schönfärberei in Thomas Leben. Zutiefst erschreckend sind dagegen Klaus' Recherchen über den Einfluss, den Ludwig Thoma auf Adolf Hitler hatte. Akribisch weist er nach, wie sich Hitler bei Thomas Verbalinjurien bediente, wie der Großschriftsteller zu einem Wegbereiter der Nazis wurde. Als Bindeglied erwies sich Dietrich Eckart, ein Nazi der ersten Stunde. Thoma schreckte nicht einmal vor Mordaufrufen zurück: So wurde der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger am 26. August 1921 im Schwarzwald Opfer eines Anschlags. Am selben Tag starb Thoma.