KZ-Gedenkstätte "Da muss sofort etwas geschehen"

Der Dachauer SPD-Abgeordnete Martin Güll in der KZ-Gedenkstätte Dachau traut seinen Augen nicht. "Der Erinnerungsort ist verlottert".

(Foto: Privat)

Die KZ-Gedenkstätte braucht Geld für lange aufgeschobene Projekte. Aber das ist nicht alles, sagt SPD-Bildungspolitiker Martin Güll.

Von Helmut Zeller, Dachau

Mehr Geld für die KZ-Gedenkstätten in Bayern - diese Forderung ist nicht neu. Am Mittwoch hat der Wissenschaftsausschuss des Landtags parteiübergreifend den SPD-Antrag auf ein Gesamtkonzept für die Gedenkorte durchgewunken. Aber es kommt für die Staatsregierung noch dicker: Jetzt stellt der Dachauer Landtagsabgeordnete Martin Güll (SPD), Vorsitzender des Bildungsausschusses, das Ausstellungskonzept und pädagogische System der Gedenkstätten auf den Prüfstand. Da geht es nicht mehr allein um seit Jahren verschobene Millionen-Projekte, etwa die Erhaltung der ehemaligen SS-Plantage "Kräutergarten" oder die Parkplatzsanierung in Dachau. Der Bildungsexperte will wissen, ob die Gedenkorte überhaupt noch zeitgemäß sind und Jugendliche ansprechen. Für Dachau fällt seine Antwort nach einem Besuch eindeutig aus: nein.

"Der Freistaat muss mehr Geld bereitstellen", sagt Güll. Aber nicht nur, um endlich die seit Jahren geforderten Projekte umzusetzen. Sondern für eine wirklich zeitgemäße Ausstattung der KZ-Gedenkstätten, vor allem in Dachau. "Wir können nicht noch drei, vier Jahre warten. Da muss sofort etwas geschehen. Dabei muss die gesamte Ausstellungskonzeption von Fachleuten überarbeitet werden. Der jetzige Zustand ist untragbar." Letztlich auch wieder eine Frage des Geldes. Der Hintergrund: Der SPD-Bildungsarbeitskreis berät darüber, ob in Bayern ein Gedenkstättenbesuch für alle Schulen verbindlich in den Lehrplan aufgenommen werden soll. "Jeder Schüler ab der neunten Klasse soll verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besuchen", hatte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bereits im Januar 2015 gefordert. "Dann muss auch die Infrastruktur dafür da sein", sagt Güll.

Ist die Form der Ausstellung noch zeitgemäß?

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion zweifelt, ob die ständige Ausstellung in Dachau sich den Jugendlichen erschließe. "Ist die Form der Ausstellung noch zeitgemäß?" Da müssten noch thematische Anstrengungen unternommen werden, sagt Güll. Er vergleicht mit Yad Vashem oder dem Museum der Ghettofighter in Israel. Dort würden die Jugendlichen anders an den Lernort herangeführt. Man brauche etwa Studienräume für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte. "Es kommen so viele Schulklassen hierher, um am Ort des Grauens diesen Teil der deutschen Geschichte kennenzulernen. Doch ohne ausreichende fachliche Anleitung droht dieses wichtige Projekt zu scheitern."

Das ist gut gemeint, aber in der KZ-Gedenkstätte Dachau ruft es Verwunderung und auch Ärger hervor. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann sieht, wie sie sagt, doch einige "Schieflagen" in der Einschätzung Gülls: "300 000 Besucher wurden von Bildungsabteilung, abgeordneten Lehrern, Kirchen und Geschichtsvereinen durch die Gedenkstätte geführt, 180 000 liehen den in 15 Sprachen vorliegenden Audioguide aus. Also insgesamt 580 000 haben die Bildungsangebote an diesem Ort wahrgenommen. Dazu kommen kommerzielle Guides, die zu einem großen Teil ebenfalls von der Gedenkstätte lizenziert sind." Allein diese Zahlen, so Hammermann, sprächen für die intensive Bildungsarbeit der Gedenkstätte. 500 ausgebildete Referenten führen durch das Museum und das Areal des Gedenkorts - mit jährlich fast einer Million Besucher.

Hammermann bedauert, wie sie sagt, dass der SPD-Politiker ein Gespräch am Tag seines Besuchs abgelehnt hat. "Dann hätten sich einige Missverständnisse nicht ergeben." Die Gedenkstätte arbeitet an einigen Projekten für eine noch bessere Vermittlung des geschichtlichen Wissens am Lernorts: Die zwei rekonstruierten Baracken, Umbauten in der Ausstellung, weitere interaktive Elemente, neue Lesemappen, die dem Ansturm der Besuchermassen standhalten, stehen auf der Agenda. Doch Güll will sich, wie er sagt, keine Kritik an der Gedenkstätte anmaßen - jedoch auf Mängel aus Sicht eines Besuchers hinweisen und noch Gespräche mit Experten suchen, um Lösungen zu finden. Der Politiker nennt unter anderem Gabriele Hammermann, die Landeszentrale für politische Bildung und den Flossenbürger Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit.

Ohne Zeitzeugen wird es schwieriger

Aber eines betont Güll: "Wenn die Zeitzeugen sterben, muss man sich fragen, wie kann die Jugend dann noch eine Beziehung zu einem Lern-und Gedenkort aufbauen. Mit Schautafeln ist es nicht getan." Die Gedenkstätte Flossenbürg wolle er noch besuchen. Man müsse für die Haushaltsberatungen vor der politischen Sommerpause Druck aufbauen. "Die Gedenkstättenarbeit in Bayern muss auf eine solide und saubere Finanzierung gestellt werden." Der Anlass: SZ-Berichte über die Finanzierung von Erinnerungsprojekten in Bayern. An den Ausbauplänen für das Museum Obersalzberg mit einer Kostensteigerung von 21 Millionen Euro hatte sich eine Debatte entzündet. Der Haushalt der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die für Dachau und Flossenbürg zuständig ist, beträgt 1,5 Millionen Euro im Jahr. Güll will die Projekte aber nicht gegeneinander aufrechnen. Jeder Euro für die Erinnerungsarbeit sei gut ausgegeben, sagt er. Nur dürften KZ-Gedenkstätten nicht vernachlässigt werden. In dieser Frage ist Gedenkstättenleiterin Hammermann mit ihm einig. "Seine Bemerkungen zum Investitionsstau kann ich unterstreichen", sagt sie. Es geht auch um den Umgang mit Kostensteigerungen: Das Besucherzentrum in Dachau habe man, so Hammermann, kleiner konzipieren müssen. Jetzt hat man keinen Seminarraum und reduzierte Sanitäranlagen, vor denen die Menschen Schlange stehen.

"Ich war selbst überrascht", sagt Güll nach dem Besuch in Dachau. "Es ist eine Schande, wie verlottert dieser so ungeheuer wichtige Erinnerungsort aussieht." Mehrere Schautafeln mit historischen Dokumenten seien so verblichen, dass man sie gar nicht mehr lesen könne. Infomappen würden auseinanderfallen oder fehlten komplett. "Das ist dieser Gedenkstätte unwürdig."