Wahlkampf Ein Verlierer der Bundestagswahl steht schon fest

An der Farbe lässt sich erahnen, dass dies ein SPD-Plakat war. Kandidatin Claudia Tausend und viele Mitbewerber haben Probleme mit Vandalismus.

(Foto: Florian Peljak)

Zerstörte Ständer, zerfetzte Plakate, Brandstiftung: Nach einem rabiaten Wahlkampf auf den Straßen Münchens liegt die politische Kultur am Boden.

Von Heiner Effern und Dominik Hutter

Man könnte jetzt auf Sahra Wagenknecht herumtrampeln. Buchstäblich. Das zerrissene Plakat mit ihrem Konterfei liegt mitten auf dem Gehweg, daneben befinden sich die traurigen Reste eines Dreieckständers. Irgendjemand mag die Spitzenkandidatin der Linken offenbar nicht, und in dieser Rolle ist sie nicht allein: Ob CSU, SPD, AfD, Grüne oder eben Linke - die Zerstörungswut in diesem angeblich so langweiligen Wahlkampf ist im Stadtbild schon seit mehreren Wochen nicht mehr zu übersehen.

Und so steht der Verlierer dieser Bundestagswahl schon fest, bevor die letzte Wahlurne ausgezählt ist: die politische Kultur. Die zertretenen Holzplatten und zerfetzten Transparente künden davon, was mancher unter politischer Auseinandersetzung versteht: Zuschlagen, zutreten - bisher immerhin nur gegen Gegenstände. Auch ein Wohnmobil ist dabei: Ein in Zamdorf abgestelltes Wahlkampffahrzeug der Bayernpartei ist Anfang September komplett ausgebrannt. Die Polizei geht von Brandstiftung aus.

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Die giftige Atmosphäre hat mitunter abstruse Folgen: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post, der im Münchner Norden kandidiert, hat sich nach eigener Auskunft schon einmal für fünf Stunden im kalten Auto auf die Lauer gelegt, um einen oder mehrere Zerstörer auf frischer Tat zu ertappen. Passiert ist nichts in dieser Nacht. Post hat nach den kostspieligen ständigen Neuplakatier-Aktionen der vergangenen Wochen die Nase voll gehabt und zwischenzeitlich ernsthaft darüber nachgedacht, einen Wachdienst zu beauftragen. Letztlich haben dann Ehrenamtliche diese nervige Aufgabe übernommen - ohne jemanden zu ertappen allerdings.

Auch der AfD war der Kampf gegen die Randalierer viel Geld wert. Theoretisch zumindest. Denn letztlich wurde der mit 20 000 Euro bestückte Topf, aus dem Belohnungen für ertappte Straftäter ausgelobt worden waren, gar nicht angezapft, berichtet der Bundestagskandidat Wolfgang Wiehle. Eine präventive Wirkung habe die Kopfgeld-Aktion aber durchaus entfaltet, davon ist der frühere CSU-Stadtrat überzeugt. Die Angst, erwischt zu werden, habe wohl Leute vom Zerstören weiterer Plakate abgehalten. Zumindest habe sich die Situation nach Bekanntmachung des Belohnungsetats etwas entspannt.

Die CSU verzeichnet Attacken auf ihre Plakatständer in einer Zahl, die nicht vergleichbar ist mit den Vorfällen bei vergangenen Wahlen. "Die Masse und die Schnelligkeit, bis das neue geklebte Plakat wieder zerstört ist, sind deutlich angestiegen", sagt Geschäftsführer Frank Gübner. Seit Mitte Juli führt er eine Statistik, die er auch an die Polizei weiter gibt. "Bis Anfang der Woche waren es 160 Zerstörungen."

Schlimme Folgen hätte der Anschlag auf das Wohnmobil der Bayernpartei haben können. "Wenn da einer unser Wahlkämpfer drin übernachtet hätte, um früh am nächsten Morgen loszufahren, wäre der tot", sagt Richard Progl, Stadtrat und Vize-Landeschef. "Das ist der Demokratie nicht würdig." Brandstifter hatten nach bisherigen Erkenntnissen Grillanzünder auf einem Vorderrad angezündet. Das Auto geriet in Brand, die Gasflasche im Inneren explodierte.

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