Dachau Verblassen der Erinnerung

Eine Doppelausstellung des Fotografen Mark Mühlhaus und von Schülern des Josef-Effner-Gymnasiums in der KZ-Gedenkstätte versucht zu zeigen, wie Gedenken ohne Zeitzeugen funktionieren könnte.

ANDREAS GLAS

- Das erste, was auffällt, ist die Fülle. Die Fülle an Gesichtern. Zerfurcht, zergrübelt, aber voller Leben. Zeitzeugengesichter. Das nächste, was auffällt, ist die Leere. Der leere Bodensatz einer Zeit, die allmählich ihre Gesichter verliert. Weil ihre Zeugen immer weniger werden.

Fülle und Leere - das sind die ersten, scheinbar unvereinbaren Eindrücke der Foto-Doppelausstellung "Generationen" und "Blickwinkel", die am Dienstagabend in der KZ-Gedenkstätte Dachau eröffnet wurde. Wenn man so will, ist die Ausstellung eine Art Planspiel. Ein Planspiel, das auslotet, wie Erinnerung auch ohne Zeitzeugen funktionieren kann. In der Ausstellung geht es um die Erinnerung an den Holocaust und um die Frage, was Fotokunst tun kann, wenn irgendwann alle Überlebenden gestorben sind. Können deren Botschaften dann noch überleben?

Nicht nur thematisch, auch räumlich stehen die Bilder des Fotografen Mark Mühlhaus im Mittelpunkt der Ausstellung. Seine Bilderreihe "Generationen" zeigt Holocaust-Überlebende an jenen Orten, die für sie zum Trauma geworden sind: die KZ-Gedenkstätten Buchenwald, Mauthausen, Flossenbürg, Bergen-Belsen. Gedenkstätten, die früher Tatorte waren und heute Erinnerungsorte sind.

Da ist zum Beispiel das Foto von Hédi Fried, das während eines Zeitzeugengesprächs in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme entstanden ist. Auf dem Foto tippt sich die heute 88-Jährige mit dem Zeigefinger an die Stirn - eine Geste, die viel Raum lässt für Interpretation: Ist sie ein Plädoyer für die Gedächtniskultur? Ein Aufruf, dem Antisemitismus die Stirn zu bieten? Oder Ausdruck des Nicht-Verstehens, das Hédi Fried bis heute plagt?

Ein anderes Bild zeigt den polnischen KZ-Überlebenden Jan Rychlinski, der lachend vor einer Baracke der Gedenkstätte Mauthausen steht und die Faust in den Himmel reckt wie ein Fußballer, der ein wichtiges Tor geschossen hat. Diesmal ist es die Absurdität dieser Szene, die beim Betrachter Fragen aufwirft: Steht Rychlinskis Faust für die Freude, den Holocaust überlebt zu haben? Oder ist die Faust eine Kampfansage an eine Welt, in der es noch immer Fremdenfeindlichkeit gibt?

Mühlhaus' Bilder tun das, was auch die Zeitzeugen bis heute tun: Sie leisten Erinnerungsarbeit, indem sie von Schicksalen erzählen, indem sie Fragen stellen und den Betrachter regelrecht zum Denken zwingen - und auch dazu, sich in das Schicksal der Holocaust-Überlebenden und ihre Gefühlswelt zu versetzen. Aber - und hier kommt der zweite Teil der Doppelausstellung ins Spiel - nur wenige seiner Bilder kommen ohne Zeitzeugengesichter aus.

Es ist eine geschickte Methode der Veranstalter, den Mühlhaus-Porträts die Fotos von Schülern des Dachauer Josef-Effner-Gymnasiums und Freiwilligen der KZ-Gedenkstätte und des Max-Mannheimer-Studienzentrums gegenüber zu stellen. Sind es doch Werke von Erinnerungsarbeitern, deren Fotokunst irgendwann auf das Motiv der Zeitzeugengesichter verzichten muss. Wie Erinnerung dann aussehen könnte, zeigt die Fotoserie "Blickwinkel" eindrucksvoll.

Die Bilder der Jugendlichen, entstanden im Rahmen eines Workshops mit Mark Mühlhaus, sind kleinformatiger und abstrakter als die wuchtigen Mühlhaus-Porträts. Und auffällig ist eben die Leere, die praktisch jedes der insgesamt 17 Bilder prägt: der leere Bunkergang, der leere Appellplatz, nur vereinzelt wandeln Besucher über das frühere Dachauer KZ-Gelände. Die Leere ist hier der Schauplatz, an dem sich eine Wandlung vollzieht: weg von der Erinnerung aus der Vergangenheitsperspektive und hin zur Erinnerung, die ihren Ursprung im Hier und Jetzt hat. Man könnte auch sagen: Der Wandel von Erinnerung zu Geschichte.

Diese Geschichte - und das ist das Erstaunliche an den Fotoarbeiten der Jugendlichen - bleibt gleichwohl lebendig und gewinnt sogar an Dynamik, weil sie neue Blickwinkel öffnet. Und indem einige Bilder das Verblassen der Erinnerung zum Thema machen, werden sie zu einer Warnung gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen. Ins Licht fotografiert, verschwimmen manche Motive geradezu im Halbdunkel der Erinnerung. So zum Beispiel das Eingangstor zum jüdischen Mahnmal und die Skulptur von Nandor Glid vor dem Museum der Dachauer KZ-Gedenkstätte.

Andere Bilder behandeln die verblassende Erinnerung mit Hilfe ähnlicher Techniken. Mit geringer Tiefenschärfe fotografiert, wirkt beispielsweise das frühere Eingangstor zum Lager verschwommen und verliert an Farbe. Einfallendes Licht sorgt wiederum dafür, dass sich ein Nebel über die Gedenktafeln legt. Und damit auch wirklich kein Betrachter übersieht, worum es den jungen Künstlern geht, tragen die Arbeiten Titel wie "Schatten der Gefangenschaft", "Gespiegelte Erinnerung" oder ganz explizit "Verblassen der Erinnerung: Konstruierte Vergangenheit".

Wer sich zu Beginn des Ausstellungsbesuchs gefragt hat, wie Friedensbotschaften auch ohne Zeitzeugen überleben können, bekommt eine überzeugende Antwort: Es ist ausgerechnet das Motiv der Leere, mit dem jenes Vakuum gefüllt werden kann, das entstehen wird, wenn es eines Tages keine Zeitzeugen mehr gibt. Denn Leere ist manchmal Inhalt genug.