bedeckt München

Zerrissene Wahlkampfplakate:Zerstörungswut hat mit Demokratie nichts zu tun

Beschädigte Wahlplakate in München, 2017

Beschädigte Wahlplakate sind überall in München zu finden.

(Foto: Florian Peljak)

In diesem Bundestagswahlkampf tauchen kaputte Plakate noch häufiger auf als früher. Die Schuld wird jeweils beim politischen Gegner gesucht.

Kommentar von Dominik Hutter

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Zwei Kreuze machen, einwerfen, fertig - so funktioniert Bundestagswahl. Irgendwer aber scheint diesmal eine andere Gebrauchsanleitung für die politische Auseinandersetzung veröffentlicht zu haben: Plakate umhauen, zerreißen, wegrennen. Am Straßenrand ist zu sehen, wie viele "Demokraten" diese Regel bereits verinnerlicht haben. Zerstörte Plakatständer liegen auf den Gehwegen herum, halbe Kandidatengesichter lächeln von zerfetztem und beschmiertem Papier.

"So etwas gab es noch nie", ärgert sich der SPD-Politiker Florian Post, dessen Plakatierer die Vernichtung von etwa einem Viertel sämtlicher Wahlplakate registriert hat. 100 Ständer seien komplett verschwunden. Auch seine Parteifreundin Claudia Tausend berichtet, dass in Haidhausen zeitweise "praktisch jeder Plakatständer betroffen" war. Seit Anfang Juli habe die SPD im Münchner Osten ein Dutzend Standorte verloren.

Die AfD spricht sogar von Verlusten bis zu 80 Prozent - vor allem in Innenstadtnähe, aber auch weiter draußen wie in Forstenried. In manchen Straßen seien sämtliche Plakate gestohlen oder zerstört worden. Eine "Verrohung der politischen Umgangsformen" sei das, schimpft der Kandidat Wolfgang Wiehle. Die Partei will nun mit einer Belohnung die Randalierer zu fassen kriegen: 400 Euro soll erhalten, wer einen Straftäter der Polizei übergibt. Insgesamt stehe dafür ein Budget von 20 000 Euro bereit, das reicht für 50 Täter.

Damit nun nicht nach Wildwestmanier die Kopfgeldjäger ausrücken, richtet sich das Angebot in erster Linie an Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen, die ohnehin nachts auf den Straßen unterwegs sind. Wiehle, der einst CSU-Stadtrat war, will aber nicht ausschließen, dass auch für Nicht-Profis etwas abfällt, wenn sie einen Rowdy auf frischer Tat ertappen.

Die Schuldfrage ist bereits geklärt: Der jeweils andere war es. Post geht davon aus, dass die Täter zum Umfeld der AfD gehören, Wiehle tippt eher auf das "links-grüne Spektrum". Und dann gibt es natürlich auch noch frustrierte Betrunkene, die nachts gerne irgendetwas kaputt schlagen. Für sämtliche, auch weitere potenzielle Tätergruppen gilt: Mit Politik hat das nicht das Geringste zu tun.

© SZ vom 29.08.2017/vewo
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