Süddeutsche Zeitung

Freiluft-Theater in Dachau:Die perfekte Adam

Lesezeit: 3 min

Am Kopf prangt eine Wunde, am Auge läuft eine blauschwarze Ader entlang - und die Glatze ist echt: Schauspielerin Ingrid Zellner hat sich für die Rolle als Kleists Adam die Haare abrasieren lassen.

Wolfgang Eitler

Besser als Heinrich von Kleist selbst kann niemand das Aussehen von Richter Adam, jenem hinterhältigen, wehleidigen und machtbewussten Gebieter über ein Dorf bei Utrecht skizzieren. Schreiber Licht begegnet Adam im Gerichtssaal.

Licht: Und was hat das Gesicht Euch so verrenkt?

Adam: Mir das Gesicht?

Licht: Wie? Davon wisst Ihr nichts.

Adam: Ich müsst ein Lügner sein - wie sieht's denn aus?

Licht: Abscheulich...Geschunden ist's, Ein Greu'l zu sehr. Ein Stück fehlt von der Wange. Wie groß? Nicht ohne Waage kann's ich schätzen.

Adam: Den Teufel auch!

Licht (bringt einen Spiegel): Hier! Überzeugt Euch selbst! Ein Schaf, das, eingehetzt von Hunden, sich durch Dornen drängt, lässt nicht mehr Wolle sitzen, Als Ihr, Gott, weiß wo? Fleisch habt sitzen lassen."

Ingrid Zellner alias Richter Adam tritt auf die Bühne vor dem Dachauer Rathaus. Wo sind ihre langen blonden Haare? Am Kopf prangt eine schrundige Wunde, am Auge läuft eine blauschwarze Ader entlang. Nein, eine Perücke trägt sie nicht.

Die ehemalige Dramaturgin des Nationaltheaters in München, Gründerin der Dachauer Jugendbühne im Theater am Stadtwald, Autorin und Übersetzerin schwedischer Literatur wird doch nicht? Ja, sie hat. Sie hat sich eine Glatze schneiden lassen. Ingrid Zellner streicht sich über den Kopf mit den geschminkten Wunden: "So kann ich authentischer spielen."

Regisseurin Karen Breece, selbst Schauspielerin, sagt: "Ich hätt's auch getan. So ist das mit den Perfektionisten." René Rastelli spielt den Schreiberling Licht in Kleists "Der zerbrochne Krug". "Sauber siehst aus", lob er Ingrid Zellner. "Richtig gut." Das ist nicht ironisch gemeint. Da spricht der Schauspieler zur Kollegin, weil sie so authentisch wirkt, wahrhaftig den Adam darstellt. Genau so, wie Kleist den Richter Adam mit Worten gezeichnet hat.

Warum Richter Adam "total Spaß" macht

Die Dachauer Theatergruppen proben vor dem Rathaus gemeinsam das Lustspiel um einen Richter, der sich selbst der Tat überführt. 25 Laien vom Theater am Stadtwald, den Etzahausa Theatara und der Ludwig-Thoma-Gemeinde wollen an diesem Wochenende den Erfolg ihrer ersten Freilichtinszenierung vergangenes Jahr in der Reihe des städtischen Musiksommers wiederholen.

Der Anspruch ist seit vergangenem Jahr enorm gestiegen. Denn Kleist zu spielen ist schwer. Die Sprache hat einen eigenen Rhythmus, der sich beim Lesen allein nicht erfassen lässt. Es ist ein Stück mit viel Hintersinn, aber eben auch mit einer sehr guten Geschichte. Eine, die sich temporeich erzählen und inszenieren lässt. Vorausgesetzt, die Schauspieler ziehen mit.

Regisseurin Breece erklärt Angelika Mauersich und Markus Kurbanoglu die Nuancen zwischen deklamatorischer Rechtfertigung und dem zarten Versuch des Liebespaares Eve und Ruprecht, nach heftigem Streit wieder miteinander zu sprechen. Beide brauchen noch das richtige Zeitgefühl für diese Gerichtsgeschichte.

Der Richterthron muss nach vorne gerückt werden, weil die Bühne sonst zu viel Tiefe bekommt und die Schauspieler sich darin verlieren könnten. Das wäre bei einer Freilichtinszenierung besonders nachteilig, weil die Intimität eines Theaterraums, die detaillierte Ausleuchtung der Figuren und Gesichter nicht möglich sind.

Aber Karen Breece hat ja Ingrid Zellner, "die Rampensau", wie sie sagt: "Das meine ich liebevoll." Die beiden kennen sich aus mehreren Inszenierungen. "Sonst muss ich zu den Schauspielern sagen, gebt 100 Prozent und du, Ingrid, 20." Aber diesmal fordert sie: "Gib alles."

Die Geschichte ihrer Regie für den Zerbrochenen Krug ist eine Geschichte der Rückschläge. Zuerst wurde Heinz Dietz krank, der den Adam spielen sollte. Dann suchte sich Breece in Ulrich Popp einen Profi, der krankheitsbedingt abgesagt hat. Ingrid Zellner war die einzige Alternative. Und vermutlich, man wird es am Freitag auf der Premiere bestätigt sehen, die einzigartige.

In knapp zwei Wochen bläute sie sich den Text ein. Sie testete Perücke um Perücke, aber wegen ihrer Haarpracht hielt keine. Und dann kam es zur Entscheidung: "Es ist einfach ein Unterschied, ob man so ein Plastikteil auf dem Kopf trägt, das einem alles zusammenzieht und das sich verzieht, oder eine echte Glatze hat."

Dieses andere Gefühl empfindet Ingrid Zellner als Freiheit im Spiel. Für sie sei klar gewesen, dass die Haare weg müssen, wenn sie den Richter wirklich darstellen will. Und außerdem laute ihr Lieblingssatz: "Nichts geschieht ohne Sinn."

Richter Adam ist ein Betrüger, ein Fiesling. Seine Komik resultiert aus dem Versuch, den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Ein Stichwort reicht ihm, um eine Lügengeschichte zu erzählen. Unvermittelt fletscht Ingrid Zellner die Zähne: "Aber er kann auch scheißfreundlich zu sein." Diese Ambivalenzen zu spielen "macht total Spaß".

Adam humpelt mit bandagiertem Fuß auf die Bühne. Der Richter hatte sich bei seiner nächtlichen Eskapade verletzt. Ingrid Zellner kokettiert nicht mit ihrer Leibesfülle, sie spielt den Mann in seiner abgründigen, selbstmitleidigen Schwergewichtigkeit.

Sie fläzt sich in den Thron und zieht mit weiter Geste die Blicke der Zuschauer während der Probe direkt und unmittelbar auf die Bühne; quasi als großes Versprechen auf einen spannenden und heiteren Theaterabend.

"Der Zerbrochne Krug", Openair-Inszenierung der Dachauer Theatergruppen, Premiere, Freitag, 23. Juli, 20.30 Uhr am Dachauer Rathausplatz. Weitere Aufführungen: Samstag, 24.Juli, und Sonntag, 25. Juli, jeweils 20.30 Uhr. Karten: Touristinformation (08131/75287).

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Quelle:
SZ vom 22.07.2010
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