Freiluft-Theater in Dachau Die perfekte Adam

Am Kopf prangt eine Wunde, am Auge läuft eine blauschwarze Ader entlang - und die Glatze ist echt: Schauspielerin Ingrid Zellner hat sich für die Rolle als Kleists Adam die Haare abrasieren lassen.

Von Wolfgang Eitler

Besser als Heinrich von Kleist selbst kann niemand das Aussehen von Richter Adam, jenem hinterhältigen, wehleidigen und machtbewussten Gebieter über ein Dorf bei Utrecht skizzieren. Schreiber Licht begegnet Adam im Gerichtssaal.

Für die Inszenierung "Der zerbrochene Krug" hat sich Schauspielerin Ingrid Zellner eine Glatze rasieren lassen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Licht: Und was hat das Gesicht Euch so verrenkt?

Adam: Mir das Gesicht?

Licht: Wie? Davon wisst Ihr nichts.

Adam: Ich müsst ein Lügner sein - wie sieht's denn aus?

Licht: Abscheulich...Geschunden ist's, Ein Greu'l zu sehr. Ein Stück fehlt von der Wange. Wie groß? Nicht ohne Waage kann's ich schätzen.

Adam: Den Teufel auch!

Licht (bringt einen Spiegel): Hier! Überzeugt Euch selbst! Ein Schaf, das, eingehetzt von Hunden, sich durch Dornen drängt, lässt nicht mehr Wolle sitzen, Als Ihr, Gott, weiß wo? Fleisch habt sitzen lassen."

Ingrid Zellner alias Richter Adam tritt auf die Bühne vor dem Dachauer Rathaus. Wo sind ihre langen blonden Haare? Am Kopf prangt eine schrundige Wunde, am Auge läuft eine blauschwarze Ader entlang. Nein, eine Perücke trägt sie nicht.

Die ehemalige Dramaturgin des Nationaltheaters in München, Gründerin der Dachauer Jugendbühne im Theater am Stadtwald, Autorin und Übersetzerin schwedischer Literatur wird doch nicht? Ja, sie hat. Sie hat sich eine Glatze schneiden lassen. Ingrid Zellner streicht sich über den Kopf mit den geschminkten Wunden: "So kann ich authentischer spielen."

Regisseurin Karen Breece, selbst Schauspielerin, sagt: "Ich hätt's auch getan. So ist das mit den Perfektionisten." René Rastelli spielt den Schreiberling Licht in Kleists "Der zerbrochne Krug". "Sauber siehst aus", lob er Ingrid Zellner. "Richtig gut." Das ist nicht ironisch gemeint. Da spricht der Schauspieler zur Kollegin, weil sie so authentisch wirkt, wahrhaftig den Adam darstellt. Genau so, wie Kleist den Richter Adam mit Worten gezeichnet hat.